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23.11.2010

Ein Gespräch mit Gernot Böhme

„Der Prothesenmensch ist der Cyborg der Gegenwart.“

Der in den meisten Bereichen katastrophale Zustand der Erde lässt sich ökologisch-naturwissenschaftlich im Rahmen von Kausalitäten beschreiben. Etwa so: Die fortschreitende Abholzung der tropischen Regenwälder entzieht den Menschenaffen ihren Lebensraum, was sie in ihrer Existenz gefährdet. Das ist ein Faktum. Aber es ist ein Faktum, das mehr aussagt als lediglich ökologische Kausalitäten. Es sagt – indirekt – auch etwas aus über das Verhältnis des Menschen zur Natur überhaupt. Hier kommt die Philosophie ins Spiel. Sie verfügt nämlich über Disziplinen, die uns Aufschluss zu geben vermögen über die Wahrnehmungsgewohnheiten der Menschen und damit auch über eine Phänomenologie, eine Wahrnehmungslehre der Natur. Was sind unsere Konzepte von Natur? Inwiefern prägen diese Konzepte unseren Blick auf die Natur, unseren Umgang mit der eigenen (leiblichen) und der uns umgebenden Natur? Und welche Rolle hat die Philosophie bei der Konstitution solcher Konzepte gespielt? Welche Rolle kann oder muss sie heute spielen? Was überhaupt hat unser Verhältnis zum eigenen Körper mit unserem Verhältnis zur Natur zu tun?

 

Der Philosoph Gernot Böhme gibt im Gespräch mit uns Antworten auf diese Fragen. Und er legt sein Konzept einer „ökologischen Naturästhetik“ dar, die er als notwendige Ergänzung zu den ökologisch-naturwissenschaftlichen Beschreibungen der Natur erläutert. Er macht die Naturästhetik als eine philosophische Disziplin plausibel, die den Menschen nicht zunächst und vor allem als „Widersacher“, sondern als Partner und Teil der Natur begreift, die Natur als etwas in Erinnerung ruft, das nicht nur außerhalb unserer selbst ist, sondern in uns.


Prof. Dr. Gernot Böhme (geb. 1937) lehrte bis zu seiner Emeritierung 2002 Philosophie an der TU Darmstadt. Im Rahmen zahlreicher Veröffentlichungen hat er Fragen der Ästhetik, der Natur-, Leib- und Technikphilosophie bearbeitet. Gernot Böhme hat sich - gemäß seiner Forderung nach einer „individuellen Moralisierung der Wissenschaft“ - immer wieder in gesellschaftspolitische Diskurse eingeschaltet, 1984 die Darmstädter Verweigerungsformel gegen die Rüstungspolitik initiiert und kritisch zur soziokulturellen Dimension der Biotechnologie Stellung bezogen. Seit 2005 ist er Direktor des privaten Instituts für Praxis der Philosophie e. V.




Was versteht man in der Geschichte der Philosophie unter "Natur"? Was sind die philosophischen Konzepte von Natur?


Da müssen wir sprechen über Aristoteles: Er fasst Natur als das auf, was von selbst da ist. Den Gegensatz dazu bildet für ihn das "technisch Seiende", das technei on, das von Menschen Gemachte. Es handelt sich hier im Grunde um eine Einteilung des Seienden: das eine ist das von Natur Seiende, das physei on, das das Prinzip seiner Reproduktion in sich selber hat. Das von Natur Seiende reproduziert sich selbst. Das technisch Seiende hingegen, das technei on, ist auf den Menschen angewiesen. Aristoteles gibt ein eindrückliches Beispiel: Man vergrabe ein Bett aus Weidenholz in feuchter Erde. Es wird Weidenholz daraus wachsen, nicht ein Bett. - Das Bett ist seiner Materie nach Natur, die sich selbst reproduziert; seiner Form nach aber ist es ein Bett und als solches von Menschen gemacht. Um das Bett reproduzieren zu können, müsste ein Handwerker tätig werden.

Diese basale Unterscheidung zieht sich durch die gesamte europäische Philosophie und Kulturgeschichte.


