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23.11.2010

GRÜNES BAUEN IM 21. JAHRHUNDERT

Architektur wider die Verschwendung

Gebäude spielen eine kaum zu überschätzende Rolle bei der Verschwendung natürlicher Ressourcen. Ein Drittel des weltweit ausgestoßenen Kohlendioxids hat nämlich hier seinen Ursprung. 40 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs geht auf Gebäude zurück. Und rund die Hälfte aller Rohmaterialien wird für ihre Errichtung verwendet.

Ökologische Architektur geht das Problem Verschwendung von vielen Seiten aus an. Techniken von der besseren Isolierung bis zur Weiterleitung und Speicherung ungenutzter Heizwärme fallen darunter, ebenso die Integration von Sonnen- und Wasserenergie. Oftmals wird die Zukunft der Architektur auch in ihrer Vergangenheit gesehen. Baumaterialien wie Holz, Stein und sogar Lehm erfahren in diesem Zusammenhang eine Renaissance. Und auch die natürliche Luftzirkulation in Innenräumen wird wiederentdeckt – ungesunde und energieschluckende Klimaanlagen sollen bald überflüssig werden.

 

Bioklimatische Wolkenkratzer

 

Im Moment ist der malayische Architekt Ken Yeang das Aushängeschild grünen Bauens. Yeang, der sich auch Ecodesigner nennt, hat schon fast an jedem Ort der Welt gearbeitet. In London, Penang und Kuala Lumpur war er am häufigsten tätig. Schon während der 80er Jahre promovierte er in Cambridge über ökologische Architektur. Fast im Alleingang entwickelte er grundlegende Techniken der Disziplin, die er in mehreren Büchern dargelegt hat.

Besonders bekannt ist er für seinen Menara Mesiniaga Tower, der bereits aus dem Jahr 1992 stammt. Das sich in der malayischen Hauptstadt Kuala Lumpur befindliche Gebäude gilt als der erste „bioklimatische Wolkenkratzer“ der Welt. Die Fassade ist nicht geschlossen, sondern offen und erlaubt so die natürliche Luftzirkulation. Alle fünfzehn Stockwerke sind bepflanzt, was dem Bauwerk das Aussehen eines groß geratenen Klettergerüsts für Pflanzen verleiht. Die einzelnen Etagen hängen fast freischwebend in der Gesamtkonstruktion.

Im Moment ist Yeang mit einer Reihe ähnlicher Projekte beschäftigt, die das Prinzip in größere Dimensionen ausdehnen: Der Spire Edge Tower in Delhi, der Elephant and Castle EcoTower in London, der Editt-Tower in Singapur, sowie das Solaris-Projekt am selben Ort. Letzteres ist Teil eines von Zaha Hadid geplanten Stadtviertels und gilt als Meisterstück grüner Architektur. In der gigantischen Spirale, die das Gebäude trägt, ist von der Verwertung von Regenwasser bis zu den energiesparendsten Materialien die neueste ökologische Technik enthalten.

 

Tierfelle im Akkordeonhaus

 

Ganz anders ist der Ansatz, den die niederländischen 24h Architects mit ihrem mittlerweile legendär gewordenen Dragspelhuset präsentieren (deutsch: „Akkordeonhaus“). Das sich im schwedischen Naturschutzgebiet Glaskogen befindliche Anwesen besteht ganz aus Holz und entbehrt jeder zivilisatorischen Annehmlichkeit. Trotz seiner futuristischen Form hat das Haus weder Elektrizität noch ein Telefon, weder fließendes Wasser noch eine Heizung. Zur besseren Isolierung sind die Innenwände mit Tierfellen ausgelegt.

 

In ökologischer Hinsicht sind diese Eigenschaften sicher mehr als überzeugend. Dennoch war es nicht das vorrangige Anliegen der Architekten, ein grünes Gebäude zu errichten. Vielmehr ging es darum, Platz zu sparen. Das „Akkordeonhaus“ heißt so, weil es ausziehbar ist. Der bebaubare Raum im Naturschutzgebiet war zu klein für ein Haus, das mehr als eine Person unterbringen kann. Dank des ausfahrbaren Teils, der etwa die Hälfte des Anwesens ausmacht, kann dieses bei Bedarf vergrößert werden.

 

Bautradition und Ökologie

 

Deutlicher an den Vorzügen der Vergangenheit orientiert sich ein Projekt aus Frankreich: Der 2007 fertig gestellte Weinkeller des Klosters von Solan bei Lyon. Dieser gilt als eines der herausragenden Beispiele der Wiederentdeckung von Naturstein und Holz als Baumaterialien.

 

Fast römisch mutet die Strenge an, mit welcher Architekt Gilles Perraudin die monolithischen Steinblöcke zu einem Gebäude geformt hat. Dank der Verwendung ausschließlich natürlicher Baustoffe bietet der Weinkeller die klassischen, seit Generationen erprobten Voraussetzungen für die Lagerung und Reifung des edlen Rebensafts.

 

Ein weiteres Projekt, das sich Ökologie und Tradition gleichermaßen verschrieben hat, ist die Wiederherstellung eines alten Systems von Mühlen an der amalfitanischen Küste. Bereits im 13. Jahrhundert nutzten die Bewohner des Valle dei Mulini zwischen Amalfi und Cala die Energie des Flusses Canneto, um Papier- und Getreidemühlen zu betreiben. Im Zuge der Industrialisierung verwaisten die Gebäude. Momentan stehen sie kurz vor dem Verfall. Nun hat sich das Architektenbüro Centola & Associati daran gemacht, das ausgeklügelte System wiederzubeleben. Die alten Mühlen sollen teils zu Wasserkraftwerken, aber auch zu Cafés und Spas werden. Vor der malerischen Kulisse der steilen Felswände des Tals zeichnet sich die Vision eines Lebens im Einklang mit der Natur im 21. Jahrhundert ab.

 

Grüner Beton

 

Um die Verschwendung von Rohstoffen zu begrenzen, ist grüne Architektur unerlässlich. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass die grundlegenden Neuerungen auf diesem Gebiet weniger spektakulär sein werden als etwa die Entwürfe Yeangs oder der 24h Architects. Der vielversprechendste Ansatzpunkt liegt in der Entwicklung effizienterer Baumaterialien. Durch sie kann die Verschwendung von Ressourcen bei der Herstellung der Baustoffe, aber auch beim Unterhalt von Gebäuden vermieden werden. Ein gutes Beispiel dafür ist der Beton der mexikanischen Firma Ecocreto. Im Gegensatz zur herkömmlichen Variante des grauen Allzweck-Materials lässt er das Durchsickern des Regens ins Grundwasser zu. Andere beschäftigen sich mit der Produktion von Beton, der besser isoliert. Auch ökologische Varianten von Stahl werden angeboten, die sich durch den Verzicht auf Säure bei der Herstellung auszeichnen.

 

Ökologische Alternativen zu Stahl und Beton springen nicht so ins Auge wie bepflanzte Hochhäuser, abgeschiedene Holzhütten oder restaurierte Mühlen. Doch gerade sie tragen Entscheidendes zur Entwicklung des nachhaltigen Bauens bei.

 

 

Text: Johannes Thumfart

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