red+rain+copy2.jpg
Red Rain, 2008, © Parahanga.com
23.11.2010

André Pilz über Tschernobyl

Roter Regen

Der Regen war rot. Ich kniete auf der Fensterbank im Kinderzimmer und sah hinaus zum Wald, und der Wald schimmerte rötlich. Ich war 13 und heute bin ich 37 und ich habe das Bild immer noch vor Augen. Ich war 13 und niemand bekam mich vom Fenster weg. Ich war wie hypnotisiert. Ich hörte nicht auf Mamas Rufen, nicht auf Papas Hupen, ignorierte meinen kleinen Bruder, der an meinem linken Arm hing, und meine kleine Schwester, die mich am rechten Arm zog. Wir wollten auf die Geburtstagsparty unserer Lieblingscousine, zu Kinderbowle und Schokoladenkuchen, das Auto stand bereits abfahrbereit vor der Garage, aber ich wollte das Haus nicht verlassen. Da draußen war etwas Unheimliches, Unbegreifliches. Ich hatte das Gefühl, in einen Abgrund zu schauen, aber gleichzeitig schien der Abgrund in mich zu schauen, und mich überkam eine große, nie gekannte Angst.

 

Der Regen war rot. Und später haben mir die Leute einreden wollen, mein Hirn würde mir einen Streich spielen, meine Erinnerungen wären verfälscht, ich hätte das im Nachhinein erfunden, das Rot, diesen Zustand der Trance, diese alles verschlingende Angst, alles nur eine spätere Interpretation jenes Tages. Und nach ein paar Jahren habe ich es selbst geglaubt, war ich überzeugt, ich hätte mit jedem Mal, da ich an diesen Tag dachte, etwas dazu erfunden, mit jedem Mal ein bisschen dicker aufgetragen. Doch dann stieß ich zufällig auf einen Zeugen, der jede Zweifel beseitigte: Mein Tagebuch. Ich las den Eintrag, den ich spät nachts nach der Geburtstagsparty geschrieben hatte. Da stand, dass etwas Unheimliches geschehen sei, dass der Regen rot gewesen wäre, der Wald, die Wiesen, alles hätte einen rötlichen Schimmer gehabt. Ich habe so etwas noch nie gesehen.

 

Das Chaos, das in den Tagen nach dem Fallout von Tschernobyl folgte, hat mich mehr geprägt als jedes andere Ereignis in meinem Leben: Die Ängste der Menschen, die Ratlosigkeit der Behörden, die Lügen der Regierenden, später das brutale Niederknüppeln der Demonstranten an der Baustelle zur geplanten Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf – mein Grundvertrauen in die Obrigkeit, mein Glaube an die Wissenschaft war zutiefst erschüttert. Viele Menschen fühlten, dass wir in einer Sackgasse gelandet waren. Aber anstatt uns umkehren zu lassen, wollten die da oben mit dem Kopf durch die Wand. Es aussitzen. Sich durchbeißen. Anstatt neuer Ideen und neuer Wege gab es altbewährte Reden, altbewährte Feindbilder, und für die, die nicht hören wollten, Tränengas und Gummiknüppel.

 

Der Regen war rot, keiner kann mir erklären warum. Überall sonst scheint der Regen, der das Caesium, Strontium und Plutonium nach Westeuropa brachte, farblos gewesen zu sein. Kein einziger Mensch in Deutschland starb unmittelbar durch den Fallout, durch das Gift in den Nahrungsmitteln. Aber der Krebs kommt bei dieser Dosis in der Regel erst nach Jahren oder einigen Jahrzehnten, deshalb wird kein Wissenschaftler der Welt jemals herausfinden, wen der radioaktive Regen bereits geholt hat oder eines Tages noch holen wird, Krebs ist Krebs, was ihn verursacht, verrät es nicht. Und deshalb wird mich der rote Regen bis ins Grab verfolgen, werde ich ihn nie aus dem Gedächtnis löschen können, und vielleicht nur deshalb können sie ein Revival der Kernkraft einläuten, ohne dass sie Gefahr laufen, ausgelacht und zum Teufel gejagt zu werden.

André Pilz, geb. 1972, ist Schriftsteller. Zuletzt erschien sein Roman "Man Down" im Haymon Verlag.

Blog: www.liebeundgewalt.blogspot.com

stromfresser-teaser.png

Der "Stromfresser"

... mehr

utopia-konferenz-teaser.jpg

Utopia Konferenz 2010

... mehr

8bit-joe_h2641500.jpg

Table of Free Voices über Natur, Ökonomie und Religion

... mehr

anti-atomkraft-demo.jpg

Ausgestrahlt?

... mehr

100921_CafeEndlager_DOKU_MOV_web.jpg

Café Endlager - Eine Retrospektive

... mehr