Ist demnach die abendländische Philosophie durch einen Natur-Kultur-Dualismus geprägt, der sich anthropologisch in einem Leib-Geist-Dualismus reflektiert?


Ich bin mir nicht sicher, ob man von einem "Dualismus" sprechen sollte. Jedenfalls handelt es sich um eine Einteilung des Seienden. Und in anthropologischer Perspektive ist es natürlich so, dass sich dort diese Differenzierung wiederholt. Man kann sagen, dass durch den Menschen gewissermaßen ein Riss geht. Natürlich ist der Mensch auch ein von Natur Seiendes, er ist Organismus, er ist ein animal. Aber er ist zugleich weitgehend ein Gemachtes: durch Kultur, Tradition, also durch Selbstbildung. Dazu zählt natürlich nicht nur die Bildung des Einzelmenschen, sondern auch die der gesellschaftlichen Formationen.

Wir können also wohl sagen, dass diese Unterscheidung von Natur und Technik im Menschen sich reproduziert.


Der Mensch ist gewissermaßen eine "Kunstnaturkatastrophe", wie Thomas Bernhard formulierte?


Nun, das muss nicht gleich eine Katastrophe sein. Aber das ist tatsächlich die conditio humana, mit der der Mensch fertig werden muss. Der Mensch ist animal rationale - eine Bestimmung, die wiederum von Aristoteles stammt: zoon logon echon, das Lebewesen, das Vernunft hat. In dieser Definition kommt also beides vor: Einerseits die Animalität oder das Organische am Menschen, sofern er sich selbst reproduziert wie andere Lebewesen und Geburt und Tod kennt. Und die Rationalität andererseits, mit der der Mensch sich selber gestaltet. Aufgrund seiner Rationalität kann der Mensch sich in außerordentlicher Weise entfalten.

Was ich heute als "katastrophal" oder jedenfalls hochgradig bedrohlich sehe, ist der Umstand, dass die kulturelle Selbstgestaltung des Menschen, die bis in die Aufklärung hinein eine Gestaltung durch Pädagogik und Politik war, dem Menschen mehr und mehr auf den Leib rückt. Der Mensch hat nämlich angefangen, seine eigene Natur, seine organische Konstitution in den Griff zu nehmen. Das ist tatsächlich ein massives bioethisches Problem: die Gefährdung der menschlichen Natur. Wir wissen heute gar nicht mehr, was eigentlich wir als Natur am Menschen akzeptieren wollen.



EIN SYMBOLISCHES DIAGRAMM DER OPERATIONEN DER NATUR. ©Fludd's Collectio Operum.

EIN SYMBOLISCHES DIAGRAMM DER OPERATIONEN DER NATUR ©Fludd's Collectio Operum.

 

 

Ist es problematisch, dem Menschen eine "Sonderstellung im Kosmos" qua Rationalität zuzuweisen?


Ich glaube nicht, dass das wirklich ein Problem ist. Jedenfalls nicht schon immer. Im Gegenteil muss man wohl sagen, dass die Technik im weitesten Sinne, also die Selbstgestaltung des Menschen durch Naturbeherrschung und Formation von Institutionen eine unerlässliche Bedingung für sein Überleben ist.

Ein Problem ist das, glaube ich, erst seit etwa 50 Jahren, seit also Genmanipulation möglich ist, seit es Transplantationsmedizin gibt, man im Prinzip klonen kann. Dabei wird die menschliche Natur massiv in den Griff genommen durch naturwissenschaftlich-medizinische Technologie. Dadurch wird die Beherrschung der Natur durch den Menschen zu einer fortschreitenden Beherrschung auch der eigenen Natur.


Sie sprachen über Institutionen als Lebensbedingungen des Menschen. Würden Sie sagen, der Mensch sei heute weniger oder mehr "institutionalisiert" als früher? Sind die Menschen heute freier oder unfreier gegenüber Institutionen? Sehen Sie da Probleme?


Das ist schwer zu sagen, weil solche Entwicklungsprozesse in sich ambivalent sind. Einerseits stellen wir fest, dass der Individualismus immer neue Blüten treibt; andererseits sehen wir uns einer Ausdehnung der Ökonomie, der Institution Markt hinein ins Private gegenüber, die die individuelle Freiheit einigermaßen fade erscheinen lässt.

