Sprache ist Energie
Wilhelm von Humboldt über Sprache und Denken
Sprache als Energie - da mag mancher angesichts der die internationalen Buchmärkte überschwemmenden "Ratgeber" zum Thema "spirituelle" und sonstige Energie ein wenig entnervt den Kopf schütteln und denken: "Nein, nicht schon wieder! Keine Energie mehr bitte! So viel Energie kann kein Mensch brauchen, wie einem allerorten angedient wird..."
Das ist eine verständliche Reaktion. Aber die "spirituelle Energie", um die es bei Wilhelm von Humboldt geht, ist ganz anderer und weitaus weniger verschwommener Art. Bei ihm nämlich geht es nicht um über- oder - wie man will - unterirdische Quellen und energetische Konstellationen, sondern um die Funktion dessen, womit wir hier und jetzt und eigentlich unser ganzes Leben hindurch unablässig zu tun haben, was uns als Subjekte allererst konstituiert: die Sprache. "Am Anfang war das Wort" - das gilt gewissermaßen in jeder Hinsicht. Auch für unser Denken, für uns als Individuen.
Die Sprachphilosophie Wilhelm von Humboldts geht von einem engen Zusammenhang, einer Wechselwirkung von Denktätigkeit und Sprache aus. Nach Humboldt stellt die Sprache zwar zunächst und vor allem ein Verständigungsmittel dar, das Gegenstände repräsentiert. Aber die Sprache ist bei ihm neben ihrer Funktion als Kommunikationsmittel, das zur Bezeichnung von Objekten und zur Verständigung zwischen den Menschen dient, auch das Substrat der geistigen Tätigkeit des Menschen überhaupt. Sprache erst ermöglicht Denken, sie ist das "bildende Organ des Gedankens", aber so, dass Sprache und Denken im Grunde eins sind: "Die intellektuelle Tätigkeit und die Sprache sind (...) eins und unzertrennlich von einander; man kann nicht einmal schlechthin die erstere als das Erzeugende, die andere als das Erzeugte ansehen." Sprache ihrerseits setzt "Geselligkeit" voraus: sie hat ihren Ort in sozialer Interaktion. "Im Menschen aber ist das Denken wesentlich an gesellschaftliches Dasein gebunden, und der Mensch bedarf (...) zum Denken eines dem Ich entsprechenden Du (...)." Sprache ist demnach ihrer Definition nach dialogisch.
Das freilich beantwortet noch nicht die Frage, inwiefern die Sprache "Energie" ist. Denn als energeia, als Wirksamkeit und Tätigkeit begreift Humboldt die Sprache im Rückgriff auf Aristoteles. Die Sprache müsse mehr als eine "Erzeugung", denn als ein "totes Erzeugtes" gesehen werden: "Sie selbst ist kein Werk (ergon), sondern eine Tätigkeit (energeia)." Für Humboldt heißt das, dass Sprache als Wirksamkeit nur im Rahmen ihrer Anwendung existiert, wobei es der individuellen Rede bedarf, um sie existieren zu lassen. Und obschon die Sprache Systemcharakter hat (also bestimmten Regeln der Satzbildung, der Wortbedeutung usw. unterliegt), ist sie offen und wandelbar, insofern jedes Individuum, das sie anwendet, sie neu prägen und ihr neue Bedeutungen und Nuancen verleihen kann: "Die einmal fest geformten Elemente (der Sprache) bilden zwar eine gewissermaßen tote Masse, diese Masse trägt aber den lebendigen Keim nie endender Bestimmbarkeit in sich." In diesem Sinne auch ist Sprache Grundbedingung jedweden Wandels: Jeder Wandel beginnt mit Sprache, mit neuen sprachlichen Bestimmungen. Weil die Sprache selbst schöpferisch ist, kein statisches Gebilde, das wir nur anwenden, aber nicht abwandeln, umbilden können, können wir Menschen selbst schöpferisch sein. Dieses "energetische Sprachverständnis" fasst Sprache nicht als "da liegenden, in seinem Ganzen überschaubaren Stoff", sondern als schöpferisches Prinzip, schöpferische Tätigkeit, als einen "sich ewig erzeugenden" Prozess mit unendlichen Abwandlungs- und Erneuerungsmöglichkeiten auf.
In diesem basalen Sinne liefert die Sprache selbst, gleichsam immanent eine Begründung für das "Kommt, reden wir zusammen / wer redet ist nicht tot" aus einem Gedicht Gottfried Benns: Die Sprache selbst ist das schlechthin "Lebendige", ist das in jedem Augenblick Wandelbare. Wir Menschen sind in jedem Augenblick schöpferisch, indem wir (je individuell) sprechen, die Sprache im Sprechen "wirksam" werden lassen, sie im Sprechen neu erzeugen. Und das ist nur möglich, weil die Sprache kein abgeschlossener, lückenloser, unwandelbarer Monolith, sondern energeia ist.
Literatur und Links:
Wilhelm von Humboldt: Schriften zur Sprache. Stuttgart (Reclam).
http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_von_Humboldt
http://culturitalia.uibk.ac.at/hispanoteca/lexikon%20der%20linguistik/e/ENERGEIA%20%20%20Energeia.htm
wwwbayer.in.tum.de/lehre/WS2001/ITS-dierstein/Humboldt.pdf
Text: GAB