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Melbourne, Australia, 83 jahre alt Lehrerin, Bette Calman, 22 April 2009. © BP/Barcroft Media Ltd
28.04.2010

Selim Özdoğan über Energie

Stell dir vor

Kundalini ist einigen Lehren zufolge eine Kraft, die jedem Mensch inne wohnt. Ruhend befindet sie sich am unteren Ende der Wirbelsäule und kann durch gewisse yogische Praktiken erweckt werden und dann aufsteigen bis zur Schädeldecke und den ganzen Körper mit Energie und Glück überfluten.

Als ich zwei Wochen lang bei einem Yoga Retreat war, bei dem oft von der Erweckung der Kundalini geredet wurde, konnte ich an vielen Menschen Symptome beobachten, die ich vorher nur aus Büchern kannte. Unter dem heftigen Energiefluss zuckten ihre Körper, ihre Wirbelsäulen bogen sich in alle möglichen Richtungen, sie nahmen anscheinend ganz spontan und ohne sich dagegen wehren zu können Yoga-Positionen ein, lachten und weinten, ihre Augen verdrehten sich, bis man nur noch das Weiße sah. Ihre Kundalini erwachte und sie liefen freudenstrahlend durch die Gegend, nachdem der Anfall vorüber war.

Ich saß auf meinem Meditationskissen und fragte mich, ob sie sich gegenseitig etwas vorspielten.

Die Frage stellte ich mir bei meinem nächsten Yoga Retreat wieder. Hier wurde viel intensiver geübt, die Yogastunden waren länger und anstrengender, die Übungen im Prinzip aber die gleichen. Niemand sprach von Kundalini und niemand schien Erfahrungen zu machen, die denen auf meinem ersten Yoga Retreat glichen.

Hatten diese Menschen alle gelogen? Hatten sie etwas gespielt? Oder sich von einer allgemein ekstatischen Atmosphäre anstecken lassen?

Oder musste man von Kundalini erzählen, damit die Übungen diesen Effekt haben konnten? Bei Aspirin wurde ja auch dazu gesagt, dass es gegen Kopfschmerzen war.

 
Ich glaube mittlerweile nicht mehr, dass die Menschen, bei denen ich diese Zuckungen und das Hin- und Herwerfen des Körpers gesehen hatte, ein Schauspiel ablieferten. Ich gehe davon aus, dass das wahr wird, was man glaubt und worauf man seine Energie konzentriert.

Die Unterschiede zwischen Materialismus und Spiritualität sind nur artifiziell, denn dasselbe gilt auch für die materielle Welt. Es wird das wahr, worauf man sich fokussiert und was man als Ergebnis sehen möchte. Ein Stuhl ist zunächst nur ein Gedanke im Kopf eines Designers oder Schreiners, in diesen Gedanken wird so lange Energie, Zeit und Arbeit gesteckt, bis es am Ende ein Stuhl ist.
 
Energie manifestiert sich. Auf die eine oder andere Weise. Es braucht nur Vorstellungskraft, um die Dinge in Gang zu bringen.
 
 
Der Schriftsteller Selim Özdoğan lebt in Köln. Sein erster Roman "Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist" (1995) gilt laut Wikipedia als Kultbuch. Im März 2010 ist seine Kurzgeschichtensammlung "Ein Glas Blut" erschienen.
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