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René Magritte, La légende des siècles, ca. 1952- 1960, 35x26.5cm (Courtesy Galerie Hopkins-Custot, Paris)
23.11.2010

Zurück und voraus!

Über die Gegenwärtigkeit des Vergangenen

Die Zukunft hat eine lange Vergangenheit“, lautet ein Sinnspruch aus dem babylonischen Talmud. Und um jene zu erreichen, müssen wir diese kennen. Dabei ist das Erinnern nicht allein ein individuelles, sondern vielmehr auch ein kollektives Phänomen, sie ist „individuelle Erfahrung“ und in hervorgehobener Weise Teil der „öffentlichen Inszenierung“ einer Gesellschaft. Als kollektive Erscheinung ermöglicht das Erinnern in verschiedenen Formen und Weisen Sinnstiftung und sozialen Zusammenhalt.

Gott hat der Hoffnung einen Bruder gegeben – er heißt Erinnerung“, meinte Michelangelo. Die Fähigkeit der Projektion hängt - dieser Betrachtungsweise zufolge – ebenfalls mit dem Erinnern, der Reflexion auf Vergangenes und seine Signaturen in der Gegenwart zusammen. Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann erklärt, warum wir den „wackligen Steg der Erinnerung“ brauchen und über das Fortdauern des Vergangenen nachdenken müssen, wenn wir uns selbst, unsere Gegenwart und die Gesellschaft, in der wir leben, bestimmen und tragfähige Brücken in die Zukunft bauen wollen.

 

 

 

"Glück wird aus Verlust geboren, / Ewig ist nur, was verloren", heißt es in Ibsens "Peer Gynt". Ist das so? Gibt es einen "Zusammenhang von Zerstörung und Erinnerung"?


Erinnerung setzt immer den Abbruch einer Gegenwart voraus, die endgültig zur Vergangenheit geworden ist. In diese Gegenwart kommt keiner mehr zurück – außer über den wackligen Steg der Erinnerung. Wo es obendrein noch Photos, Schriften oder andere Relikte gibt, wird dieser Steg etwas trittfester.

 

 

Es hilft nichts, die Vergangenheit zurückrufen zu wollen,
außer sie wirkt noch in die Gegenwart hinein.

- Gilbert Keith Chesterton

 

 

"Der Abfall ist für das Archiv strukturell ebenso wichtig wie das Vergessen für das Erinnern“, schreiben Sie. Braucht es den Verlust, den Durchgang durch Vergessen, Zerstörung, Verlust, Rekonstruktion, um sich des Werts einer Sache, einer Eigenschaft, einer Tradition usf. zu erinnern?


Verlust ist das Grundgesetz des Erinnerns; es ist Produkt und Organ der Verknappung. Gegenüber der Fülle des gelebten Lebens sind es immer nur wenige Gegenstände, Gedanken, Leistungen, die in eine neue Gegenwart mitgenommen werden können. Erinnerung unterliegt einer doppelten Reduktion: 1. durch Verlust oder Vergessen, 2. durch die Auswahl des zu Erinnernden.

 

Braucht es in gewisser Hinsicht die Katastrophe, um Erinnerung zu ermöglichen? Muss es weh tun, bevor Erinnerung einsetzt? Und kann es sein, dass heute die memoriale Lebensdauer auch der Katastrophen signifikant abgenommen hat?


Die "memoriale Lebensdauer der Katastrophen" hat eher signifikant zugenommen. Es ist richtig, dass es einen engen Konnex gibt zwischen Katastrophe und Erinnerung. Es ist aber nicht allein schon die Anzahl der Toten, die die Erinnerungswürdigkeit eines Ereignisses ausmacht. Für den 1. Weltkrieg gibt es viele Denkmäler, für die Spanische Grippe von 1920, die mindestens ebenso viele Opfer gefordert hat, gibt es keine Denkmäler. Jeder Erinnerungsakt impliziert eine wertende Stellungnahme oder Sinnstiftung. Naturkatastrophen eignen sich nicht zur Sinnstiftung. Ob man etwas erinnert oder nicht, hängt letztlich davon ab, ob man diese Erinnerung (im weitesten Sinne) gebrauchen kann. Erinnern, erzählen und Sinnstiftung haben viel miteinander zu tun.

