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Georg Simmel über die Philosophie und Sozialpsychologie des Geldes
Wenn wir über Geld sprechen, beschäftigen wir uns dann lediglich mit Fragen der Wirtschaft und des Wirtschaftens? Geht es dabei lediglich um ökonomisch relevante Zusammenhänge, die das Geld als Wertäquivalent in den Blick nehmen, die das Verhältnis von Angebot und Nachfrage oder die Kreditwirtschaft betreffen? Gewiss, das Geld ist Tausch- und Zahlungsmittel, ist Wertmesser und Wertaufbewahrungsmittel, wie es die volkswirtschaftliche Geldtheorie lehrt. Aber sind die makroökonomischen Funktionen des Geldes alles, was sich darüber aussagen lässt?
Dass das nicht so ist, dass es vielmehr überaus lohnenswert ist, das Geld unter philosophischen, soziologischen, sozial- und individualpsychologischen Gesichtspunkten, hinsichtlich seiner „geistigen Grundlagen“ und seiner „geistigen Bedeutung“ in den Blick zu nehmen, hat vor mehr als 100 Jahren Georg Simmel in seiner „Philosophie des Geldes“ eindrucksvoll gezeigt.
Zunächst sieht Simmel im Geld Ausdruck und Ergebnis der Relativität: es hat Bedeutung nur innerhalb von Relationen, es hat und es ist Relation. Es hat Bedeutung (als Wertmesser) zunächst in der Beziehung zu Gütern. Es befreit sich aber zunehmend aus dieser Beziehung. Der „Endzweck“ des Geldes zeigt sich nämlich in dreifacher Gestalt: „(...) vernünftiger Endzweck ist doch nur der Genuss aus dem Gebrauch des Gegenstandes; die Mittel dazu sind: 1. dass man Geld habe, 2. dass man es ausgebe, 3. dass man den Gegenstand besitze; an jeder dieser drei Stationen kann das Zweckbewusstsein Halt machen und sie als Selbstzweck konstituieren; und zwar so energisch, dass jeder dieser drei Inhalte desselben maniakalisch ausarten kann.“ Das Geld hat (oder entwickelt) demnach eine zweifache Funktion: Einerseits dient es dem Zweck, relative Preise für Güter auszudrücken, andererseits entwickelt es eine autonome Wertigkeit, indem es unabhängig von Gütern, außerhalb der Bindung an dieses oder jenes konkrete Gut zum absoluten Selbstzweck avanciert. Was seinen Zweck und seine Bedeutung also zunächst nur relativ (in der Relation zu Gütern) hat, zeigt in der modernen Geldwirtschaft zunehmend auch eine absolute, aus den Relationen freigesetzte Bedeutung.
Das Geld hat zugleich eine „Weltbildfunktion“, die den im engeren Sinne kulturphilosophischen Gehalt der „Philosophie des Geldes“ ausmacht: Die Geldwirtschaft sei Ergebnis und Movens einer „relativistischen“ Kultur der Moderne. „Je mehr das Leben der Gesellschaft ein geldwirtschaftliches wird, desto wirksamer und deutlicher prägt sich in dem bewussten Leben der relativistische Charakter des Seins aus, da das Geld nichts anderes ist, als die in einem Sondergebilde verkörperte Relativität der wirtschaftlichen Gegenstände, die ihren Wert bedeutet.“ Durch das Geld manifestiert sich das Relative und Prozesshafte der Kultur vollends. Der „Mittelcharakter des Geldes“ bewirkt, dass das Geld zwischen die Menschen und die Dinge tritt. „Es entsteht eine lange Reihe von Mitteln und Zwecken. Das strategische Denken wird zur vorherrschenden Mentalität unseres kulturellen und gesellschaftlichen Lebens.