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Radium Girls arbeiten für United States Radium Corporation, 1922.© Public Domain.
07.06.2010

"Radium Girls"

Sie haben von nichts gewusst

Schon bald nach der Entdeckung der Radioaktivität wurden auch deren Risiken bekannt - und zugunsten von wirtschaftlichen Interessen verharmlost. Stellvertretend für die Leidtragenden steht eine Gruppe von Frauen, die als „Radium Girls“ berühmt wurden.

Abgeschlagenheit, Knochenschmerzen, Zahnausfall und schließlich Krebs. Mit diesem Schicksal sahen sich zu Beginn der 20er-Jahre des letzten Jahrhunderts zahlreiche Fabrikarbeiterinnen in den USA konfrontiert. Viele waren nicht einmal zwanzig Jahre alt. Allen gemeinsam war, dass sie für verschiedene Unternehmen Leuchtfarbe auf Zeiger und Zifferblätter auftrugen, sodass diese auch nachts abgelesen werden konnten. Wichtigster Bestandteil dieser Farbe war das Radium.

Das strahlende Element war 1898 von Marie und Pierre Curie entdeckt worden. Die anfängliche Begeisterung über den Fund und die Radioaktivität wurde jedoch bald durch die ersten Symptome dessen getrübt, was man heute als Strahlenschäden bezeichnet. Wie rasch diese Gefahr erkannt wurde, demonstriert ein Besuch Marie Curies im Jahr 1921 in den USA. Dort schenkte man der zweifachen Nobelpreisträgerin ein Gramm des kostbaren Radiums – in einer mit Blei ummantelten, fast 50 Kilogramm schweren Schatulle.

Auch die Chemiker bei der späteren US Radium Corporation näherten sich dem Radium mit Maske, Greifzange und Bleischirm. In den Sälen, in denen Arbeiterinnen die selbstleuchtende Farbe „Undark“ anrührten und auftrugen, war von derlei Vorsicht jedoch keine Rede. Im Gegenteil: Um möglichst feine Striche zeichnen zu können, wurden die Frauen ermuntert, die Pinsel regelmäßig mit Lippen und Zunge anzuspitzen. Als Folge wurde verschlucktes oder eingeatmetes Radium in grotesken Mengen in ihrem Skelett eingelagert. Das Magazin „Time“ berichtete im Jahr 1928, die Gebeine einer Arbeiterin hätten nach der Exhumierung geleuchtet.

Erst im Mai 1928 gelang es fünf teils bereits schwerkranken Frauen, ihren ehemaligen Arbeitgeber auf jeweils 250.000 US-Dollar zu verklagen. Im Laufe des Gerichtsverfahrens bestritt die US Radium Corporation alle Vorwürfe. Medien und Öffentlichkeit verfolgten den Prozess mit nie dagewesener Aufmerksamkeit und äußerten schließlich den Verdacht, die Firma spiele auf Zeit. Erst kurz vor der Verkündung des Urteils stimmte das Unternehmen einem Vergleich zu, der den fünf Frauen einmalig 10.000 Dollar und eine jährliche Rente von 600 Dollar „auf Lebenszeit“ zusicherte. In der Folge des Prozesses wurden in den USA erstmals Richtlinien für sichere Arbeitsplätze erlassen. Das letzte „Radium Girl“ starb in den 30er-Jahren, ebenso wie die von strahlenbedingter Blutarmut gezeichnete Marie Curie.

Text: Carsten Meinke

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