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Museum d'histoire naturelle, Aix en Provence, Frankreich http://classa.lavandas.over-blog.com/
21.06.2010

Mensch, Zeit und Müll

Über ein unerträgliches Langzeiterbe

Endlager für radioaktiven Abfall müssten ihren Atommüll über so gewaltige Zeiträume sicher verwahren können, dass nicht nur die Grenzen der Vorhersagbarkeit gesprengt werden, sondern überhaupt unser Vorstellungsvermögen in mehr als einer Hinsicht scheitert.


Die in radioaktivem Abfall vorkommenden Radionuklide (also radioaktiven Stoffgruppen) sind teilweise überaus langlebig. Die Halbwertzeit einiger radioaktiver Stoffgruppen ist so groß, dass das menschliche Vorstellungsvermögen an seine Grenzen stößt. Im Atommüll aus Kernkraftwerken kommt zum Beispiel das hochgradig toxische Plutonium-239 als erbrüteter Kernbrennstoff vor. Die Halbwertzeit dieses so genannten Transurans (das aus dem Rohstoff Uran-238 gewonnen wird) beträgt 24.110 Jahre. Als weiteres Transuran liegt Neptunium-237 mit einer Halbwertzeit von 2,144 Millionen Jahren vor. Zudem enthält der Atommüll unverbrauchte ursprüngliche Brennstoffe wie Uran-235 und Uran-238. Die Halbwertzeit dieser Stoffe beträgt 704 Millionen bzw. 4,468 Milliarden Jahre. Wohl gemerkt: Es handelt sich um Halbwertzeiten, das heißt, der Wert bezeichnet die Zeitspanne, in der die Menge eines Radionuklids um die Hälfte gesunken ist. Bis die gesamte Menge der Stoffe und damit die gesamte Radioaktivität abgebaut ist, vervielfachen sich diese Werte demnach ins Unvorstellbare.


Die Planungen für Endlager müssten also Zeitspannen berücksichtigen, die wir uns nicht annähernd vorzustellen vermögen. Retrograd – also in die erdgeschichtliche Vergangenheit zurückgeführt – versetzte uns die Halbwertzeit des Uran-238 in den Beginn des Präkambriums und damit in die Entstehungszeit der Erde vor ca. 4,55 Milliarden Jahren. Der Wert des Uran-235 in die Spätphase des Präkambriums, so dass selbst die wirbellosen Lebewesen noch etwa 150 Millionen Jahre auf sich warten ließen. Auch das Neptunium-237 führt uns erdgeschichtlich in eine Zeit, da sich allmählich der Übergang vom Menschenaffen zum Menschen in Gestalt des Australopithecus vollzog.


Angesichts solcher Werte stellt sich die Frage, wo wir landen, wenn wir versuchen, diese Zeitspannen anterograd – also in die Zukunft geführt – zu denken. Mit wem hätten wir es dann eigentlich zu tun? In der Vergangenheit war es etwa der Menschenaffe Australopithecus, mit dem wir heutigen Menschen uns aus nahe liegenden Gründen nur schwer hätten verständigen können. Und in der Zukunft? Wie mag die Menschenart aussehen, an die wir heute gewissermaßen bereits denken müssen, wenn wir den Anspruch haben, dauerhaft, langfristig sichere Endlager einrichten zu können? Wen müssen wir in ferner Zukunft vor unserem radioaktiven Abfall schützen? Und wie wäre das überhaupt möglich? Wie „kommunizieren“ wir mit einem uns unbekannten Empfänger? Wird man uns und unsere Warnungen überhaupt noch verstehen? Wer wird dieser Zukunftsmensch sein, den wir vor unserer gefährlichen Hinterlassenschaft zu schützen und zu warnen haben? Hier hat man es eben nicht allein mit einem gewichtigen ökologischen, sondern potentiell auch mit einem  über gewaltige Zeiträume sich erstreckenden intergenerationellen Kommunikationsproblem zu tun.


Insofern hat der Philosoph Günter Anders recht: „Unser größtes Problem ist, dass wir uns nicht mehr vorstellen, was wir anstellen.“ Nur liegt das bisweilen vielleicht auch daran, dass wir uns die Kontrolle über Zeiträume anmaßen, die wir uns wahrhaftig nicht vorzustellen vermögen. In einem Gespräch mit uns äußerte Eugen Drewermann mit Blick auf die Atomkraft und ihre radioaktiven Rückstände: „Was wir da herstellen sind Dinge, die in 25.000 Jahren noch gefährlich sind. Kein Mensch kann Geschichte in solchen Zeiträumen gestalten und überblicken. Aber wir finden nichts dabei, so zu diskutieren, als wären Endlagerfragen sekundär, wenn nur erst einmal die Atomkraftwerke und ihre Betreiber ihre Profite einfahren. Und die Politik unterstützt das unter dem Segen einer umweltgerechten und verantwortbaren Übergangstechnologie. So redet man sich aus den Katastrophen in die Katastrophen.“

Text: GAB

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