Straßenbeleuchtung per SMS
Lemgo gegen Lichtverschmutzung
Wenn die Außerirdischen kommen, so wurde lange geulkt, dann landen sie in Belgien mit seinen großzügig beleuchteten Autobahnen. Was bei den Nachbarn so absurd wirkte, ist allerdings auch hierzulande Normalität: In Stadt und Land sind verwaiste Straßen die ganze Nacht hindurch beleuchtet – ein klarer Fall von Stromvergeudung. Abhilfe schaffen soll „Dial4Light“. Entwickelt von einem Werbekaufmann und den Stadtwerken Lemgo, setzt das System auf ein schlichtes Prinzip: Eingeschaltet wird die Beleuchtung nur, wann und wo sie gebraucht wird.
In der Praxis ermittelt die zuständige Kommune jene Straßenzüge, in denen nachts kaum jemand unterwegs ist und die daher nicht beleuchtet werden müssen. Benötigt ein angemeldeter Nutzer doch einmal Laternenlicht, ruft er eine Servicenummer an und gibt mündlich oder per Tastatur die Straßenzüge entlang seiner Wunschstrecke an. Sofort schaltet das System die entsprechenden Laternen ein und nach 10 bis 15 Minuten wieder aus.
Erprobt wurde „Dial4Light“ zuerst im ländlichen Dörentrup bei Lemgo. Hier werden die Straßenlaternen mittlerweile schon um 21 Uhr aus- und nur „auf Zuruf“ wieder eingeschaltet. Die kleine Gemeinde spart so jährlich etwa 20 Tonnen Kohlendioxid und 10.000 Euro Stromkosten. Tatsächlich mache sich die Investition in das System rasch bezahlt, erklärt Bernd Klemme von den Stadtwerken Lemgo: „Die Amortisationszeit beträgt maximal ein Jahr.“
Nach erfolgreichen Tests in Dörentrup und anderen Gemeinden sind die Lemgoer Stadtwerke Anfang 2010 in die Vermarktung des patentierten Systems eingestiegen. Mittlerweile erhalte man täglich Anfragen von 30 oder mehr interessierten Kommunen, erklärt Klemme, man stehe schon in Verhandlungen mit potenziellen Lizenznehmern in 30 Ländern. Gerade erst sei die Länderlizenz für Norwegen vergeben worden.
Der Erfolg des Systems steht und fällt mit der Auswahl der Straßenzüge. In der Regel werde das Licht an den schaltbaren Strecken zwei oder drei Mal pro Nacht aktiviert, so Klemme weiter. Dadurch halte sich der Aufwand für die Anwohner in Grenzen und Schäden an den Lampen würden vermieden. Gemessen an dieser Frequenz, seien auch in Großstädten ganze Viertel geeignet für „Dial4Light“.
Sollte sich das System durchsetzen, müssten sich die Außerirdischen also andere Landefeuer suchen. Mit dieser Vorstellung können selbst begeisterte Sternfreunde gut leben. Ihre weltweite Initiative gegen die Lichtverschmutzung des Nachthimmels, die International Dark Sky Association, hat „Dial4Light“ im Herbst 2009 mit ihrem Preis für Beleuchtungsdesign ausgezeichnet.
Text: Carsten Meinke