Unsere Selbstbilder und -konzepte etwa - sind die frei? Ich würde sagen, die kosmetische Industrie, die Mode usw. haben da ein gewichtiges Wort mitzureden. Die Menschen fühlen sich durch die von den Medien servierten Vorbilder motiviert, die plastische Chirurgie zu bemühen. Das sieht dann vielleicht so aus, als könnte jeder machen, was er will. Faktisch aber tun die Menschen ja gar nicht, was sie selber wollen, sondern was ihnen eingeflüstert wird.


Ist der oben angesprochene Gegensatz von Natur und Kultur im Menschen verantwortlich für bestimmte Erscheinungen des Umgangs mit der Natur? Erzeugt dieser "Dualismus" eine Entfremdung des Menschen von der Natur?


Ich würde schon sagen, dass die Entfremdung des Menschen von der Natur fortgeschritten ist. Das hängt sowohl mit technischen wie ökonomischen Verhältnissen zusammen. Der städtische Mensch ist per definitionem der Natur immer ferner, so dass man schon seit der Renaissance geradezu von einer Entdeckung der Natur durch den Städter reden muss.

Von einer Entfremdung, einer zivilisatorischen Fremdheit gegenüber der Natur ist also unbedingt zu reden. Dabei darf nicht vergessen werden, dass auch die eigene Natur dem Menschen fremd wird, nicht nur die Natur "draußen". Norbert Elias hat den "Prozess der Zivilisation" nachgezeichnet: Der Mensch beherrscht mehr und mehr die eigene Natur durch Sitte und Erziehung. Später kommt dann eine neue Dimension hinzu: die Technologie. Die Technologie hat immer mehr Instrumente zwischen den Menschen und die Natur geschoben. Das fängt mit der Brille und dem Mikroskop an und verschärft sich in der industriellen Revolution. Im 20. Jahrhundert kulminiert diese Entwicklung gewissermaßen, insofern die Welt sich in Daten verwandelt. Die Natur wird im Zuge der Digitalisierung der Welterfahrung immer vermittelter.


Nun könnte man freilich einwenden, die Städter der Gegenwart bräuchten diesen Bezug zur Natur angesichts ihrer urbanen Lebensform gar nicht.


Ja, es gibt Theoretiker, die diese Entwicklung durchaus begrüßen, die den "Cyborg", der Kybernetik und Organismus, Technik und Natur verbindet, als neuen, befreiten Menschen feiern und dergleichen. Man begrüßt da geradezu die Entfremdung von der Natur als Weg zum "Übermenschen".

Die Technik dringt jedenfalls immer tiefer in uns ein. Etwa durch Transplantationsmedizin und plastische Chirurgie. Der Prothesenmensch ist gewissermaßen der Cyborg der Gegenwart. Das begreifen dann manche als entscheidende Befreiung, weil die Möglichkeiten des Menschen dadurch unendlich erweitert würden.


Ihnen graust es davor, weil das auch eine bestimmte mentale Kondition erzeugt?


Allerdings. Hier wäre eigentlich eine Diskussion nötig, was wir unter der Würde des Menschen verstehen wollen. Es ist gut, dass im Grundgesetz und anderen Deklarationen diese Würde undefiniert ist. Aber angesichts der Herausforderungen durch technologische Entwicklungen werden wir uns darüber äußern müssen, was wir als die Würde des Menschen bezeichnen wollen, wo die anthropologischen Unantastbarkeiten sein sollen.

Meiner Meinung nach gehört es entscheidend zur Würde des Menschen, sich selber als Natur gegeben zu sein. Er muss sich eben nicht als technisches Produkt oder Artefakt verstehen. Der Mensch ist auch Natur, hat einen natürlichen Ursprung, was auf geklonte Menschen nicht mehr zuträfe.


Spielen für Sie in diesem Zusammenhang religiöse Aspekte eine Rolle?


