Stromversorgung
Fehlt uns die Energie?
"Langfristig", heißt es auf der Website des Informationszentrums klimafreundliches Kohlekraftwerk e. V., "sollen erneuerbare Energien eine importunabhängige und emissionsarme Energieversorgung ermöglichen. Unterdessen bedarf es aber wirtschaftlicher, effizienter und emissionsarmer Alternativen, um mögliche Versorgungsengpässe zu verhindern."
Engpässe bei der Energieversorgung - im wahrsten Sinne des Wortes eine düstere Vorstellung. Aber ist sie auch realistisch? Geht wirklich das Licht aus, wenn wir die Atomkraftwerke abschalten und auf den Bau neuer Kohlekraftwerke verzichten?
Zunächst einmal lässt sich feststellen: Die Angst vor der "Stromlücke" ist nicht neu. So heißt es bereits im einflussreichen Spaak-Bericht von 1956: "Die europäischen Länder müssen bedeutende Mengen Kohle und fast sämtliche Erdölerzeugnisse einführen. Bei ansteigender Konjunktur entstehen periodische Versorgungsengpässe, verbunden mit einem starken Ansteigen der Preise." Auch im Energieprogramm der Regierung Brandt von 1973 wird eine "Energielücke" prognostiziert, und 2008 warnte unter anderem das Handelsblatt vor einer "Stromlücke", einem "massiven Engpass in der Stromproduktion".
Feststellen lässt sich weiterhin: Die Angst vor Lücken und Engpässen wird immer dann beschworen, wenn besonders leistungsfähige Großkraftwerke durchgesetzt werden sollen. In den fünfziger Jahren ging es dabei Recherchen von Deutschlandradio Kultur zufolge zunächst darum, die Energieversorger für die Atomkraft zu gewinnen: "Die Energiewirtschaft und besonders RWE hatten sich lange nicht für Kernkraft begeistert. Sie war zu teuer." Fünfzig Jahre später bemühen die Konzerne nun selbst das Argument, das sie einst von der Atomkraft überzeugt hatte. "Da droht eine Riesenlücke“, zitierte das Handelsblatt vor zwei Jahren den Vorstandschef der Energie Baden-Württemberg (EnBW), Hans-Peter Villis.
Etwas schwieriger dagegen ist die Frage zu beantworten, ob diese Angst auch berechtigt ist. Nach Ansicht des Umweltbundesamtes und des Bundesverbandes Erneuerbare Energien e. V. (BEE) offenbar nicht: Sie kritisierten die Warnung vor der "Stromlücke" 2008 als "Angstkampagne". Deren Ziel sei es, so BEE-Präsident Dietmar Schütz, "die Laufzeiten der Atomkraftwerke zu verlängern und weiterhin kostenlose CO2-Zertifikate zugeteilt zu bekommen." Zur Untermauerung stellte der BEE im Januar 2009 eine Studie vor, derzufolge 2020 schon 47 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien kommen könnten. Dementsprechend sei "es auch nicht erforderlich, die Laufzeiten der deutschen Kernkraftwerke zu verlängern."
Eine andere Studie, die Greenpeace kurz vor der Bundestagswahl veröffentlicht hat, geht sogar noch weiter. Bis 2050 könnten die erneuerbaren Energien den gesamten Strombedarf decken - aber nur, wenn die Atomkraftwerke schnell abgeschaltet würden: "Der Ausstieg aus der riskanten Atomkraft wirkt als Motor für den Umbau des Kraftwerksparks. Er kann beschleunigt und bis 2015 abgeschlossen werden, ohne dass dies die Versorgungssicherheit gefährdet."
Aber sind die Angaben des Bundesumweltverbandes, des Bundesverbandes erneuerbare Energien und von Greenpeace zuverlässig? Manch einem wird vielleicht die Meinung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PriceWaterhouseCoopers (PWC) glaubwürdiger erscheinen, die im März 2010 ebenfalls einen Bericht zu diesem Thema veröffentlicht hat. Aber auch die Studie von PWC kommt zu dem Schluss, dass es möglich ist, die europäische Stromversorgung bis 2050 auf 100 Prozent erneuerbare Energien umzustellen. Eine der Voraussetzungen dafür ist allerdings "die strategische Stilllegung von fossilen Kraftwerken in der EU und in Nordafrika ab 2030, um ihre Leistung bis 2040 durch Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien zu ersetzen."
Eine weitere Studie, die vor wenigen Tagen von der Unternehmensberatung McKinsey veröffentlicht wurde, kommt zu dem Ergebnis: "Die hundertprozentige Versorgung mit erneuerbaren Energien ist für Europa nicht teurer als die Energieversorgung mit Kohle, Öl, Gas und Atomkraft." An diesem, so der Journalist Franz Alt auf der Sonnenseite, "überraschenden" Bericht waren neben McKinsey sowohl Umweltverbände beteiligt als auch "die klassischen Energieriesen wie RWE, E.ON und Vattenfall, die noch vor kurzem die hundertprozentige Stromversorgung in Europa für eine versponnene Utopie gehalten haben."
Alt zitiert den Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Rainer Baake, der an der Studie mitgearbeitet hat: "Die in der aktuellen deutschen Diskussion ständig wiederholte Behauptung, Erneuerbare Energien seien sündhaft teuer und nicht in der Lage, eine verlässliche Vollversorgung mit Strom sicherzustellen, erweist sich als interessegeleitete Angstkampagne."
Angesichts dieser breiten Einigkeit von Greenpeace bis McKinsey scheint es tatsächlich, als bräuchten wir uns um die Sicherheit unserer Energieversorgung keine Sorgen zu machen, auch wenn wir aus der Atomkraft aussteigen und keine neuen Kohlekraftwerke bauen. Offen bleibt allerdings die Frage: Wer genau hat ein Interesse daran, uns immer wieder Angst vor der Zukunft zu machen?
Text: Mathias Gößling