Ein Gespräch mit Hans-Peter Dürr
„Die Lebendigkeit hat keine Chance.“
Was hält die Welt im Innersten zusammen? Womit gehen wir eigentlich um, wenn wir mit der Welt umgehen? Inwiefern „tötet“ die moderne Naturwissenschaft die Welt? Wie verändern wissenschaftliche Modelle unsere Wirklichkeitswahrnehmung? Inwiefern führt die Verfeinerung der physikalischen Modelle zu einer Vergröberung unserer Wirklichkeitssicht? Was haben Physik und spirituelle Erfahrung mit einander zu tun? Und in welchem Verhältnis stehen mikrophysikalische Erkenntnisse zu unserer Alltagswahrnehmung? Diesen Fragen geht Hans-Peter Dürr im Gespräch mit uns nach. Er legt dar, inwiefern die Naturwissenschaften mehr und mehr zu einer „Wissenschaft des Toten“ wurden, die das Prinzip der Lebendigkeit aus der Betrachtung der Natur, der Welt, des Menschen verbannt, keinen Raum für die Lebendigkeit bietet. Oder jedenfalls keine Sprache. Und wie sehr die mathematisierten Naturwissenschaften uns daran gewöhnt haben, das in der Sprache der wissenschaftlichen Modelle Unsagbare als das schlechthin Inexistente zu betrachten nach dem Motto: „Was wir nicht auszudrücken vermögen innerhalb unserer Modelle, das gibt es auch nicht. Jedenfalls können wir darauf keine Rücksicht nehmen.“ Und warum genau das – die Herrschaft nämlich einer, wenn man so will, „naturwissenschaftlichen Ignoranz“ – fortschreitend zu einer Kastrierung, einer substantiellen Amputation oder Querschnittlähmung der Wirklichkeit geführt hat. Dürr stellt fest, dass wir in einer Welt leben, in der das eigentlich Lebendige fast keine Chance mehr hat, worin er den Grund sieht für die Verwüstungen, die unsere Zivilisation allerorten anrichtet.
Der Atomphysiker Hans-Peter Dürr, einer der namhaftesten Wissenschaftler seiner Generation, der bei dem „Vater der Wasserstoffbombe“, Edward Teller, 1956 promovierte, war fast zwei Jahrzehnte Mitarbeiter des Nobelpreisträgers Werner Heisenberg und dessen Nachfolger als Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik in München. Dürr, der 1929 in Stuttgart geboren wurde, ist Träger des Alternativen Nobelpreises und einer der profiliertesten Kritiker der eigenen Wissenschaft, der seit Jahrzehnten in seinen Publikationen und seiner ausgedehnten Vortragstätigkeit bemüht ist, fachwissenschaftliche Erkenntnisse im Rahmen interdisziplinärer Ansätze in Beziehung zu setzen zu wissenschaftshistorischen, gesellschaftlichen und politischen Realitäten und Entwicklungen.
Ist die abendländische Philosophie und Wissenschaftsgeschichte durch einen „Natur-Kultur-Dualismus“ geprägt, der sich anthropologisch in einem „Leib-Geist-Dualismus“ reflektiert?
Ich habe immer den Eindruck gehabt, dass man in unserer Kultur nicht nur die Natur, sondern auch den Menschen in Kategorien aufteilt. Die Gottähnlichkeit etwa galt ja lange Zeit nur für den Mann, während die Frauen zur Natur gerechnet wurden. Und dass es überhaupt etwas wie Kultur gibt, hat etwas mit der Außenansicht zu tun. Dass man sich zusätzlich zum Innenerleben von außen ansieht. Und das Innenleben sprechen wir der Natur eben ab.
Wie ist Ihr Verhältnis zu östlichen Weisheitslehren und Religionen? Worin sehen Sie die entscheidende Differenz zur abendländischen Tradition?
Ich werde immer wieder gefragt, ob es Ähnlichkeiten zwischen östlichen Religionen wie dem Hinduismus, Buddhismus oder Taoismus gebe. Und ich kann immer nur erwidern: Ich kenne diese Lehren im einzelnen gar nicht. Ich habe zudem den Eindruck, dass etwa der Taoismus gar keine Religion ist. Ebenso Hinduismus und Buddhismus.
Sondern eher ethische Lehren?
Ja, eher Ethiken. Man kann sich auf der Grundlage dieser Lehren, denke ich, immer noch entscheiden, ob man zum Beispiel Christ ist. Und ich glaube, dass man sich auf dieser Grundlage gar nicht für konfessionelle Bindungen und Limitationen entscheidet.
