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Athens Schule von Raffaello Sanzio, 1509, zeigt Platon (links) und Aristotle (rechts). © Public Domain.
07.06.2010

Die Geschichte des Begriffs "Energie"

Energeia bei Aristoteles

Fragt man nach der Geschichte des Begriffs „Energie“, gerät man rasch an einen der wirkungsmächtigsten Denker der griechischen Antike: den Philosophen Aristoteles. Und da stellt sich dann die Frage: Was geht uns Heutige die antike Philosophie an? Nun, sie hilft verstehen, was wir vielfach unbewusst meinen, wenn wir von „Energie“ sprechen.


Aristoteles sah die Wissenschaft in einen theoretischen und einen praktischen Strang geordnet. Gegenstand der theoretischen Wissenschaften ist seiner Auffassung nach die „Wahrheit“ und also  „das, was nicht anders sein kann“. „Wahrheitswissenschaften“ sind seinem Verständnis nach die „Erste Philosophie“ oder Metaphysik, die sich mit den aller Wirklichkeit zugrunde liegenden Voraussetzungen und „ersten Gründen“ befasst, weiterhin die Physik und die Mathematik. Die praktischen Wissenschaften befassen sich mit dem, „was anders sein kann“. An erster Stelle geht es hier um die Ethik und die Politik.


Aristoteles entwickelt den Begriff „Energie“ im Rahmen seiner Überlegungen zum Werden: Es gibt die Möglichkeit (griech. dynamis) und es gibt die Wirklichkeit (griech. energeia) des Werdens. Demnach bezeichnet energeia die verwirklichte Möglichkeit, das Wirklichwerden einer Möglichkeit.


Bei Aristoteles hängt die Unterscheidung zwischen dynamis und energeia eng mit der Unterscheidung zwischen Stoff / Materie (griech. hyle) und Form (griech. eidos) zusammen. Der Ton etwa ist Stoff. Diesem Stoff wohnt die Möglichkeit inne, eine Vase oder Schale oder Tasse zu sein. Um die Form einer Schale annehmen zu können, braucht es aber eine verwirklichende Kraft, braucht es Tätigkeit, kurzum: es braucht energeia. Der Ton hat demnach die passive (materiale) Potenz, eine Schale zu werden. Dazu bedarf es aber der aktiven Potenz eines Töpfers und seiner formenden Tätigkeit (energeia).


Alles Seiende enthält nach Aristoteles eine „Anlage“, eine „Idee“ oder „Disposition“ zu etwas. Aber diese Anlage kommt erst durch Tätigkeit (eben durch energeia) in eine bestimmte Form, wird durch Tätigkeit wirklich. Deshalb wird der aristotelische Begriff energeia vielfach auch mit „Betätigungskraft“ oder auch mit „Arbeit“ übersetzt. „Alles Geschehen ist Übergehen aus dem Zustande der dynamis in den der energeia durch Tätigkeit. Eine Energie kann nur durch eine Energie ausgelöst werden“, schreibt der Philosoph Rudolf Eisler in seinem berühmten „Wörterbuch der philosophischen Begriffe“.


Die aristotelische Unterscheidung zwischen dynamis und energeia hat in vielen Bereichen der Wissenschaft - der Linguistik, der Semiotik, der Informationstheorie etwa - Eingang gefunden. Mit Blick auf die Psychologie, auf innere Haltungen, Eigenschaften und Prinzipien könnte man sagen: Es gibt „dynamische“ und „energetische“ Haltungen. Und vielleicht vergessen wir oft, das wir „dynamische“ Haltungen und Prinzipien in „energetische“ verwandeln müssen durch Tätigkeit. Weil sie ansonsten bloße Potenz und also unwirksam bleiben. Vielleicht liegt es daran, dass wir alle zwar ziemlich viel wissen und vieles aus guten Gründen meinen, befürworten oder ablehnen, aber ziemlich selten handeln, tätig, „energetisch werden“. Insofern wäre die Unterscheidung zwischen dynamis und energeia auch eine Sache der Ethik, mithin der Umweltethik...

Text: GAB

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