 

 

Das echte Neue keimt nur aus dem Alten;
Vergangenheit muss unsre Zukunft gründen.

- August Wilhelm von Schlegel

 

 

Wie viel Vergangenheit ist dem repräsentativen Zeitgenossen heute noch gegenwärtig?


Die Frage muss man zweiteilen. Einerseits gilt, dass sich für die Deutschen heute ihre lange Vergangenheit stark auf die "heiße" NS-Vergangenheit reduziert hat, andererseits besteht die Sorge, dass auch von dieser Vergangenheit die dritte und vierte Nachkriegsgeneration immer weniger weiß.

 

Maurice Halbwachs konstatiert in seinem berühmten Buch „Das kollektive Gedächtnis“, dass "das Verschwinden oder die Umformung der Bezugsrahmen des Gedächtnisses das Verschwinden oder die Umformung unserer Erinnerungen nach sich zieht". Die "Bezugsrahmen" des kollektiven Gedächtnisses sind sozialer Art: Er nennt vor allem Familie, Religion und gesellschaftliche Klassen. Was ließe sich angesichts einer so gefassten Abhängigkeit von Form und Inhalt über die Gegenwart und ihre Erinnerungskultur sagen, die die meisten "Bezugsrahmen" verloren zu haben scheint?


Erinnerungsrahmen, die alle betreffen, sind die der Stadt und der Nation. Diesen kulturellen Rahmen kann sich niemand entziehen, der am Geschichtsunterricht in der Schule teilnimmt und den Rhythmus der Gedenktage miterlebt. Interessant ist, dass sich innerhalb des nationalen Rahmens die Koordinaten des Gedenkens immer wieder stark verändert haben. In den 80er Jahren z.B. wurde mit Blick auf den Holocaust radikal von Vergessen auf Erinnern umgestellt. Gegenwärtig erleben wir, dass die Namen von Personen, die bis vor kurzem noch als Honoratioren gehandelt wurden, von Straßenschildern verschwinden und Denkmäler für die errichtet werden, die bis vor kurzem noch geächtet waren. (Beispiele für die Stadt München sind der Landesbischof Hans Meiser, dem antisemitische Äußerungen zur Last gelegt werden, und der Hitler-Attentäter Georg Elser).

 

 

Die Erinnerungen früherer Zeiten nehmen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt eine andere Gestalt und Wirkung für uns an.

- Jean Paul

 

 

Werden wir immer "erinnerungs-" und damit "identitätsloser"?


Ohne Erinnerung kann kein Mensch leben, denn sie ist und bleibt die Stütze jedes Selbstgefühls und jeder sozialen Identität. Im Gegenteil könnte man sagen, dass es heute ein gesteigertes Bedürfnis gibt, sich selbst zu archivieren und zu monumentalisieren. Trends und kulturelle Praktiken der Selbstverewigung werden durch Möglichkeiten der neuen digitalen Medien gesteigert und immer stärker demokratisiert.

 

Sind die Gedächtnisformen der Gegenwart immer weniger "kollektiver" und immer mehr "individueller" Art?

 

Es gibt die These, dass in westlichen Gesellschaften z.Zt. kollektiv verbindliche Formen des Erinnerns zurückgehen und einer Individualisierung der Erinnerung Platz machen, nach dem Prinzip: Jeder legt sich seine Erinnerung nach Gutdünken zurecht. Davon bin ich nicht überzeugt. Mich interessiert vielmehr die Frage, wie individuelles Erinnern von der kollektiven Geschichte durchdrungen und geprägt ist.

 

 

Die Erinnerung beruht auf der Basis des einzelnen Individuums,

die Überlieferung auf der der Allgemeinheit.

- Miguel de Unamuno y Yugo

 

 

Welche Gedächtnisform hält Ihres Erachtens eine Gesellschaft am nachhaltigsten zusammen: das Bildung-, das Erfahrungs- oder gar das Latenzgedächtnis? Was ist das entscheidende Erinnerungselement der sozialen Kohäsion?