Geht man von der Physik aus, so kann man sagen, dass wir mit dem Materiellen anfangen. Die Asiaten aber tun das nicht. Sie sagen: „Nein, das ist eure Kultur. Weil ihr handeln wollt. Und der Handelnde muss eine äußere, materielle Welt haben, etwas, auf das sich sein Handeln beziehen kann. Der Dualismus ist notwendig, um handlungsfähig zu sein.“ Dabei gibt man aber gar nicht wirklich die Adualität auf, sondern stellt eher eine „Als-ob-Betrachtung“ an: Um handlungsfähig zu sein, muss man so tun, als ob es diese Dualität gäbe. Man muss sich der Natur gegenüberstellen, als ob man von der Natur verschiedenartig wäre. Auf der Grundlage der östlichen Weisheitslehren wäre dann zu sagen: „Ihr habt das übertrieben. Ihr schaut die Welt eigentlich gar nicht mehr wirklich an, sondern seid immer schon damit beschäftigt, ein Modell aus ihr zu machen.“ Die Welt wird dann zu einem Ding, wobei sie nicht mehr als Objekt zu einem Subjekt in Beziehung steht, sondern vielmehr geradezu isoliert wird vom Subjekt. Dieses Modell – das wir Realität nennen – ist Ergebnis einer Angleichung an das, was wir begreifen können. Und wir begreifen eben nicht, dass wir lediglich eine extrem reduzierte Welt auf diese Weise, durch diesen Kanal sehen. Unser Wirklichkeitsmodell ist wie ein Sieb, durch das das meiste durchgeht. Und selbst das, was wir sehen, wird reduziert, indem ich wirklich nur intellektuell wahrnehme, es nur begrifflich fasse – und dann gleich wieder lasse. Und Menschen, die von östlichen Lehren geprägt sind, sagen dann: „Und in diese extrem reduzierte Welt wollt ihr nun alles hineinzustopfen, die Natur. Da habt ihr selbstverständlich Widerstand, weil die Natur so viel größer ist als euer Wirklichkeitsmodell. Und deshalb nehmt ihr Spaltung vor und behauptet, dass alles, was nicht begrifflich sch fassen lässt, auch nicht existiert. Der Begriff Existenz selbst hat ja bereits mit dieser Spaltung zu tun: dass überhaupt etwas ist, hat mit dieser Reduktion zu tun.
Man könnte ja aber auch sagen: Gut, ich habe eine Sache nicht verstanden, aber sie existiert dennoch. Dann käme man von einer ganz anderen Seite. Und im Gespräch mit Chinesen oder Japanern fällt mir immer wieder auf, dass sie viel leichter verstehen, was ich meine, wenn ich von der Notwendigkeit der Erweiterung unseres Weltbildes spreche.
William Blake, "Isaac Newton", 1795, Farbdruck mit Stift. © Public Domain.
Sie konstatieren ein Sich-Klammern an die Modelle. Das Sich-Klammern etwa an die Dualität von Subjekt und Objekt führt in manchen Bereichen der Wissenschaft ja geradezu dazu, das Subjekt selbst noch zu objektivieren, zu „materialisieren“: Der Mensch, das Bewusstsein erscheint nurmehr als eine Abfolge von biochemischen Prozessen, die im Gehirn ablaufen... Von einer Seele mag die Wissenschaft heute nicht mehr sprechen, nicht wahr?
So ist es. Die Abtrennung, von der ich sprach, operiert überaus erfolgreich. Der Mensch entdeckt, denke ich, die Abspaltung zunächst als Abspaltung aus der Einheit mit der Mutter. Die Mutter wird sozusagen zu etwas Äußerem. Und das zweite Du, das er kennen lernt, ist die Anwendung, die Rückführung dieser Trennung auf sich selber. Er schaut sich selbst im Spiegel an und stellt fest, dass das Prinzip der Dualität ihm Handlungsfähigkeit ermöglicht. Aber diese Dualität ist ein Konstrukt. Und in gewisser Hinsicht sehen wir das auch in der Mikrophysik, wo man gewissermaßen die Dualität auflöst, sie aber im Vorgang der Vergröberung erzeugt wird, weil man die feinen und feinsten Verbindungen nicht mehr aufnimmt. Man sieht den Ameisenhaufen, aber verzichtet auf die Ameisen. Und der Ameisenhaufen erscheint dann als ein Kegel im Wald, der sich nicht ändert, als stabiles Gebilde. Das ist eine Vergröberung, die von uns konstruiert wird und die dazu führt, dass man die Details vernachlässigt. Und auf diese Weise – die der Vergröberung nämlich – entstehen ja unsere Begriffe. „Der Mensch“ - den gibt es ja nicht. Aber für jemanden, der in der Wirtschaft tätig ist, reicht halt der Begriff „Mensch“ aus. Es geht dort ja lediglich um Zahlen: Wie viele Menschen gibt es? Wie viele Autos kaufen sie? In dieser Art. Und daraus kann man dann „Gesetze“, „Gesetzmäßigkeiten“ ableiten, die ja aber nur konstruiert sind. Und das Entscheidende ist, dass dabei über das Wesentliche, die Spezifika des Menschseins wie Emotionen einfach weggemittelt wird.
