André Pilz "unter Strom"
"Ich fühle mich der Leidenschaft verpflichtet."
UNTER STROM
Ich mag Ihre Geschichten, sagte der Kritiker. Ich mag sie wirklich sehr. Es gibt nur einen Punkt, der mich stört: Sie sind manchmal zu parteiisch, zu einseitig. Sie sind manchmal unfair.
Ich habe ihm gesagt, dass ich nicht finde, dass ein Schriftsteller unparteiisch sein muss.
Ich habe ihm gesagt, ein Schriftsteller müsse gar nichts - außer schreiben.
Richter, Schiedsrichter, UNO-Generalsekretäre müssen unparteiisch sein. Lehrer sollten unparteiisch sein. Finanzbeamte. Ich fühle mich der Leidenschaft verpflichtet. Ich bin kein Friedensrichter. Ich will es den Leuten nicht recht machen. Ich will sie nicht ruhig schlafen lassen. Den Büchern, den Filmen, den Kunstwerken, die ich liebe, ist allen gemeinsam: Sie geben mir das Gefühl, lebendig zu sein. Sie geben mir etwas mit für mein weiteres Leben.
Wenn ich schreibe, drehe ich die Musik bis zum Anschlag auf. Die Musik lässt die alten Fensterscheiben vibrieren, lässt die Kaffeetasse über den Schreibtisch hüpfen, die Musik ist der Gefühlsverstärker, der mein Herz ein bisschen heftiger schlagen lässt, mein Blut ein bisschen heißer kocht, mich antreibt, an Grenzen zu gehen, dorthin zu gehen, wo es wehtut, weil man Erfahrungen oder Erlebnisse verarbeitet, an die man sich nicht gerne erinnert, die man lieber verdrängt.
Das sind die größten Momente für mich als Schriftsteller: Wenn ich beim Schreiben das Gefühl habe, unter Strom zu stehen. Wenn ich mich als Teil einer Urgewalt fühle und alles zusammenspielt - die Musik, die Gefühle, die Ideen, die Figuren. Es ist kaum möglich, diese Energie zu steuern, sie ist da und sie verlangt, was sie verlangt – mal den Frieden, mal den Krieg, mal den Himmel, mal die Hölle, sie ist mal gerecht, mal ungerecht. Und ich lasse mich treiben in dieser Ursuppe, ich klinke mich aus aus dieser Welt, ich vergesse alles rundherum, es ist ein Rauschzustand, und manchmal, ja, manchmal, da gibt es auch Schwarz und Weiß in meinen Geschichten, Gut und Böse. Manchmal lebe und leide ich so sehr mit meinen Helden oder Antihelden, dass ich nicht anders kann, als ihre Feinde zu verteufeln.
Das Aufwachen ist ernüchternd. Man fühlt sich mit einem Mal müde und kraftlos, leer und deprimiert. Als hätte wer den Stecker gezogen. Jeder weitere Song, der aus den Boxen poltert, schmerzt in den Ohren, jeder weitere Blick auf das Display des Notebooks ist eine Qual für die Augen. Ich halte nicht einmal mehr das Licht der Glühbirne aus, ich schalte es aus. Ich werfe mich aufs Bett und warte, bis alles heruntergefahren ist. Alles still und dunkel ist.
Nein, ich kann nicht unparteiisch sein. Ich kann nicht cool bleiben. Man kann nicht in den Ring steigen und sagen: Lass uns boxen, aber es darf keine blauen Flecken geben, keine Kratzer, kein Nasenbluten. Ich muss aufs Ganze gehen. Ansonsten wird Energie verschwendet. Ansonsten verpufft all die Power im Nichts.
André Pilz, 37, ist Schriftsteller. Sein aktueller Roman „Man Down“ ist im Haymon Verlag erschienen.
Blog: www.liebeundgewalt.blogspot.com