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23.11.2010

Henry David Thoreau über Individuum, Gesellschaft und Staat

„Unser Feind ist die fast universelle Starrheit von Kopf und Herz, der Mangel an Vitalität im Menschen.“

Wie verhalten sich Individuum und Gesellschaft zu einander? Wie sollten sie sich zu einander verhalten? Und sind Gesellschaft und Staat eins und untrennbar? Das sind im Kern die Fragen, mit denen sich der reformerische Philosoph Henry David Thoreau (1817-1869) in seinem 1849 erstmals erschienen berühmten Manifest „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ befasst.

Neben seinem Buch „Walden oder Leben in den Wäldern“ von 1845, in dem er ein einfaches, autarkes Leben abseits der Gesellschaft propagierte, dürfte die Schrift über den Zivilen Ungehorsam, die Gandhi, Luther King und überhaupt die Protestbewegungen des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts beeinflusste, sein bekanntestes Werk sein, das Thoreau gewissermaßen zu einem Klassiker des Nonkonformismus, des „Querdenkertums“ werden ließ.

In „Walden“ schreibt Thoreau: „Ich zog in die Wälder, weil ich bewusst leben, mich nur mit den wesentlichen Dingen des Lebens auseinandersetzen und zusehen wollte, ob ich das nicht lernen konnte, was es mich zu lehren hatte, um nicht auf dem Sterbebett einsehen zu müssen, dass ich nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das leben, was kein Leben war, denn das Leben ist so kostbar; noch wollte ich Entsagen üben, wenn es nicht unumgänglich nötig war. Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen und so standhaft und spartanisch leben, um alles, was nicht Leben war, davonzujagen.“ Und in seinen Tagebüchern beklagte er: „Wir leben unser Leben nicht voll aus. Wir durchdringen nicht alle unsere Poren mit unserem Blut. Wir atmen nicht aus voller Brust. Wir leben nur einen Bruchteil unseres Lebens. Warum lassen wir die Flut nicht herein, öffnen die Schleusen und setzen all unsere Räder in Bewegung? Wer Ohren hat, der höre. Bediene dich deiner Sinne.“ Er wollte also vor allem eines: authentisch und intensiv leben. Und leben war für ein ein emphatischer Akt: ungehindert dem Leben „nachjagen“, bedingungslos das tun, was man wirklich liebt, das Leben in seinen zahllosen Möglichkeiten, Facetten und Spielarten auskosten. Inwiefern aber waren ihm dabei Gesellschaft und Staat im Weg? Inwiefern hinderten sie ihn an der begehrten Lebendigkeit, der ersehnten Wandelbarkeit, dem Alles-sein-Können?

Sie hinderten ihn durch Prinzipien, Konventionen, in ihrer Berechtigung vielfach fragwürdige, aber nicht hinterfragte Gesetze und die allgegenwärtigen Forderungen der modernen Arbeitsgesellschaft. Thoreau wollte sich nicht bevormunden lassen, sondern sein Leben nach eigenen Vorstellungen, eigenen Ansprüchen gestalten. Und der Stein des Anstoßes, der zu seiner Schrift über den Zivilen Ungehorsam führte, war ein solches Gesetz, das er in moralischer Hinsicht als ungerechtfertigt ansah: eine Kopfsteuer, die zu entrichten er nicht bereit war, weil er damit nicht den Krieg der Vereinigten Staaten gegen Mexiko finanzieren wollte. In der Schrift über den Ungehorsam heißt es denn auch: „Muss der Bürger auch nur einen Augenblick, auch nur ein wenig, sein Gewissen dem Gesetzgeber überlassen? Wozu hat denn dann jeder Mensch ein Gewissen? Ich finde, wir sollten erst Menschen sein, und danach Untertanen. Man sollte nicht den Respekt vor dem Gesetz pflegen, sondern vor der Gerechtigkeit.“ Nach Thoreau sind es eben die Gesetze, die bisweilen dafür verantwortlich sind, dass Menschen der Gerechtigkeit zuwider handeln, indem sie die Gesetze befolgen, sich demnach zwar gesetzestreu, aber deshalb nicht weniger (in moralischer Hinsicht) unrechtmäßig verhalten: „Das Gesetz hat die Menschen nicht um ein Jota gerechter gemacht; gerade durch ihren Respekt vor ihm werden auch die Wohlgesinnten jeden Tag zu Handlangern des Unrechts.“ Damit kein Mensch genötigt ist, wider Willen „Handlanger des Unrechts“ zu sein, schwebt Thoreau ein Staat vor, der das Gewissen des Einzelnen (in das Thoreau eingestandenermaßem sehr großes Zutrauen hat) nicht bevormundet, sondern sich frei ausdrücken lässt: „Ich mache mir das Vergnügen, mir einen Staat vorzustellen, der es sich leisten kann, zu allen Menschen gerecht zu sein, und der das Individuum achtungsvoll als Nachbarn behandelt; einen Staat, der es nicht für unvereinbar mit seiner Stellung hielte, wenn einige ihm fernblieben, sich nicht mit ihm einliessen und nicht von ihm einbezogen würden, solange sie nur alle nachbarschaftlichen, mitmenschlichen Pflichten erfüllten.“

 

 

 

Literatur:

Thoreau, H. D. (2001): Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat und andere Essays. Frankfurt / Wien / Zürich.

Thoreau, H. D. (1998): Walden oder Leben in den Wäldern. München.

Thoreau, H. D. (1996): Aus den Tagebüchern 1837-1861. Köln.

Text: GAB

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