Nein, für mich persönlich nicht. Aber ich denke sehr wohl, dass religiös gebundene Menschen hier eine Ressource des Widerstands haben. Die katholische Kirche etwa hat hier eine Resistenz gezeigt, weil sie von einer gegebenen menschlichen Natur ausgeht. Da gibt es erfreuliche Ressourcen, die im gesellschaftlichen Zusammenspiel wichtig sind. Ich aber mache etwas anderes, nämlich Philosophie, und muss daher anders argumentieren.


Ihr Konzept einer "ökologischen Naturästhetik" sucht die Entfremdung des Menschen von der Natur zu überwinden. Was ist eine "ökologische Naturästhetik" und was fordert sie?


Die ökologische Naturästhetik ist entstanden aus einer Kritik der Ökologie, die das Umweltproblem des Menschen zunächst rein naturwissenschaftlich betrachtet hat. Was dem Menschen abträglich ist, konnte eigentlich nur physiologisch gefasst werden. Etwa unter dem Gesichtspunkt der Toxikologie. Die Frage aber, wie der Mensch sich befindet, sich fühlt in bestimmten Umwelten, konnte in der Ökologie kein Thema sein. Deshalb wäre meiner Ansicht nach eine Ergänzung von Seiten der Ästhetik nötig. Die Ästhetik ist eine Disziplin, die davon Rechenschaft zu geben vermag, wie man sich in bestimmten Umgebungen befindet. Sie verbindet Umgebungsqualitäten mit Befindlichkeiten.

Diese Beziehung also war der Ursprung meiner Überlegungen. Und diese Beziehung wird hergestellt durch die Atmosphäre. Umgebungsqualitäten erzeugen Atmosphären und Atmosphären werden erfahren im leiblichen Spüren, in der Befindlichkeit. Insofern sind Atmosphären das Vermittelnde. Die ökologische Naturästhetik hat sich demnach bei mir fortentwickelt zu einer Ästhetik der Atmosphären.


Wie genau fassen sie den Begriff "Atmosphäre" auf? Inwiefern leistet sie den Brückenschlag zwischen Mensch und Natur / Umwelt?


Wir haben in der europäischen Philosophie seit Aristoteles ein Problem mit den Relationen. Es gibt Substanzen. Aber was zwischen ihnen ist, bleibt weitgehend unbestimmt. Aristoteles hat das Problem bereits gesehen. Er gibt etwa das Beispiel von Lehrer und Schüler und stellt fest, dass die gemeinsame Wirklichkeit dieser beiden der Unterricht ist. Der Unterricht hat dabei eine gewisse Selbständigkeit: man kann sowohl den Lehrer wie den Schüler austauschen und der Unterricht bleibt dennoch. Das ist eine Art von Selbständigkeit der Relationen. Und zu diesem Typus gehört meiner Meinung nach die Atmosphäre.

Wir haben einerseits die dinglichen Voraussetzungen von Atmosphären: Geometrie, Farben usw. Andererseits haben wir das leiblich erfahrende Subjekt. Die Atmosphäre nun liegt zwischen Objekt und Subjekt: sie wird ausgestrahlt von den Dingen und wird empfangen vom Menschen. In solcher Weise vermittelt die Atmosphäre.


Inwiefern ist dem heutigen Großstadtbewohner eine Beziehung zur Natur möglich? Was kann er, was muss er tun, um zu einem Naturverhältnis gelangen zu können?


Er müsste sich selbst qua Natur, qua leiblicher Existenz ernst nehmen. Von dort aus könnte er auch die Natur, die nicht er selbst ist, erschließen. Wir sind - mit Paracelsus zu sprechen - "Luftwesen". Wir atmen. Und wir können bewusst atmen und diese leibliche Erfahrung knüpft uns an die Natur. Das Gehen, das Schwimmen, das uns mit der Erde, dem Wasser verbindet. Aber auch die Beziehung zu den Tieren, die einer Art Rekonvaleszenz bedürfte. Wir unterschätzen die Tiere. Und wir schätzten sie mehr, wenn wir anerkennten, dass wir selber Tiere sind.


Braucht ökologisches Bewusstsein in klassischem Sinne eine Naturästhetik? Kommt Ökologie, kommt Umweltschutz mit einer rein "funktionalen, kausalen" Betrachtungsweise aus?