“ (Wolfgang Müller-Funk) Und diese vorherrschende „relativistische“, zweckrationale, intellektuell geprägte Mentalität ist ihrem Wesen nach „charakterlos“, wie Simmel feststellt: „Der Intellekt, seinem Begriff nach, ist absolut charakterlos (...), weil er ganz jenseits der auswählenden Einseitigkeit steht, die den Charakter ausmacht.“ Der Intellekt (im Sinne von Zweckrationalität) ist ist in gewisser Hinsicht „wertneutral“, vielseitig, eben „relativ“. Ebenso die intellektuell, vom Zweckkalkül geprägte Geldwirtschaft. Dabei ist das Geld so sehr Ursache wie Folge der „modernen Mentalität“: „Das Geld ist, wie sein theoretischer Reflex, die rationalistische Weltauffassung, eine Schule des neuzeitlichen Egoismus und des rücksichtslosen Durchsetzens von Individualität gegen die (...) Gemeinschaft.“ (Wolfgang Müller-Funk)
Nun ist aber der Mensch alles andere als ein rein intellektuell oder zweckrational organisiertes und agierendes Wesen, das mit den Ergebnissen des „rücksichtslosen Durchsetzens“ der eigenen Bedürfnisse einfachhin zufrieden wäre. Im Gegenteil lässt solches Durchsetzen und Erlangen vielfach einen schalen Nachgeschmack, das merkwürdige Odium der unerfüllten Erfüllung zurück. Auch das ist Simmel keineswegs entgangen: „Diese Doppelbedeutung des Begehrens: daß es nur bei einer Distanz gegen die Dinge entstehen kann, die es eben zu überwinden strebt, daß es aber doch irgendein Nahesein zwischen den Dingen und uns schon voraussetzt, damit die vorhandene Distanz überhaupt empfunden werde - hat Plato in dem schönen Worte ausgesprochen, daß die Liebe ein mittlerer Zustand zwischen Haben und Nichthaben sei.“ Hier mag tatsächlich gelten, dass der Weg oft bereits das Ziel sei. Und das Erreichen des Ziels das Ziel oft entwerte. Und insofern das Habenwollen vielfach mit größerer Erfüllung und Befriedigung und Liebe verbunden ist als das Haben. Das wäre gewissermaßen eine Begründung und Apologie der „Askese“, der Zurückhaltung im Konsum, die nicht moralisch begründet oder theologisch formuliert ist, sondern psychologisch: Wir sollten vielleicht häufiger Zurückhaltung üben, weil der Besitz uns vielfach weitaus weniger befriedigt als die Sehnsucht, der Wunsch nach dem Besitz. Und weil das Begehren nach Besitz vielfach wiederum nur Folge der Relativität, des Vergleichs, mithin eine Illusion ist. Mit Simmel zu sprechen: "Das eben war der welthistorische Irrtum, dass man in das Haben oder Nichthaben von Gegenständen den Grund der Freuden oder Leiden verlegte. Nein, nicht ob ich es habe oder nicht habe, entscheidet meine Gefühle - sondern ob andere es nicht haben oder haben. (...) Und immer wieder treibt uns die Illusion (der Befriedigung durch Besitz) in die Sisyphusmühe äußerer Ausgleichung, bis dahin, wo die Natur ihr die Grenze steckt und wo wir erkennen, dass das Leiden, dem wir nach außen entfliehen wollten, uns von innen her nachjagt."
Literatur und Links:
Simmel, Georg (1989): Philosophie des Geldes. Hrsg. von David Frisby und K. C. Köhnke. GA, Bd. 6. Frankfurt (Suhrkamp).
Simmel, Georg (1983): Schriften zur Soziologie. Eine Auswahl. Hrsg. von H.-J. Dahme und O. Rammstedt. Frankfurt (Suhrkamp).
Müller-Funk, Wolfgang: Georg Simmel - Geld und Mode
http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Simmel
www.humane-wirtschaft.de/05-2007/preisinger_georg-simmel.pdf
Text: GAB