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30.11.2010

Verschwende keinen Gedanken!

Die Philosophie und das intellektuelle Sparsamkeitsprinzip

Weniger ist manchmal mehr. Psychologen der Universität Harvard haben jüngst herausgefunden, dass das auch für Gedanken gilt. Mit der iPhone-Anwendung Track your happiness befragten sie 2250 Menschen mehrmals täglich, wie sie sich fühlten und an was sie gerade dachten. Das Resultat: Wer abschweift, ist unglücklicher – und zwar ganz egal, ob er gerade an etwas Schönes oder Unangenehmes denkt.

Dabei wird es immer schwerer, unnötige Gedanken abzuschalten. Informationen, Werbung und Meinungen prasseln ständig auf uns ein. Dank Facebook und Smartphones stehen wir immer in Kontakt mit Freunden und Bekannten. Viele Arbeitgeber erwarten permanente Bereitschaft. „War da nicht noch was?“, „Hab ich nicht...?“ – schnell führt das Durcheinander im Kopf zum Chaos.

Wer es überhaupt nicht schafft, seine Gedanken am ziellosen Umherschweifen zu hindern, dem kann die Philosophie helfen. Schon Epikur, Ockham, Wittgenstein und Nietzsche befassten sich mit dem Überschuss an Information. Ihnen ging es darum, Strategien zu entwickeln, mit deren Hilfe unnötiges Denken vermieden werden kann.

An den Tod zu denken ist sinnlos

Dem griechischen Philosophen Epikur hatte es vor allem der Tod angetan – eines der Themen, vor denen sich Menschen am stärksten fürchten. Eine ganze Reihe von überflüssigen Gedanken kommt von hier: die aberwitzige Hoffnung auf das Leben danach, die Trauer um Verstorbene und die Angst vor dem eigenen Tod. Das alles kann lähmen. Den Kopf. Die Menschen.

Für Epikur waren solche Ideen sinnlos. Er schrieb: „Der Tod geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr. Er geht also weder die Lebenden an noch die Toten; denn die einen geht er nicht an, und die anderen existieren nicht mehr.“ Weshalb sollte man sich um etwas kümmern, das man garantiert nicht erlebt?

Da Epikur auch einer der ersten Atomisten war, hatte er keine Probleme damit, dass mit dem Tod alles vorbei ist. Für ihn bestand selbst die Psyche aus Atomen.  Jeder einzelne Mensch werde als Teil der Natur weiterleben, wenn auch in ganz anderer Form. Diese Art zu denken ist bis heute populär, da sie viel unnötiges Grübeln über das Woher und das Wohin erspart.

Ein Rasiermesser für die Logik

Der nächste große Gedankensparer in der Philosophie war William von Ockham. Der im dreizehnten Jahrhundert lebende Gelehrte hat sein Studium an der Universität von Oxford nie zu Ende gebracht. Trotzdem bereicherte er die moderne Logik mit einem Satz, den wir heute im Alltag alle anwenden: „Frustra fit per plura quod potest fieri per pauciora“ – Es ist unnötig, etwas mit mehr zu machen, wenn man es auch mit weniger machen kann.

Dieser Grundsatz – von der Nachwelt „Ockham’s Rasiermesser“ genannt – besagt, dass die sparsamste Erklärung meistens die richtige ist. Stellen wir uns vor, wir haben eine Pflanze auf unserem Fenstersims stehen. Nach ein paar Tagen ist sie größer. Wir können dann annehmen, dass sie jemand ohne unser Wissen gegen eine größere Pflanze ausgetauscht hat – oder, dass dieselbe Pflanze einfach gewachsen ist. Die sparsamere Erklärung ist höchstwahrscheinlich die richtige.

Was uns heute klar scheint, war für Ockhams Zeitgenossen ein Problem. Denn die wichtigste Hypothese damals – Gott – war überhaupt nicht sparsam. Seit Generationen hatten sich die Philosophen mit absurden Fragen wie Engeln und dem Leben nach dem Tod beschäftigt. Folgte man „Ockhams Rasiermesser“ war das alles unnötig. Er entging der Gefahr, als Ketzer verurteilt zu werden, indem er die Theologie aus seinem Sparsamkeitsprinzip ausklammerte. Doch für die Nachwelt war sein Rasiermesser eines der wichtigsten Grundlagen des Atheismus.

