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Tommaso Ausili, Slaughterhouses, Italy. World Press Photo award 2010. © Tommaso Ausili.
23.11.2010

Ein Gespräch mit Eugen Drewermann

"Diese Brutalität lässt sich nicht mehr halten."

Im Gespräch mit uns geht Eugen Drewermann der Frage nach, was schief läuft in unseren Gegenwartsgesellschaften. Und warum es schief läuft. Und ob sich gewaltfrei begradigen lässt, was schief läuft. Er spricht über die Beziehung des Menschen zu seinen Mitmenschen, zur Umwelt, zu den Tieren. Und von den Medien und der Wirtschaft, die in diese Beziehungen massiv eingreifen. Er erklärt, warum diese Beziehungen so sind wie sie sind. Das Gespräch führt dabei sozusagen vom Großen zum Kleinen und wieder zurück. Der Leser lernt dabei einen Menschen kennen, dessen Gedanken sich durch etwas auszeichnen, was rar geworden zu sein scheint in unseren mehr oder weniger planierten seelischen, gesellschaftlichen und medialen Landschaften: Leidenschaft, leidenschaftliche Empathie, Authentizität.  

Foto: M. Beier, November 1999 © Public Domain

Dr. Eugen Drewermann ist katholischer Theologe und Psychotherapeut. Er gehört zu den bekanntesten Kritikern der katholischen Kirche und der durch sie geprägten Ethik. 1991 wurde ihm die Lehr-, 1992 die Predigtbefugnis entzogen. Seither ist Drewermann Dozent für sozialwissenschaftliche Anthropologie in Paderborn. Er trat 2005 aus der katholischen Kirche aus. Eugen Drewermann ist nicht allein durch zahlreiche Publikationen zu theologisch-exegetischen, psychoanalytischen und tiefenpsychologischen Fragestellungen hervorgetreten („Tiefenpsychologie und Exegese“ 1988; „Kleriker - Psychogramm eines Ideals“ 1989; Kommentare zum Markusevangelium 1989 und Matthäausevangelium 1992-1995; „Giordano Bruno“ 1992; „Jesus von Nazareth“ 1996; „Wozu Religion?“ 2001), sondern auch als leidenschaftlicher Gesellschaftskritiker, der sich immer wieder in politischen Auseinandersetzungen positioniert hat. Er setzt sich seit Jahrzehnten für den Tier- und Umweltschutz ein.

 

 

Ist die abendländische Ethik „anthropozentrisch“? Wenn ja, warum?

 

Die abendländische Ethik ist leider anthropozentrisch, weil sie von der Bibel beeinflusst ist und auf Gen 1:28 fußt: „Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan und herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ Hier wird dem Menschen ein Herrschaftsrecht über die Kreaturen verliehen. Das heißt, der Herrschaftsanspruch, mit dem der Schöpfer seinem Werk gegenübersteht, delegiert sich – freilich in Verantwortung und nicht zur Freigabe reiner Ausbeutung – an den Menschen. Herrschaft ist dabei sehr wörtlich zu verstehen: im Hebräischen heißt es „unter die Füße treten“, wie beim Keltertreten. Und dass das kein Missverständnis ist, zeigt sich noch einmal in Gen 9:1-3, wo der Herrschaftsanspruch nach der Sintflut erneuert und sogar dramatisiert wird mit den Worten: „Furcht und Schrecken vor euch soll sich auf alle Tiere der Erde legen, auf alle Vögel des Himmels, auf alles, was sich auf der Erde regt, und auf alle Fische des Meeres; euch sind sie übergeben.“ Das ist ungeheuerlich, weil es in Verbindung mit dem Auftrag „wachset und mehret euch“ eine Art Egoismus moralisch begründet, als dessen Wertmaßstab einzig der Mensch auftritt. Das zieht sich einhellig durch das gesamte Abendland und kulminiert nicht zuletzt im deutschen Idealismus, wo deutlich wird, dass die Tiere schon deshalb keine Rechte gegenüber dem Menschen beanspruchen können, weil sie keine Vernunft haben, keine sittlichen Pflichten, also auch keine Rechte.