Insofern ist die fortschreitende Mathematisierung der Wissenschaften, auch eben der so genannten Geisteswissenschaften ein Problem?
Genau. Die sind so begeistert davon, dass die Physik alles so genau ausdrücken kann. Genau mit der Genauigkeit aber zerstören sie das, was wir lebendig nennen. Denn das Lebendige lässt sich nicht genau fassen. In der Vergröberung kommen die Trennungen zustande. Und wenn man in der Vergröberung ist und alles getrennt hat, in dieser von uns gemachten Welt erscheinen wir uns als die Götter, die mit dieser Welt hantieren. Dadurch entsteht die Illusion, wir bräuchten das Andere, das „Fremde“ - etwa die Natur – nicht. Und wir sind auch nicht daran interessiert, weil in dem Maße, in dem das Andere eine Rolle spielt, ist unsere Macht ja eingeschränkt. Da sagt man dann lieber, das seien alles Träumerein und so weiter.
Wirklichkeitsaneignung als Machtstrategie?Und diese Strategien gegenüber der Natur „draußen“ wenden wir fortschreitend auch auf die eigene Natur an. Etwa in der Biotechnologie. Ist das nicht aber eine Illusion? Denn diese „Selbstermächtigung“ ist doch zugleich eine beispiellose Entmachtung des Menschen im Sinne des eigentlich Menschlichen an uns?
Der Mensch wird zu einer Art Roboter reduziert. Und im Grunde wissen die Wissenschaftler das und fragen sich dann: Ja, wie kommt jetzt aber das Lebendige wieder herein? Die Antwort: Auf diesem Wege, auf dem Wege der Naturwissenschaften ganz bestimmt nicht! Weil sie das Lebendige am Menschen zu einer Maschine machen und den Roboter wohl gar verlässlicher finden, weil er nicht mehr diese Offenheit des Lebendigen hat, sondern vollends beherrschbar ist.
Das Lebendige ist indessen das Entscheidende. Das hat Heisenberg gezeigt, der ja eine Art Künstlerwissenschaftler war, der sagte, man müsse erst das Lied hören, bevor man die Noten niederschreibt. Man müsse also beim Lebendigen anfangen. Er hat nämlich gezeigt, dass es gar nicht um Dinge geht, sondern um Prozesse. Und wenn es um Prozesse geht, dann können wir auch verstehen, dass es eine große Rolle spielt, welche Elemente zuerst da sind. Im Falle eines Duells spielt es natürlich eine große Rolle, ob der eine oder der andere zuerst den entscheidenden Stoß führt. Daran sieht man, dass die Urelemente nicht Begriffe sind oder Dinge, sondern Prozesse. Und das Dingliche verschwindet dabei gar nicht. Hier zeigt sich auch, dass die Trennung von Subjekt und Objekt ein unhaltbares Konstrukt ist. Diese Trennung ist eine Kastrierung – der Wirklichkeit, des Menschen selbst, der Natur. Es geht nicht um A und B, sondern um den Prozess, an dem beide beteiligt sind. Es gibt überhaupt nur die Verbindung ohne A und B. Die Wirklichkeit ist eine Aneinanderreihung von Prozessen.