Eben nicht. Man darf das, was die Ökologie zu leisten hat, eben keinesfalls auf den Umweltschutz beschränken. Das ist nämlich ein Denken, das die Kontraposition von Natur und Mensch fortsetzt. Der Mensch wird als Widersacher der Natur gesehen, gegen den man die Natur in Schutz nehmen muss. Das aber muss schief gehen, weil das zu Verteidigende auf diese Weise immer kleiner wird. Es muss vielmehr um die Frage gehen, wie wir die Natur gestalten sollen und wie wir im Umgang mit der Natur uns selber reproduzieren. Etwa im Bereich der Rekultivierung von Umwelt sind mehr als ökologische Gesichtspunkte notwendig, nämlich ästhetische.


Ist die Natur "schön"? Was ist "schön" an der Natur?


Allerdings ist die Natur schön. Sie stellt insofern für den Menschen auch immer eine Anmutung dar. Im Ganzen kann man wohl sagen, dass unsere Beziehung zur Natur sehr stark dadurch bestimmt ist, dass sie durch ihre Anmutung, ihre Schönheit unsere Lebensfreude steigert. Das beantwortet natürlich nicht die Frage, warum das so ist.

In der Tradition hat man versucht, der Schönheit unter dem Gesichtspunkt der Ordnung, Proportion, Harmonie auf die Spur zu kommen. Schon Kant hat allerdings gesehen, dass das nicht zum Begriff der Schönheit, sondern zum Begriff der Vollkommenheit führt. Schon bei Kant also ist nicht die bestimmte Form das Schöne, sondern eher die unbestimmte Form. Er bezeichnet etwas als schön, das durch seine Unbestimmtheit die Einbildungskraft anregt. Und die Einbildungskraft ist bei Kant ganz nahe an der Vitalkraft. Diese Vorstellung trifft zusammen mit der Ästhetik des Rokkoko, wo nicht die geometrische Form, sondern zum Beispiel das Ungefähre des Muschelprofils das Entscheidende war.

Diese Tendenz verstärkt sich gegenwärtig, scheint mir. Immer mehr suchen wir das Schöne im Unbestimmten. In Wolkenformen, in Schlieren, im Fraktalen, in Formen der Auflösung.

Zudem ist die reine Geometrie, die reine Harmonie industriell entwertet worden. Denken Sie an die Perfektion der industriell gefertigten Produkte, die tatsächlich die Frage aufkommen lassen, ob das das Schöne sein soll.


"Die ökologische Naturästhetik (…) findet den Ort ihrer Praxis in der Gestaltung einer humanen Umwelt.“ Was ist eine „humane Umwelt“? Interessiert sich die Naturästhetik für die Umwelt nur, insofern sie den Menschen angeht, ihm nutzt, ihn erfreut?


Dass gewisse Fundamentalisten in diesem Bereich lieber von der "Natur an sich" sprächen, ist mir bewusst. Aber ich tue das nicht. Was wir an Natur schätzen, ist doch bereits human gestaltete Natur. Denken Sie an die Landschaftsmalerei: das ist agrikulturelle Natur. Ich glaube, dass das Ideal der schönen Natur sich auf eine Natur bezieht, in der der Mensch wohnt und arbeitet.

Wenn im Öko-Fundamentalismus die ethische Forderung immer nur auf Umweltschutz hinausläuft, dann kann und muss man Reservate schaffen, die stetig kleiner werden. Am besten Reservate, die der Mensch nicht betreten darf. Aber das kann doch nicht zdas Ziel sein. Das Ziel muss doch viel eher das sein, was Ernst Bloch als Allianztechnik beschrieben hat: dass man in eine Kooperationsbeziehung mit der Natur eintritt. Und heute sind wir noch meilenweit davon entfernt, die in der Natur liegenden Kräfte der Selbstreproduktion und Regeneration wirklich zu berücksichtigen und auch zu nutzen. Der Mensch übernimmt sich stattdessen lieber mit einem "Öko-Management". Das aber ist gar nicht zu schaffen. Man müsste sich vielmehr auf die natürlichen Reproduktionszyklen einstellen.


