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Pieter Boel: Großes Stillleben mit Sarg und abgelegten Zeichen von Herrschaft und Reichtum (Öl auf Leinwand, 1663)
28.03.2011

Verschwendung als Stütze der Gesellschaft?

Ein Beitrag zur Kulturgeschichte der Verschwendung

 Alljährlich wird im spanischen Städtchen Buñol die Vernunft für eine Stunde beurlaubt. Am jeweils letzten Mittwoch des Monats August treffen sich dort Zehntausende zur kollektiven Tomatenschlacht. Obwohl das Spektakel nur von elf bis zwölf Uhr mittags dauert, ist hinterher der ganze Stadtkern mit rotem Fruchtfleisch bedeckt. Insgesamt werden in Buñol jährlich 120 Tonnen Tomaten zerstört – eine besondere Sorte wird extra für das Event in der Extremadura gezüchtet und von dort über etwa 500 Kilometer Autobahn nach Valencia transportiert. Die Kosten belaufen sich jedes Jahr auf über 90.000 Euro. Es gibt keinen anderen Grund für das aufwendige Ritual als die Lust an der Verschwendung.

Wenn wir über die Vergeudung von Energie und Rohstoffen nachdenken, scheint Buñol weit weg zu sein. Sie wird vorwiegend als ein technisches Problem angesehen. Eine Einsparung hier, eine effizientere Lösung dort sollen genügen, um mit dem Phänomen Schluss zu machen. Doch die Lust an der Verschwendung wird sich nicht von heute auf morgen abschaffen lassen. Das Beispiel Buñol zeigt: Als kulturelle Praxis hat sie einen Selbstwert. Motoren rattern, Scheinwerfer brennen und Soundanlagen dröhnen aus anderen als rationalen Gründen. Das Verschleudern von Energie auf dem Motorrad, beim abendlichen Kicken im Flutlicht oder beim Tanzen im Strobogewitter macht einfach Spaß.

 

Verschwendung unterscheidet den Menschen vom Tier

 

Nicht nur unser Alltag, sondern die menschliche Kultur als Ganze wäre ohne die beabsichtigte Verschwendung nicht denkbar. Sie steht im Zentrum der ältesten Kulte und Zeremonien. Bei rituellen Opfern und opulenten Gelagen handelt es sich um nichts anderes als um die gewollte Vernichtung von Ressourcen. Die Juwelen auf der Krone der Königin, der fette Opferstier im alten Ägypten, Millionen, die für Kunst und Haute Couture ausgegeben werden – seit jeher charakterisiert Verschwendung für den Menschen das, was als mächtig, heilig und erhaben gilt.

Denker wie Georges Bataille behaupten sogar, die Verschwendung sei das, was den Menschen vom Tier unterscheide. Tieren kommt es nicht in den Sinn, Rohstoffe zu anderen als praktischen Zwecken zu verwenden. Nur der Mensch tut oft genug Sinnloses. Und kann eben deshalb – im Unterschied zum Tier - sinnlose und sinnvolle Handlungen auseinanderhalten.

 

Rituelles Opfern in der Religion

 

Der Kult um die Verschwendung findet sich in allen Religionen. In manchen Kulturen werden Tiere geopfert, in anderen gießt man einen Teil der Getränke auf den Boden. Im Alten Testament ist an einer besonders eindrucksvollen Stelle von „tausend Farren, tausend Widdern, tausend Schafen“ die Rede, die als Brandopfer dargebracht werden. Auch auf den griechischen Agoren und römischen Foren befanden sich immer Opferstätten, wurden mitunter „Hekatomben“ - also 100 Rinder oder andere Tiere - geopfert.

Während der Antike war es unter Händlern üblich, Kaufverträge mit einem Opfer zu besiegeln. Dem Soziologen Émile Durkheim zufolge hatten Opfergaben in diesen Zusammenhängen eine soziale Bedeutung. Indem man sich bereit zeigte, Ressourcen zu verschleudern, weil es das Ritual so wollte, bewies man, dass man eine höhere Ordnung als den individuellen Nutzen anerkannte. Gerade weil sich Vernunft und Eigeninteresse schon damals gegen die Verschwendung von Ressourcen sträubten, war das Opfer ein Mittel, um die bedingungslose Unterwerfung unter die sozialen Normen zu demonstrieren. Wer opferte, würde sein Eigeninteresse auch in anderen Situationen im Zaum halten können: Er würde ein pflichtbewusster König, ein fügsamer Untertan und ein vertrauenswürdiger Geschäftspartner sein. Insofern galt die ritualisierte Verschwendung geradezu als eine Schule der Sozialität.

Mit der griechischen Tragödie nimmt auch eines der wichtigsten sozialen Ereignisse der europäischen Kulturgeschichte seinen Ausgangspunkt von Opferkulten. Zur Verehrung des gehörnten Gottes Dionysos wurde in Griechenland in regelmäßigen Abständen ein Bock (Tragos) geopfert. Aus dem rituellen Gesang (Ode) um das Brandopfer bildete sich die Tragodia und mit ihr die Grundlage des europäischen Theaters.