 

Welche Folgen hat dieser Herrschaftsanspruch?

 

Es legitimiert das Ausbeutungsdenken, das im Industriezeitalter in ungeahnter Weise Einzug hielt in Europa. Die letzten Gefühlsverbindungen zwischen Mensch und Tier reißen in der industrialisierten Landwirtschaft ab. Und da mag im Tierschutzgesetz stehen, was will, Hühnerfarmen mit hunderttausenden von Tieren sind heute fast die Normalität, Schweinemastbetriebe mit 6000 oder 10000 Tieren auf dem Haufen völlig normal. Die Quälerei der Massentierhaltung wird kaum noch als Problem empfunden von den politischen Entscheidungsträgern. Und was wir mittelbar in Kauf nehmen, ist die Vernichtung von täglich – täglich! - 150 Tier- und Pflanzenarten. Und das seit Jahrzehnten. Was wir anrichten im Rahmen dieser Ethik ist eine Querschnittlähmung durch die ganze Natur, durch den Motor der Evolution. Es soll gewissermaßen nur noch überleben, was der Spezies Mensch nützlich ist. Dann haben wir noch ein paar Enten auf dem Stadtteich und vielleicht ein paar Zierblumen, während der ganze Rest überflüssig scheint. Diese Brutalität lässt sich nicht mehr halten und sie zeigt sich desaströs.

Das alles muss sich ändern. Das Paradoxe ist, dass wir spätestens seit dem Jahr 1856, in dem Charles Darwins Buch über die „Entstehung der Arten“ erschienen ist, alle geistigen Voraussetzungen haben. Seither müsste deutlich sein, dass der gesamte Ansatz der Positionierung des Menschen im Zentrum der Schöpfung weder auf unserem Planeten Erde noch in kosmologischen Maßstäben richtig ist. Im Gegenteil ist er eine groteske Verzerrung. Wir Menschen sind eine Welle im Ozean, aber ganz sicher nicht das Zentrum. Machen wir uns dazu, hat das die Wirkung eines untergehenden Schiffes, das an der Oberfläche noch eine Weile lang seine Sogwirkung im Kreisen der wellen anzeigt. Danach breitet sich das Meer wieder aus. Und es muss uns nicht geben.

Was wir deshalb brauchen, ist eine neue Ethik, die dem Grundgedanken der Evolution entspricht. Menschen sind nicht in einer Sonderstellung befindlich, sondern wir sind Teil eines großen Stroms des Lebens. Das hätte auch eine Entsprechung in all dem, was wir heute anthropologisch wissen von Seiten der Psychoanalyse, der Neurologie, von Seiten aller anthropologisch relevanten Wissenschaften.

 

Woraus können Menschen in der von Ihnen beschriebenen Situation lernen? Wie ließe sich die Situation verbessern?

 

Das Paradoxe ist, dass wir nicht durch ethische Überzeugungen oder durch religiöse Vertiefung unserer Sicht auf den Menschen und die Welt Instrumente zur Umgestaltung unseres Weltbildes gewinnen, sondern zunächst einmal durch Folgewirkungen unseres eigenen technisch organisierten Fehlverhaltens. Zum ersten Mal beginnt ein Nachdenken darüber, ob der vom Menschen verursachte Klimawandel nicht dramatische Folgen haben könnte und wir also in die Pflicht genommen sind, uns gewissermaßen vor dem zu schützen, was wir selber anrichten. Es ist dies aber nur eine einzige Stelle, an der wir zum ersten Mal merken, dass unsere Art von Wirtschaft und Technik Katastrophen erzeugt. Wir produzieren scheinbar immer billiger und haben bis heute keine Skrupel, die Lasten dafür der Natur aufzubürden. Die Natur kostet uns ja nichts. Insofern taucht sie in unseren sonderbaren Wirtschaftsrechnungen gar nicht erst auf.