 

Das ist eine sehr interessante Frage. Nach Freud ist es das Latenz-Gedächtnis, also das, was eine Gruppe unbewusst teilt (wie Tabus, Traumata, unausgesprochene und unansprechbare Themen). Das Bildungsgedächtnis ist demgegenüber fragiler, weil es erstens sehr arbeitsintesiv ist und zweitens immer nur eine kleine Elite zusammenbindet. Auch das Erfahrungsgedächtnis verklammert immer nur einen Teil der Bevölkerung (man denke an das Fronterlebnis der Kriegsteilnehmer oder die Erinnerung der 68er). Nach Ernest Renan gibt es keinen stärkeren sozialen Zement als die Erinnerung an starkes Leiden.

 

Kulturelles Gedächtnis braucht Institutionen. Was sind die entscheidenden Institutionalisierungsformen der Gegenwartskulturen?

 

In der Gegenwart gibt es viele Institutionen des kulturellen Gedächtnisses, die es schon seit langem gibt, wie z.B. die Kirche, Erziehungsanstalten, Bibliotheken und Archive. Als neue Institution ist das nicht mehr lokal verankerte Internet hinzugekommen, das ganz neue Zugangs- und Selbstdarstellungschancen eröffnet. Es muss sich aber erst noch zeigen, ob es auf lange Sicht eher ein Speichermedium oder ein Datenfriedhof ist.

 

Gibt es "Zyklen" des kulturellen Gedächtnisses? Verkürzen sich diese "Zyklen" je näher man in kulturgeschichtlicher Perspektive der Gegenwart kommt? Hat die "Leistungsfähigkeit" des kulturellen Gedächtnisses historisch betrachtet abgenommen?

 

Ein Großteil des kulturellen Gedächtnisses ist zyklisch durch Periodisierung strukturiert in Form von Gedenk- und Jahrestagen. Es gibt Kritiker dieser mit festen Kalenderdaten verknüpften Gedenkkultur, die diese für einen verordneten Mechanismus halten, der ein "authentisches Erinnern" zerstört. Gedenktage sind für das Erinnern jedoch nicht etwas rein Äußerliches sondern so wichtig wie der Knoten im Taschentuch.

 

Inwiefern bringen technologischer Fortschritt, kapitalistische Wirtschaftsweise und konsumistische Lebensformen das kulturelle Gedächtnis in Bedrängnis?


Ich glaube nicht, dass wir einen Gegensatz bilden können zwischen moderner Konsumkultur einerseits und kulturellem Gedächtnis andererseits, und zwar aus dem einfachen Grunde, dass viele Dimensionen des kulturellen Gedächtnisses in Formen des Massenkonsums aktualisiert werden. Man denke nur an große historische Ausstellungen, Städtetourismus, heritage sites, Klassikerausgaben oder Historienfilme.

 

Wollen oder können wir Gegenwärtigen uns in bestimmten Bereichen nicht mehr erinnern?

 

Erinnern und Vergessen gehören untrennbar zusammen. Vieles von dem, woran man sich früher partout nicht erinnern wollte, steht heute im Mittelpunkt einer neuen Erinnerungskultur. Dazu gehören historische Traumata und vor allem die Verbrechen des Holocaust und der Kolonialzeit. Das Problem dieses historisch-politischen Gedächtnisses ist, wie man von engen, das kollektive Selbstbild stützenden Formen des Erinnerns zu komplexeren und inklusiveren Gedächtniskonstruktionen kommt, die die Anerkennung der Opfer der Geschichte mit einschließen.

 

 

Alle Erinnerung ist Gegenwart.

- Novalis

 

 

Kann man sagen, dass der Begriff "kollektives Gedächtnis" nur ein anderes Wort für das ist, was man mit dem Begriff Kultur meint?