Die Biologen werden scheitern, wenn sie sagen, sie wollen das Lebendige in der Sprache der Physik ausdrücken. Das geht nämlich gar nicht. Die Lebendigkeit hat da keine Chance, spielt da keine Rolle. Das ist dann tote Materie. Auf diese Weise kann die Biologie das Lebendige nicht verstehen, weil sie nicht erklären kann, warum ein unaufgeräumter Schreibtisch die Möglichkeit hat, wieder geordnet zu werden. Wir brauchen dazu nämlich eine ordnende Hand. Und die ist wiederum mit arbeitsfähiger Energie verbunden, die wir in der Physik auch Exergie oder Syntropie nennen, also ein Maß für die Ordnung oder Geordnetheit von Zuständen. Ich kann meinen Schreibtisch eben nicht aufräumen, indem ich nur eine geordnete Bewegung diszipliniert ausführe. Mache ich das, nähme ich ein Papier und legte es geordnet ab, ordnete ich dennoch nicht, wenn ich es zuvor nicht angucke und mir überlege, auf welche Weise ich es ordnen will. Nehme ich das Papier nur und lege es sauber irgendwo ab, ist das Ganze auf andere Weise genauso ungeordnet wie zuvor. Ganz wichtig ist der Augenblick, da ich sage: Erledigt rechts, unerledigt links. Dann erst entsteht eine höhere Ordnung. Ohne diese Entscheidung aber werde ich aus der Unordnung niemals eine Ordnung machen, trotz aller aufgewendeten Energie.
Sowohl Schöpfungstheologien wie bestimmte philosophische Disziplinen weisen dem Menschen qua Rationalität eine „Sonderstellung im Kosmos“ zu. Beurteilen Sie eine solche Auffassung als problematisch?
Jedenfalls stellen wir als Physiker fest, dass alles Lebendige, das sich abspielt, sich anders abspielt als das, was nicht lebendig ist. Und bei uns Menschen kommt hinzu, dass wir entscheiden können, eine Sache so oder so oder gar nicht zu machen. Nur heißt das eben nicht, dass wir den Tieren die Fähigkeit einfachhin absprechen können. Wir nennen es beim Tier Instinkt. Aber ist nicht der Instinkt wiederum eine Entscheidung, eine Schlussfolgerung, die nicht statistisch beliebig ist.
Und in geistesgeschichtlicher Perspektive? Etwa das „Macht Euch die Erde untertan“ der Genesis ist doch auch Ergebnis einer bestimmten Konzeption von Rationalität? Zeitigt ein solches Rationalitätskonzept nicht mehr und mehr Probleme? Im Umgang mit der Natur, den Tieren zum Beispiel?
Indem der Mensch sich im Spiegel betrachtet, kann er sozusagen sein Spiegelbild, das eine Form der Verdinglichung ist, verwenden, um die Zukunft rational zu beeinflussen. Er leitet dann nicht mehr aus einer holistischen Betrachtung eine Handlung ab, sondern aus einer Betrachtungsweise, die aus der Verdinglichung der Dinge hervorgeht. Auf diese Weise kann er dann lokal agieren. Wenn man den Materiebegriff hat, kommt ja überhaupt ein possessives Moment hinein, man kann plötzlich sagen: Das ist meins. Das kann ich in die Hand nehmen. Der Begriff ist das, was ich im Griff habe. Und wenn ich etwas im Griff habe, gehört es mir, weil die anderen es nicht im Griff haben. Denn was in meiner Hand ist, ist nur in meiner Hand und nicht in den Händen der anderen. In dem Augenblick, wo ich mit dieser Vereinfachung (also der Verdinglichung) arbeite, zerfällt die Welt in Stücke. Und dann geht es fast nur noch um die Frage, wer was bekommt. So kommen wir in diesen komischen Zustand, da wir die Welt zerlegen, sie damit rational zugänglich machen und nach unseren Vorstellungen ordnen. Das Ergebnis ist, dass man damit zwar die grobe Form in den Griff bekommt, aber das, was mit dem Lebendigen zu tun hat, zerstört, es radikal abwertet, indem man es im Grunde als den Störenfried betrachtet, der isoliert werden muss. Das führt am Ende dann dazu, dass man den Roboter dem Menschen vorzieht, weil er doch so viel verlässlicher ist.
Ist Ihrer Auffassung nach die Naturwissenschaft in vielen Bereichen eine Wissenschaft des Nichtlebendigen, statt eine Wissenschaft des Lebendigen zu sein? Mehr noch das Lebendige mehr und mehr im Rahmen einer Wissenschaft des Nichtlebendigen zu überführen, „abzutöten“ sucht, um es vermeintlich in den Griff bekommen zu können?