Stattdessen aber schaffen wir im Namen des Umweltschutzes "beziehungslose" Reservate, zu denen wir keine lebendigen Beziehungen unterhalten? Oder jedenfalls nur gelegentlich am Wochenende, als Besucher...


Ja, so ist es. So wird es vielfach gehandhabt mit den Reservaten. Einige sind unbetretbar. Oder sie haben "Kanäle", durch die die Besucher durchgeschleust werden und mit dem Fernstecher die Natur betrachten dürfen. Und das sind nun wahrhaftig keine "Naturparadiese"...


Ist das Problem des Klimawandels allein mit technischen Mitteln zu lösen?


Eine Umstellung des Konsumverhaltens wäre letztendlich wohl am effektivsten. Hier hätten Elternhaus und Schule eine entscheidende Bedeutung. Es geht hier ja nicht um Moral, sondern um Ethik auf der Ebene des Üblichen, der Gewohnheit, dessen, was sich gehört. Und es geht hier um "Sitten", weniger um Gesetze. Ethik wird durch Erziehung vermittelt. Das umweltethische Potential der Erziehung ist heute noch keineswegs entfaltet. Aber wir dürfen hier auch nicht zu pessimistisch sein. Alles in allem haben wir in Deutschland mit der Umwelterziehung ganz gute Erfolge gehabt.

Ich denke, wir brauchen eine als Unterricht an den Schulen wirksame philosophische Ethik.


Wie schätzen Sie die Bedeutung, den Beitrag der Philosophie zu umweltethischen Fragen ein? Hat die Philosophie heute die Kraft, die Präsenz und Möglichkeit, das allgemeine Bewusstsein zu prägen, „bewusstseinsbildend“ zu sein?


Nicht die Philosophie alleine. Aber auch die Philosophie. Was die Umweltethik angeht, so werden die Herausforderungen meist über Gesetze angegangen. Und hier sind die Philosophie und etwa die Religionen im Vorfeld der Formierung von Gesetzen von sehr großer Bedeutung. Denken Sie an den Beitrag der Philosophie und der Religionen zum bioethischen Diskurs und der nachfolgenden Gesetzgebung. Das Embryonenschutzgesetz gäbe es ohne philosophisches und religiöses Backing nicht.

In der großen Tradition des Naturbegriffs wird die Natur als selbständig begriffen, als automaton. Wir müssen heute aufgrund des Umweltproblems erstens uns selber als Natur begreifen und zweitens danach fragen, was die Natur für uns ist, also relativ zum Menschen. Und ich denke, dass die umweltethischen Aspekte aus einer so konzipierten Naturphilosophie stammen. Sie haben zutiefst mit der Frage zu tun, wie der Mensch mit sich selber umgeht. Also damit, dass der Mensch sich selber zu einem ethischen Problem wird. Und dann mit der Umwelt als Lebensraum des Menschen. Meinem Verständnis nach ist es insofern tatsächlich weniger die "Natur an sich", die in einer recht verstandenen Naturphilosophie ethisch relevant wird, sondern die Natur für uns.

Was verstehen Sie unter Nachhaltigkeit?


Die Wirtschaft glaubte lange Zeit, sich umstandslos auf die Reproduktionskräfte der Natur verlassen zu dürfen. Heute ist es so, dass man unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit fragen muss, ob ein Leben, das wir als humanes Leben empfinden, auf Dauer möglich sein wird, wenn wir die Umwelt und die natürlichen Ressourcen in solcher Weise ausbeuten und zerstören. Vergessen wir nicht: Durch unsere Produktion produzieren wir auch die Ausgangsbedingungen für das Leben der nächsten Generation. Das ist ein unausweichlicher Prozess. Und der Philosoph Hans Jonas hat zu Recht darauf hingewiesen, dass der Umkreis der Menschen, auf den sich unser Handeln beziehen muss, nicht nur die Lebenden sind, sondern auch die Kommenden. Die Plausibilität der vorausschauenden Verantwortung wird zumindest jedem einleuchten, der Kinder und Enkelkinder hat, nicht wahr? Denn hier lässt sich der Begriff Nachhaltigkeit sinnlich füllen. Aber mit den eigenen Enkeln darf es natürlich nicht sein Bewenden haben. Denken Sie an den Atommüll: Da geht es um einige Hunderttausend Jahre! Das ist doch ungeheuerlich! Das ist so weitreichend, das man eigentlich sagen müsste, dass es überhaupt nicht zu verantworten ist! Wir haben schon heute ein radioaktives Erbe zu tragen, das eigentlich unerträglich ist.