 

Weihrauch-Pomp und Christentum

 

Auf den ersten Blick hat das Christentum mit dem Kult um das Opfer Schluss gemacht. Es war die erste Religion, die das antike Opfer in allen Varianten ablehnte. Der christlichen Theologie zufolge war mit dem Sohn Gottes das denkbar wertvollste Opfer dargebracht worden. Dies machte alle weiteren unnötig und sogar unzulässig. Im Kult verschwendete Ressourcen sollten besser der caritas dienen, für Almosen verwendet werden, forderten die Kirchenväter. In dem christlichen Verzicht auf Verschwendung macht der Religionssoziologe Rodney Stark den Hauptgrund für den beispiellosen Siegeszug der orientalischen Sekte aus. Natürlich waren Almosen ein besseres Mittel als Opfer, um das Wachstum einer Religionsgemeinschaft zu befeuern. Aber auch das Christentum hat es nicht fertig gebracht, ganz mit dem Opfer zu brechen. Der Gold- und Weihrauch-Pomp der katholischen Kirche zeigt noch immer deutlich: Nur wer etwas zu verschwenden hat und das zu inszenieren weiß, wird für wirklich heilig gehalten.

 

Überfluss als Erkennungsmerkmal der Eliten

 

Doch die Verschwendung dient nicht nur zur Abgrenzung des Heiligen vom Profanen, sondern auch zu derjenigen der Mächtigen vom Volk. Mit der Sesshaftwerdung der ersten Gesellschaften entstand eine breite Schicht, die über die Lebensgrundlagen verfügte. Damit wurde der Überfluss zum Kennzeichen derjenigen, die es wirklich geschafft hatten. Wasser, Brot und ein Dach über dem Kopf reichten von da an nicht mehr – es musste schon mehr sein: Kunst, Delikatessen, übermäßig große Paläste und wertvolle Pelze zum Beispiel. Verschwendung macht Besitz sichtbar, der über Grund und Nahrung hinausgeht. Damit ermöglicht sie erst die Einrichtung komplexer sozialer Hierarchien, die nicht mehr einfach auf dem Recht des Stärkeren gründen.

Da die Zurschaustellung des Überflusses durch Luxus- und Kulturgüter Geschmack erfordert, stabilisiert sie außerdem die Eliten. Von dem Zeitpunkt an, in welchem Luxus und Kultur die Insignien der Herrschenden werden, setzt Macht ein gewisses Maß an Bildung voraus und kann damit nicht mehr innerhalb einer Generation erlangt werden. Schon im alten Rom verspottete man die Neureichen. Man nannte sie abschätzig Novi Homines – neue Menschen.

Deutlichstes Zeichen der Bedeutung des Luxus für menschliche Gesellschaften ist der zu allen Zeiten hohe Preis für Edelsteine. Bevor es Laser, Plattenspieler und ähnliches gab, hatten diese überhaupt keinen praktischen Nutzen. Trotzdem waren sie immer teurer als sinnvoll einsetzbare Rohstoffe wie Nahrungsmittel und sogar Eisen. Ihre Seltenheit und gleichzeitige Nutzlosigkeit machte sie zu perfekten Luxusobjekten. Wie kein zweites Material symbolisieren Edelsteine menschliche Hierarchien. In fast allen Kulturen zieren sie die Häupter der Herrschenden.

 

Verschwendung in den Konsumgesellschaften

 

Heute ist Verschwendung nicht mehr das Kennzeichen der Oberschicht oder des Religiösen, sondern weit verbreitet. Die europäische Mittelklasse fliegt nach Asien in den Urlaub und die asiatische besucht Europa. Bei solchen Flügen werden pro Passagier bis zu 3,17 Tonnen CO2 emittiert, das sind 1800 Kubikmeter, welche dem Volumen mehrerer Häuser entsprechen. Eine zentrale Rolle spielt die Verschwendung von Nahrung. McDonalds, Mars und Coca & Cola verdienen ein Vermögen mit dem Verkauf von Lebensmitteln, deren Nährwert gleich null ist – wenn sie überhaupt gegessen werden: Allein in Großbritannien landen jährlich 6,7 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll, von denen die meisten noch genießbar sind. Das sind 20 Prozent des gesamten Abfalls auf dem Inselreich - ein Geldwert von 11 Milliarden Euro jährlich. Auf den Teil der Weltbevölkerung hochgerechnet, der sich einen vergleichbaren Lebensstil leisten kann, ergibt dies 200 Millionen Tonnen Lebensmittel zu einem Geldwert von über 300 Milliarden, die jährlich im Abfall landen.

Buñol stellt folglich nur die Spitze des Eisbergs dar. Verschwendung mag heute eher die Regel und nicht Ausnahme sein. Sie gilt auch nicht mehr als heilig. Doch wie einst in Israel, Rom oder Griechenland ist sie noch immer der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Es gibt kaum ein verlässlicheres Band als den gemeinsamen Urlaub oder den gemeinsamen Konsum. Und wer einsam ist, dem wird durch Fast Food oder Snacks das Gefühl vermittelt, zu einem größeren Kollektiv zu gehören - der globalen Genussgesellschaft. Die Räumlichkeiten von Ketten wie Burgerking sind voll von ewigen Junggesellen, die ihren Frust kalorienlastig betäuben. – Feel the fire. Angestaute Aggressionen, die man früher auf das Opfertier kanalisierte, entlädt man heute während einer Sonntagsfahrt auf der Autobahn.

Versuche, die Verschwendung von Rohstoffen zu begrenzen, finden sich folglich mit mehr als nur technischen Problemen konfrontiert. Abfallvermeidung und Nachhaltigkeit rütteln an einer der Grundfesten der menschlichen Gesellschaft. Diese hat in der Vergangenheit Gemeinschaften stabilisiert, Hierarchien gestiftet und Kultur ermöglicht. Der praktischen Eindämmung der Verschwendung muss eine symbolgeschichtliche Aufarbeitung des Phänomens an die Seite gestellt werden.

Text: Johannes Thumfart

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