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Quellen: WNA, WANO, Federation of American Scientists. © Daniel Stolle
23.11.2010

Die Atomkraft und ihre Fürsprecher

Die umstrittenen Versprechen der Kernenergie

Anfang Mai ging es wieder einmal rund. Zum Auftakt der Tagung „Kerntechnik 2010“ in Berlin pochte das Deutsche Atomforum auf die Unverzichtbarkeit der Kernkraft. Zumindest bis die Versorgung mit anderen Energieträgern sichergestellt sei, könne man auf die Kernkraft nicht verzichten, so der Interessenverband von Wirtschaft und Forschungseinrichtungen. Nur einen Tag später meldete sich der Sachverständigenrat für Umweltfragen, ein von der Bundesregierung berufenes Expertengremium, zu Wort. Nach der Analyse verschiedener Entwicklungsszenarien kommt der Rat zu dem Schluss, dass Deutschland seinen Strombedarf bis 2050 zu einhundert Prozent aus erneuerbaren Energien decken kann. Doch damit nicht genug: „Für die Übergangszeit sind weder Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke noch neue Kohlekraftwerke erforderlich“, betont Olav Hohmeyer von der Universität Flensburg, der Energieexperte des Sachverständigenrates. „Die Brücke zu den erneuerbaren Energien steht bereits.“
Das Wort von der „Brückentechnologie“ führen die Befürworter der Kernkraft seit einigen Monaten im Munde, wenn sie längere Laufzeiten für die deutschen Kernreaktoren zu rechtfertigen suchen. Das Argument wird von Gegnern der Kernkraft erwartungsgemäß angezweifelt. Wie es um seine Überzeugungskraft steht, verdeutlicht ausgerechnet ein Papier der Bundesregierung, das mehrere Nichtregierungsorganisationen, Kraftwerksbauer sowie Anbieter von Ökostrom – unter ihnen Entega – ebenfalls Anfang Mai öffentlich gemacht haben. Demnach soll das „Nationale Energiekonzept“, wie es Union und FDP vorantreiben, nicht etwa auf Basis der zu erwartenden Entwicklung ausgearbeitet werden. Vielmehr sollen die mit dem Konzept betrauten Wirtschaftsforschungsinstitute von einer verlängerten Reaktorlaufzeit ausgehen und die Entwicklung der erneuerbaren Energien passend veranschlagen.
Der Streit um die Brückenfunktion der Kernenergie ist also voll entbrannt. Doch wie steht es um jene Aussagen, mit denen die Atomwirtschaft in der Vergangenheit für ihre Reaktoren geworben hat? Vor nicht allzu langer Zeit wurde mit Blick auf die globale Erwärmung gerne auf die „Klimaneutralität“ der Kernkraft verwiesen. Tatsächlich wird bei der Spaltung von Uran- oder Plutoniumkernen kein Kohlendioxid freigesetzt. Dass diese Sicht zu kurz ist, hatte das Öko-Institut bereits im letzten Jahr dargelegt. Mit Kernenergie lässt sich demnach, betrachtet man die gesamte Kette vom Abbau des Urans bis hin zur Endlagerung, höchstens ebenso viel CO2 einsparen wie mit erneuerbaren Energien. Und sollte dieser Effekt überhaupt zum Tragen kommen, müsste man die derzeitige Zahl von weltweit rund 440 Kernkraftwerken mindestens verdreifachen. Abgesehen von den Sicherheitsrisiken, verdeutlicht durch eine steigende Zahl meldepflichtiger Ereignisse gerade bei älteren Reaktoren, würde dies aber die Ressource Uran binnen weniger Jahrzehnte erschöpfen. Und auch das Problem der Endlagerung des strahlenden Reaktorabfalls würde potenziert. Das gilt umso mehr, als bis heute kaum ein Staat in der Lage war, einen definitiven Endlagerstandort zu finden: Selbst der mit großem Aufwand erkundete Standort „Yucca Mountain“ im US-Bundesstaat Nevada wurde von der Obama-Regierung im Jahr 2009 auf Eis gelegt. Bedenkt man die kurze Zivilisationsgeschichte und die geologische Aktivität der Erde, erscheint die Suche nach einem auf Zehntausende von Jahren sicheren Lagerort als aussichtsloses Unterfangen.

 

Text: Carsten Meinke

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