Zum ersten Mal begreifen wir entlang des Klimawandels, dass wir uns in einer Welt bewegen, die eine Einheit darstellt. Das alte Gaia-Modell war gar nicht so verkehrt. Wir leben auf einem Raumschiff, von dem wir uns nicht trennen können und dessen Schicksal wir mitbestimmen.

Wir verhalten uns wiederum völlig egozentrisch, wir schützen im Grunde die Wirtschaftsinteressen der Produzenten. Wir handeln marktgerecht. Von umweltethischer Verantwortung ist da noch keine Rede. Aber es ist zum ersten Mal, dass wir begreifen, dass solche Rückkoppelungen stattfinden. Und dass wir nicht global wirtschaftlich handeln können, ohne globale Verantwortung zu übernehmen.

Dass es sich sehr traurig mit den menschen in der so genannten Dritten Welt verhält, wissen wir natürlich seit Jahrzehnten, aber es hat sich politisch absolut nicht realisiert. Im Gegenteil: Wir lassen Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken. Wir wissen das, ändern es aber in keiner Weise. Wir reagieren von Fall zu Fall auf all das, was wir nicht wollen, durch Verschärfung der Kontrollmechanismen, der Gewaltanwendung, der Absperrung und bis heute eigentlich nicht der Integration. Und was uns dabei antreibt, ist nicht eine verbesserte Ethik, sondern einzig ein kurzschlüssiger Egoismus, der sich in kurzschlüssigen Fall-zu-Fall-Lösungen ausdrückt.

Oder nehmen Sie die Überbevölkerung: Wir haben inzwischen in einem Zeitraum von 15 Jahren eine Vermehrung der Menschheit um eine Milliarde! Das ist so unglaublich, dass man es nur noch konfrontieren muss mit einem Kommentar von Papst Johannes Paul II., der ausgerechnet im geburtenreichsten Land Afrikas, Nigeria, äußerte, die Warnung vor der Überbevölkerung sei ein übertriebener Pessimismus. Da gibt es nicht einmal einen Ansatz vernünftigen Denkens.

Das alles also müsste sich ändern. Ich fürchte aber, dass der Parameter der Zeit, in der solche Veränderungen zustande kommen, weit hinausgeht über den Katastrophenpunkt. Mit anderen Worten: Dass wir erst durch desaströsen Schaden und also gezwungenermaßen am Ende so etwas wie Vernunft annehmen. Und dann wieder in einer höchst unvernünftigen Form, die erneut zu tun hat mit Unfreiheit, Kontrolle und Gewalt.

 

Lernen die Menschen nur, wenn ihnen die Dinge um die Ohren fliegen?

 

Es scheint bis heute so zu sein. Ich kenne eigentlich kein Beispiel, wo in großen Zusammenhängen ein absehbarer Schaden durch vernünftige Einsicht rechtzeitig vermieden worden wäre. Im Gegenteil: Wir Menschen handeln artegoistisch so ähnlich wie es die Heuschrecken täten – wir vermehren uns so lange, bis ein Biotop zusammenbricht. Dann organisiert es sich auf niedrigerer Stufe wieder selber. So ähnlich scheint es kommen zu müssen. Nehmen Sie nur das Beispiel, dass die letzte Geburtenkontrollkonferenz 1995 in Kairo gescheitert ist, weil aus den Reihen bibeltreuer Amerikaner, persischer Ajatollahs und maßgeblich der Theologen des Vatikans das Bedenken, Kondome zu verteilen, schwerer wog als ein globales Problem. Nun liegt das ganze auf der Halde, wird überhaupt nicht mehr als Problem international angegangen.

Atomkraft ist ein anderes Beispiel. Was wir da herstellen sind Dinge, die in 25000 Jahren noch gefährlich sind. Kein Mensch kann Geschichte in solchen Zeiträumen gestalten und überblicken. Aber wir finden nichts dabei, darüber zu diskutieren, dass Endlagerfragen sekundär sind, wenn nur erst einmal die Atomkraftwerke und ihre Betreiber ihre Profite einfahren. Und die Politik unterstützt das unter dem Segen einer umweltgerechten und verantwortbaren Übergangstechnologie. So redet man sich aus den Katastrophen in die Katastrophen.

