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Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski, Windmühlen in West-Sibirien, 1912. © Public Domain.
21.06.2010

Windenergie

Vom Iran nach Holland

Während Europa moderne Windparks auf hoher See errichtet, wähnt mancher den Nahen Osten vor dem Abstieg in die Barbarei. Gerade das Beispiel Windkraft verdeutlicht, dass die Verhältnisse einst völlig anders lagen. Wie viele andere Erfindungen gelangte auch die Idee einer Windmühle erst im Mittelalter von Ost nach West.

Wer heute an Windmühlen denkt, hat unwillkürlich eine sattgrüne friesische Landschaft vor Augen. Tatsächlich dürfte die Windmühle aber aus einem wüstenähnlichen Gebiet stammen. Die ältesten verlässlichen Belege verweisen auf Seistan im äußersten Osten des heutigen Iran. Eingefasst von Gebirgszügen, bildet die Region eine weite Mulde, durch die der Nordwind bläst. Schon im 10. Jahrhundert verstanden sich die Bewohner Seistans meisterhaft darauf, ihre karge Heimat mithilfe dieses zuverlässig wehenden Windes urbar zu machen.

So beschreibt der berühmte persische Geograph al-Masudi im Jahr 947 Seistan als "ein Land von Wind und Sand. Der Wind dreht dort Mühlen, die Wasser aus Brunnen zur Bewässerung von Gärten heben." Etwa zur gleichen Zeit berichten andere Autoren, das Korn werde in Seistan ausschließlich in Windmühlen gemahlen. Doch damit nicht genug: Die Bewohner lenkten den Wind auch durch Holzbarrieren, um Flugsand aus Oasengebieten zu entfernen.

Mitunter wird auf einen anekdotenhaften Bericht über Windmühlenbau im Persien des 7. Jahrhunderts und sogar auf den legendären babylonischen König Hammurabi im 18. Jahrhundert vor Christus verwiesen. Dieter Lohrmann von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen steht diesen Hinweisen jedoch skeptisch gegenüber. Die Anekdote über einen Zimmermann und einen Kalifen sei gut dreihundert Jahre später niedergeschrieben worden, gibt der Historiker zu bedenken. Und Hammurabi habe die Nutzung der Windkraft vielleicht erwogen. Dass er diese Überlegungen auch umgesetzt habe, sei jedoch wenig plausibel, "weil genügend Wasserkraft in Ableitungen aus Euphrat und Tigris zur Verfügung stand und die Windtechnik schwerer zu beherrschen ist als die Wassertechnik."

Dieter Lohrmann hält es vielmehr für denkbar, dass die Windmühle Seistan aus dem Norden erreicht hat – aus dem Gebiet um Samarkand im heutigen Usbekistan. Mehr als eintausend Kilometer nordöstlich von Seistan gelegen, war die Stadt an der Seidenstraße über Jahrhunderte nicht nur ein Zentrum des Handels, sondern auch der Technologie. Das Wissen um die Papierherstellung etwa gelangte ab Mitte des 8. Jahrhunderts über Bagdad bis nach Spanien, nachdem die Perser das als Transoxanien bezeichnete Gebiet um Samarkand erobert hatten. Vielleicht nahm die Windmühlen-Technik einen ähnlichen Weg.

Wer auch immer die Windmühle nach Europa brachte, ob noch die Muslime, Händler oder die Kreuzfahrer – letztlich hat im Westen nur die Grundidee überdauert. Die östlichen Windmühlen trugen auf einer vertikalen Achse ein "liegendes" Schaufelrad, auf das der Wind durch gemauerte Düsen gelenkt wurde. In Europa dagegen, wo der älteste sichere Beleg für eine Windmühle aus dem Jahr 1180 stammt, waren die Mühlen völlig anders konstruiert. Hier setzte man von Anfang an auf "stehende" Flügelräder auf einer horizontalen Achse, bei der frühen Bockwindmühle wie auch bei heutigen Offshore-Riesen mit ihren mehr als 100 Meter großen Rotoren.

Gewisse Startschwierigkeiten blieben schon im Mittelalter nicht aus, weiß Dieter Lohrmann zu berichten: "Tatsächlich stieß die westliche Windmühle wie fast jede bedeutende Innovation – in unserer Zeit zum Beispiel die Förderung privater Anlagen zur Produktion von Wind- und Solarstrom – gerade auch in England schnell auf Widerstand älterer privilegierter Körperschaften", schreibt der Historiker in einer 1995 erschienenen Abhandlung über die östliche und die westliche Windmühle. Schließlich seien an den europäischen Nordseeküsten jedoch Windmühlen in einem Tempo errichtet worden, dass angesichts der Bauholznachfrage so mancher Zeitgenosse um die Wälder gefürchtet habe.

Text: Carsten Meinke

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