Das ist tatsächlich die Naturwissenschaft. Und die Geisteswissenschaften tun so, als täten sie das nicht. Aber sie wollen es ja auch immer mehr. Darin liegt der ganze Fehler. Die Physiker werden um ihrer Genauigkeit willen beneidet. Die Physiker wüssten genau, was richtig und was falsch ist. In gewisser Hinsicht stimmt das ja sogar. Nämlich wenn sie das Äußere soweit reduzieren, dass es in jeder Hinsicht greifbar wird, können sie es gewissermaßen bestimmen.
Aber das Prinzip des Lebendigen ist eben nichts Greifbares? Indem man es verloren gehen lässt, geht auch das eigentlich Menschliche verloren?
Ja, das wird preisgegeben. Und dabei geht dann die kreative Quelle verloren. Wir opfern also genau das, was eigentlich das Wesentliche ist. Wenn wir zum Beispiel über Nachhaltigkeit sprechen, so müssen wir Acht geben, dass wir kein statisches Verständnis zugrunde legen. Es kann dabei nicht um einen ganz bestimmten Status quo gehen. Im Gegenteil ist es ganz entscheidend, dass wir betonen: Die Welt enthält das Lebendige. Und eben nicht annehmen, dass das Lebendige die Welt ist, die wir begreifen können, nur eben komplizierter, nicht errechenbar. Nein, so ist es nicht! Das Lebendige ist gewissermaßen außerhalb. In dem Augenblick, da ich das zugebe, können wir die Welt nicht mehr in den Griff bekommen. Und dann sehen wir sogar, dass das Einzige, was wirklich wächst, wirklich zunimmt, ist die Lebendigkeit. In phantastischen Formen. Diese Offenheit. Wir sind eben nicht vollends oder in jeder Hinsicht den Naturgesetzen unterworfen.
Wenn ich mit Ökonomen spreche, sagen die: „Ihr Physiker seht immer die Begrenzungen der Energie usf. Bei uns in der Wirtschaft aber gibt es keine Grenzen. Ihr aber überseht, dass der Mensch kreativ ist. Welche Probleme auch immer kommen, wir können ruhig weitermachen. Denn irgendwann wird uns schon eine Lösung einfallen.“ Und ich stelle dann immer fest, dass die Lösungen ja nicht ihnen einfallen, sondern den Wissenschaftlern, den Physikern und Ingenieuren. Und die Physiker sind eben so arrogant zu sagen: „Ja, das Unmögliche geht schon. Es ist nur teurer.“
Hängt das Prinzip der Lebendigkeit mit der Transzendenz zusammen?
Ja. Was in der Religion als Transzendenz vorkommt: das für uns Unerreichbare. Für mich drücken alle Religionen das Eine in unterschiedlicher Weise aus. Ich selber kann mit Christus – offen gesagt – wenig anfangen. Jesus ist mir sehr geläufig. Aber er ist nicht der Einmalige. Ich sehe da sehr viele Menschen, die diese Funktion haben. Und ich glaube, ich brauche Jesus nicht, weil ich mir eine Verbindung vorstellen kann ohne A und B. In dem zuvor beschriebenen Sinne. Das heißt, ich selbst habe teil und brauche keinen Übersetzter oder Mediator. Ich meine, ich habe teil am Lebendigen in mir nicht nur als etwas bereits Festgelegtem, das an die Oberfläche kommt, wenn ich kreativ bin. Ich stelle das immer wieder in der Kommunikation mit anderen fest. Wenn die Kommunikation in eine Art Kommunion übergeht und man gar nicht mehr recht weiß, wovon man spricht und ob es von mir oder dem anderen stammt. Sondern man tastet sich vor, ohne dass man es begrifflich fasst. Und wenn man das einmal erlebt hat, dann wird man aufmerksam. Wissen Sie, ich habe das von Heisenberg gelernt, der es seinerseits von Nils Bohr hatte. Ich habe es später einen liebenden Dialog genannt. Der läuft anders ab, weil er vor allem das Positive herausnimmt. So wie man mit einem Kind Pingpong spielt, indem man ihm den Ball zuspielt und man bemüht ist, den Ball im gemeinsamen Spiel zu halten, der mit jedem neuen Hin und Her mehr und mehr Gestalt annimmt und man zu immer neuen Ergebnissen kommt.
Das intensive Gespräch ist gemeinsame Kreation?