Das Problem ist, dass am Ende diese beiden genannten Faktoren, Kontrolle und Gewalt, wachsen werden. Nach der Katastrophe will man ja vermeiden, dass es sogleich die nächste gibt. Das ist so wie nach dem Zweiten Weltkrieg: Man hat nicht de Krieg abgeschafft, sondern im Gegenteil den Kalten Krieg bis in den Wahnsinn hineingerüstet. Und so lernt man nicht aus Katastrophen. Außer dass man die Faktoren der eigenen Durchsetzung unter allen Umständen weiter favorisiert und totalisiert.

Wir werden uns vielleicht eines Tages, gegen Ende dieses Jahrhunderts bei 15 Milliarden Menschen einpendeln in einer Bedingung, die tolerabel ist fürs Überleben unserer Spezies. Aber auf minimalem Sockel der Artenvielfalt. Und wir werden nichts mehr dabei finden. Das wird ganz normal sein. So wie schon heute die Ausrottung der Urwälder in Europa kein Problem mehr darstellt. Wir rotten ja gerade in den tropischen Regenwäldern unsere eigenen Vettern aus: die Orang-Utans, die Berggorilla, die Schimpansen. Sie sind in der biologischen Taxonomie unsere Vettern. Sie gehören derselben Familie zu. Deren Heimaträume wird es nicht mehr geben in spätestens zehn bis zwanzig Jahren. Damit zerstören wir die letzten Reste, auf denen wir die Menschwerdung psychologisch, artenspezifisch durch eine vernünftige Verhaltensforschung rekonstruieren können. Zootiere können sich nicht mehr so verhalten, wie wir es dort zu beobachten vermöchten. Aber die Zeit läuft ab. Und wir wollen es nicht anders.

 

Eine wesentliche Voraussetzung für die Psychotherapie ist die Annahme, dass Menschen sich verändern können und wollen. Gibt es eine Möglichkeit Menschen zu retten, die gar nicht gerettet werden wollen?

 

Das ist eine wichtige Frage. Aber ich kann sie Ihnen nicht beantworten. Wenn ich es mit Einzelnen zu tun habe in der Psychotherapie, habe ich jede Hoffnung und Erwartung auf mögliche Veränderung. Nicht wie wenn das ganze Leben sich auf den Kopf stellen ließe. Aber es ist möglich, mit sich selber einverstandener zu sein, identischer zu werden, sich selbst in der eigenen Geschichte besser zu begreifen, die Menschen der persönlichen Umgebung noch einmal neu wahrzunehmen, neu auf sie zu reagieren. All das, was die Psychotherapie sollte, bestätigt sich für mich tagaus, tagein. Und das ist für mich ein Hintergrund, der mir sehr viel Mut macht. Hinzu kommt der religiöse Aspekt. Ich glaube, wir haben die Pflicht, persönlich glaubwürdig und authentisch so zu leben, wie es unserer Einsicht in das, was Wahrheit und Verantwortung heißt, entspricht. Wie viel Erfolg das hat, in welchem Umfang sich das durchsetzen lässt, ist im Grunde eine sekundäre Frage, die sehr wichtig ist, aber für die persönliche Lebensführung buchstäblich zweitrangig.