Braucht es Umweltkatastrophen, damit der heutige Mensch sich wieder - in diesem Fall schmerzhaft - seiner "Naturhaftigkeit" erinnern, sich wieder als Teil der Natur erfahren kann?


Historisch gesehen ist es natürlich so gewesen, dass diese Besinnung des Menschen auf seine Lebensbedingungen gewissermaßen erzwungen worden ist durch die Schäden, die der Mensch bereits angerichtet hatte. An sich selber und an der Natur. Wahrscheinlich hätte man diese Einsicht auch durch Überlegung erreichen können. Und das gilt natürlich auch heute. Aber der Gedanke alleine reicht wiederum auch nicht: "Du musst dein Leben ändern."


Sie haben sich immer wieder gesellschaftspolitisch engagiert. Würden Sie im Rückblick sagen, dass Ihr eigenes Engagement tatsächlich Wirkung gezeigt hat?


Das ist nicht so leicht zu beantworten. Erst einmal muss man zur Kenntnis nehmen, dass dieses Engagement immer auch etwas ist für den sich Engagierenden selbst, etwas, das auch ihm selbst zugute kommt. Es ist so, dass man diese Welt gar nicht aushalten kann, wenn man nicht irgendwie versucht, etwas zu ändern. Das ist für die ethisch-psychische Stabilität nötig, glaube ich. Und im Faktischen hat sich ja tatsächlich vieles geändert. Man soll das aber nicht durchaus sich selber, dem eigenen Engagement, der eigenen Disziplin zugute halten. Die Friedensbewegung, die Nachrüstungsdebatte haben ja tatsächlich zu einem Ende des Ost-West-Gegensatzes und zum Beginn der Abrüstung beigetragen. Es war nicht allein die Friedensbewegung selbstverständlich, aber auch die Friedensbewegung. Die öffentliche Meinung spielt eine erhebliche Rolle.


Was kann ich tun für mein Verhältnis zur Natur, sobald ich wieder in Berlin bin?


Sie können Übungen, Leiberfahrungen machen, um sich um Ihre eigene Natur zu kümmern. Sie können Wahrnehmungsübungen machen, um Wahrnehmungen zu erreichen, in denen Sie sich wieder etwas mehr gegeben sein lassen und weniger einen konstatierend-zugreifenden Blick haben. Und das ist ja das Feld, in dem ich seit meiner Emeritierung tätig bin. Ich habe ein privates Institut für Praxis der Philosophie gegründet. Wir wirken regional, wir kümmern uns erst einmal um den Einzelnen, der sich kultivieren will. Auch das ist für mich eine Antwort auf die Frage nach der Wirksamkeit von Philosophie. Ich werde auch weiterhin publizieren. Auch damit will man natürlich wirksam sein, Einfluss nehmen auf die öffentliche Meinung. Aber ich will eben auch im Konkreten etwas verändern, in der Arbeit mit einzelnen Menschen. Unser Institut bereitet eine Initiative im Bereich der präoperativen Patientenfürsorge vor. Patienten sind vor einer Operation vollends sich selbst überlassen. Sie werden lediglich mit schrecklichen Einverständniserklärungen konfrontiert und ansonsten nur herumgestoßen im System Klinik. Wir wollen ein ehrenamtliches Betreuungsteam aufbauen. Wir sind gerade dabei, unser Team auszubilden. Danach werden wir konkret etwas machen. Man muss an bestimmten, konkreten Stellen etwas machen. Dann kann man auch wirksam werden. Auch als Philosophie. Anders wirksam nämlich als durch Worte und Publikationen. Und die akademische Philosophie wirkt ja nicht einmal mehr im Sinne von Bildung, Menschenbildung. Philosophie soll aber eine Lebensform sein. Und das versuchen wir in unserem Institut.
 

 

Text/Interview: GAB

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