Genau das. Und dann merkt man, dass wir im Grunde vor einem Hintergrund leben, der bereits sehr, sehr bearbeitet ist, so dass wir nicht alles neu machen müssen. Und das sollte auch in unserer Ausbildung eine Rolle spielen. Dass wir nicht die Kinder und Jugendlichen zwingen, Dinge zu lernen, die schon feststehen, das ist die Frage und das ist die Antwort. Denn dann ist es kein Wunder , wenn man junge Menschen trifft, die sagen: „Ich bin immer gut in der Schule gewesen, habe immer ganz tolle Zeugnisse gehabt, ich habe 200000 Fragen mit ihren exakten Antworten gelernt. Jetzt bin ich draußen im Leben – und nicht eine einzige dieser Fragen ist mir je wieder gestellt worden!“ Und ich kann dann nur sagen: Ja, das kann ich mir sehr gut vorstellen. Die Menschen meinen, mit ihren fixen Fragen und fixen Antworten die Welt eingefangen zu haben. Aber sie sehen nicht, dass alle diese Fragen und alle diese Antworten nur vereinfachte Formen sind.
Und hinsichtlich des Zwischenmenschlichen gehen Sie von einem ursprünglichen, vorgängigen Einvernehmen aus, auf das man Vertrauen kann und in das man Vertrauen entwickeln muss?
Das ist der Punkt. Das genau ist es, was unsere Zivilisation kaputt macht. Der Wettbewerb ist das Instrument, das dieses Vertrauen unter den Menschen zerstört. Weil jeder sagt: Ich muss unbedingt das behalten, was ich habe. Anstatt dass er sagt: Ich brauche den Anderen. Um das Andere im Hintergrund mit einzufangen, es mir in Erinnerung zu bringen. Und wenn ich eine Idee habe, probiere ich das an dem anderen aus. Und ich freue mich, wenn er kritisch ist. Dann muss ich nicht selbst kritisch mit mir sein. Denn das ist doch eigentlich die psychologisch schwierige Situation, dass ich der Kreative bin und zugleich der, der es kaputt macht. Da muss ich ja immer so hin und her springen, innen, außen, innen, außen. Und am Ende ist alles kaputt.
Ihr jüngstes Buch konstatiert eine „Welt im Umbruch“. Und fordert ein „neues Denken“. Worin besteht Ihrer Auffassung nach die Zäsur, worin die neuen Denknotwendigkeiten?
Der Umbruch besteht darin, dass wir sehen, das wir mit dieser Welt, die wir im Augenblick vor uns haben, eine Welt ist, in der das Lebendige eigentlich nicht mehr möglich ist. Und wir sollten erkennen, dass wir eine Teilhabe am Lebendigen haben. Und wir sollten uns nicht orientieren an der Theorie des Toten, die die mathematisierte Naturwissenschaft in weiten Bereichen hervorbringt. Diese Theorie ist mit enthalten, aber wir haben eben andere. Das müssen wir wieder erkennen. Und das bedeutet, dass wir die omnipräsente Wettbewerbssituation loswerden müssen. Jeder soll einzigartig sein und seine Individualität einzigartig ausdrücken, aber zugleich wissen, dass es die anderen gibt, deren Individualität die eigene ergänzt. De Aufgabe ist, kreativ zu sein und das Verschiedenartige so zusammenzubauen, dass es sich positiv ergänzt. Anstatt Monopoly Panopoly. So dass man ein Ergebnis bekommt, bei dem alle diese Unterschiedlichkeiten als neue Elemente in einem Größeren da sind. Jede Perspektive ist so wertvoll wie die eigene. Und wenn wir uns in einer Perspektive nicht genug auskennen, weil wir im Gebirge, nicht am Ozean aufgewachsen sind, können wir den anderen um Hilfe bitten.
Sie würden sagen, dass der Mensch ursprünglich, konstitutionell offen ist für spirituelle Erfahrung? Dadurch dass er am Prinzip der Lebendigkeit teil hat, steht er der Lebendigkeit offen?
Richtig. Und wir sind jetzt in der Situation, dass wir sagen: „Öffne dich bloß nicht zu sehr, sonst bist du nicht handlungsfähig.“ Ich meine, die bloße Entsagung, der Rückzug wie in östlichen Lehren reicht mir auch nicht. Sondern ich sage, dass für mich die Existenz in der Welt verbunden ist mit der Aufgabe, dass ich handlungsfähig bin. Damit steige ich natürlich gewissermaßen aus aus der ursprünglichen Verbindung. In der Art einer Infektion. Aber diese Infektion rüttelt mich auf: Du bist lebendig. Und von dieser Erkenntnis geht das „neue Denken“ aus.
Text und Interview: GAB