 

Wir müssen hier unbedingt unterscheiden zwischen kollektivem und kulturellem Gedächtnis. Mein Definitionsvorschlag dazu ist der folgende: Das kulturelle Gedächtnis umfasst all das, was in einer Kultur festgehalten und weitergegeben wird, um ihren Mitgliedern über Generationen hinweg ein Gefühl von Zugehörigkeit und Identität zu vermitteln. Kollektives Gedächtnis ist demgegenüber ein gemeinsamer Fundus von Namen, Zitaten, Ereignissen und Bildern, die eine beliebige Anzahl von Menschen aufgrund von Kommunikation und Massenmedien gleichzeitig im Kopf hat.

 

Welchen Stellenwert hat "oral history" in den Gegenwartskulturen westlicher Prägung? In welchen Bereichen hat sich so etwas wie eine "Oralkultur" erhalten?

 

Wir dürfen oral history nicht mit Oralkultur verwechseln. Die oral history ist in den 60er Jahren entstanden und hat die wichtige Funktion, unser nur aus Schriftquellen gespeistes Geschichtsbild zu korrigieren. Durch oral history bekommen der Mann und die Frau auf der Strasse eine Stimme in der Rekonstruktion der Geschichte. Eine Oralkultur löst sich auch in der technikgestützten Mediengesellschaft nie auf, solange Schauspieler auf der Bühne agieren, Komödianten improvisieren, Politiker Reden halten und Pop-Konzerte veranstaltet werden. Der Schlüsselbegriff jeder Oralkultur ist die performance, die ihrerseits nie ohne Gedächtnis auskommt.

 

Wann sind Erinnerungen "tot", wann "lebendig"? Was zeichnet eine Erinnerung als "identitätsstiftend" oder "bewusstseinsbildend" aus? Wir erinnern uns mehr oder weniger alle an die Bilder der Katastrophen von Tschernobyl oder New York im September 2001. Gleichwohl kommt mir diese Erinnerung "starr" und "tot" vor: lediglich ein paar schockierende Bilder, kein vitaler Bezug. Teilen Sie diesen Eindruck? Wenn ja, woran liegt das? Am Medium des Erinnerns, dem Bild?

 

Erinnerungen sind lebendig, wenn ein Bezug hergestellt werden kann zu meiner eigenen Position. Wenn ich mich z.B. ökologisch engagiere, ist Tschernobyl keine tote Erinnerung. Wenn ich dagegen unbeteiligt die Ikonen der einstürzenden twin towers konsumiere, ist 9/11 eine tote Erinnerung. Literatur und Film sind besonders wirkungsvoll, um tote Erinnerungen in lebendige zu verwandeln.

 

Als zentrale "Medien" des Erinnerns benennen Sie: die Schrift, das Bild, den Körper und den Ort. Was sind gegenwärtig die "Leitmedien" des Erinnerns?

 

Genau das sind nach wie vor die Leitmedien des Erinnerns, denn Bilder ohne Text können gar nichts kommunizieren.

 

Gibt es bestimmte Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit wir aus unseren individuellen und kollektiven Erfahrungen lernen?

 

Erinnerung ist Menschen und Tieren von der Evolution gegeben, um die Wiederholung von Fehlern zu vermeiden: die Kuh vermeidet, ein zweites Mal an den elektrischen Zaun zu stoßen. Auf diese Weise werden Erfahrungen in Regeln und Normen übersetzt: Erinnern für die Zukunft. Damit Menschen aus individuellen und kollektiven Erfahrungen lernen können, muss die Bereitschaft zur Selbstkritik gegeben sein. Lernen können die, die sich Fehler eingestehen und sich auch den demütigenden Episoden ihres Lebens stellen.

 

 

 

Dr. Aleida Assmann ist Professorin für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Theorie des kulturellen Gedächtnisses, die Erinnerungskultur, kulturwissenschaftliche Gedächtnistheorie und die Geschichte der Schrift und des Lesens.

 

Literatur:

 

Aleida Assmann (1999): Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München.

Aleida Assmann (2006): Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. München.

Aleida Assmann (2007): Geschichte im Gedächtnis: Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung. München.

Text/Interview: GAB

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