Besser mal den Mund halten

Noch radikaler im Hinblick auf philosophische Sparmaßnahmen war Ludwig Wittgenstein. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelte er eine Philosophie, die durch ihre Nüchternheit die Moderne prägte. Ihr Kernsatz bestätigt etwas, das manch einer insgeheim bereits geahnt haben mochte: Philosophen reden zu viel. „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“, heißt es in seinem schmalen Hauptwerk Tractatus Logico-Philosophicus. Der österreichische Denker war davon überzeugt, damit alle wesentlichen Probleme der Philosophie gelöst zu haben. „Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge geschrieben worden sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig“, schrieb er. Ihm zufolge kommt es lediglich darauf an, sich sinnlose Gedanken zu sparen und im richtigen Moment mit dem Denken aufzuhören.

Zum Beispiel sind ethische Sätze für Wittgenstein ohne Sinn. In ihrer Form „Du sollst dieses oder jenes tun“ geben sie vor, dass Konsequenzen oder Belohnungen für Handlungen allgemein vorhergesehen werden können. Wer gegen ethische Sätze wie „Du sollst nicht stehlen “ oder „Du sollst nicht lügen“ verstößt, den erwarten aber keine klar bestimmbaren Folgen. Manch einer wird durch Diebstahl und Lüge sogar glücklich werden, für andere können dieselben Handlungen fatale Folgen haben. Die Frage nach Dingen, die man im ethischen Sinn tun oder besser bleiben lassen sollte, war für Wittgenstein deswegen müßig.

Eine ähnlich klare Meinung hatte der Österreicher in Bezug auf Gott. „Gott offenbart sich nicht in der Welt.“, schrieb er. Dabei leugnete Wittgenstein nicht die Existenz Gottes, sondern verwies darauf, dass die Frage, ob es Gott gibt, falsch gestellt ist. Ob es etwas gibt, lässt sich nur in Bezug auf das sagen, was in der Welt ist. Da Gott eine metaphysische Idee ist, ist nicht davon auszugehen, dass er auf diese Weise zu finden ist. Genau so gut könnte man fragen, ob Gott grün oder blau ist. Das wäre in etwa so komisch, als würde man fragen, ob ein Kühlschrank glücklich ist. In solchen Fällen heißt es nach Wittgenstein: schweigen.

Warum ich sowieso recht habe

Beim Ideensparen übertraf nur Friedrich Nietzsche Wittgenstein. Seine Kernidee war die, das wir mehr durch körperliche Instinkte als das Denken gesteuert sind. Deswegen könne man sich das Denken auch sparen: „Leib bin ich ganz und gar“, schrieb Nietzsche, „Werkzeug deines Leibes ist auch deine kleine Vernunft. »Ich« sagst du und bist stolz auf dies Wort. Aber das Größere ist dein Leib und seine große Vernunft: die sagt nicht Ich, aber tut Ich.“ Nietzsche zog die „große Vernunft“ des Körpers der kleinen Vernunft der Gedanken vor. Menschen, die den Körper zugunsten des Geistes vernachlässigten, produzierten für ihn nur „hässliche  Wahrheiten“. Gedanken solch verbissener Menschen, die das Leben nicht genießen, kann man sich diesem Philosophen zufolge sparen.

Kurz bevor er wahnsinnig wurde, behob er die bis heute größte Quelle der Verschwendung von Ideen. Eigentlich wollen uns Autoren ja mit jedem Text nur sagen, wie klug, intelligent und interessant sie sind und wie gut sie schreiben können. In seinem Ecce Homo hat Nietzsche kurzerhand beschlossen, mit dem Drumherumgerede Schluss zu machen. Die ersten drei Kapitel heißen schlicht: „Warum ich so gute Bücher schreibe“, „Warum ich so klug bin“ und „Warum ich so weise bin“ – und handeln eben davon. Kaum auszudenken, wie viel Gedanken gespart hätten werden können, wenn jeder Schriftsteller, Künstler oder Philosoph so ehrlich gewesen wäre!

Doch Nietzsches Thesen sind auch praktisch, um heute im Alltag zwischen Google, Facebook und diversen Nachrichtentickern den Überblick zu behalten. Bei Informationsüberschuss ist oft nichts effizienter, als mal das Denken sein zu lassen und auf seinen Bauch zu hören. Dann klappt es meist auch mit dem Glücklichsein.

Text: Johannes Thumfart

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