Die Frage, die Sie stellen, lässt sich aber auf der individuellen Ebene nicht beantworten. Das Problem Krieg zum Beispiel, das mich sehr beschäftigt, ist kein individuelles Problem. Das Problem besteht darin, dass wenn man ganz vernünftige Menschen, unsere eigenen Väter, unsere Kinder, nette Mitbürger dahin bringt, auf Befehl andere Menschen zu töten und andere furchtbare Dinge anzurichten, die sie niemals aus privaten Motivzusammenhängen heraus täten. Das ist eine Deformation, die schon in der militärischen Ausbildung einsetzt und am Ende aus Individuen abkommandierbare Nummern produzieren will. „Linksschwenk, marsch!“ - da marschieren nicht mehr einzelne, sondern da marschiert die Kolonne. Genau das will man: die Uniformierung, die Gleichschaltung, die Auslieferung an den zentralen Befehl, die absolute Unterordnung, die Delegation des Gewissens an die Hierarchie. Und soziale Verwerfungen werden danach gar nicht mehr diskutiert. Wir verplempern 35 Milliarden Euro nur für Rüstung und finden das... Ja, wie finden wir das? Keiner öffentlichen Diskussion würdig.

Das alles sind Beispiele, die an jeder anderen Problemstelle genauso sich artikulieren ließen und die deutlich machen, dass wir vom Standpunkt des Individuums aus nicht kurzzschlüssig die Welt verändern können. Der Theologe Adolf von Harnack hat in seiner Vorlesung „Vom Wesen des Christentums“ im Jahre 1900 sehr prägnant einmal gesagt: Erlöst wird nicht das Volk, nicht der Staat, sondern nur der Einzelne. Da ist etwas dran. Die Frage ist natürlich, wie kann man die Einsichten in das, was auf der Ebene des Individuums als menschlich unabweisbar verpflichtend erscheint, gültig  werden lassen in den sozialen Handlungszusammenhängen der Geschichte. Da kommen viele Fragen hinein. Wie man Meinungen artikuliert, wie man öffentliches Bewusstsein prägt. Wir leben nicht in einer freien Demokratie, in der Vernunft und Einsicht eine Chance hätten, sich durchzusetzen. Wir unterliegen einem Bombardement von Halbwahrheiten, Fehlinformationen, Propagandahülsen, Aufmerksamkeitslenkungen, die wieder eigenen Marktgesetzen der Medien folgen. Es ist nicht leichter, sondern schwieriger geworden, so etwas wie Erkenntnis, ethische Verbindlichkeit, Religion und Humanität als Handlungsbasis für die Wahrnehmung kollektiver Verantwortung plausibel zu machen.

 

Ist der Anthropozentrismus ein Spezifikum der abendländischen Ethiken? Gibt es Ethiken, die besser geeignet sind, positive Entwicklungen in Humanität und ethischer Verbindlichkeit zu ermöglichen?

 

Das war so bis vor einem halben Jahrhundert etwa. Da konnte man glauben, dass vor allem im ostasiatischen Kulturraum, vor allem in hinduistisch-buddhistisch geprägten Kulturen eine wirkliche Alternative zum Abendlang möglich sei. Das ist auch so gesehen worden. In der Konferenz von Bandung 1955 war vor allem unter indischem Einfluss die Idee gewachsen, dass die so genannte Dritte Welt der Ersten Welt ethisch, menschlich an Werten unendlich viel mehr vermitteln könnte, als sie an technischem Know-how aus dem Westen übernehmen müsste. Damals konnte Léopold Senghor die Négritude als ein Alternativmodell zur Vereinseitigung des Menschenbilds im Abendland anbieten. Man hatte im Hinduismus die Evolution eigentlich als eine religiöse, nicht naturwissenschaftliche Erkenntnis im Erbe der eigenen Frömmigkeitshaltung angelegt. Die Welt entwickelt sich, die Menschen sind Teil dieser Entwicklung. Die Reinkarnationslehre erlaubte es, Tiere und Menschen in einer Einheit zu betrachten, wie sie im Abendland nie zu denken war. Die Mitleidsmoral des Buddhismus, nicht Schmerz zuzufügen, wirkte sich überaus günstig aus für den Umgang der Menschen mit den Tieren. Das alles war vor fünfzig, sechzig Jahren durchaus noch denkbar. In den nordamerikanischen Reservaten lebten Indianerkulturen, die noch so weit intakt waren, das sie den Besitzanspruch des Menschen auf die Erde als eine Schändung der Mutter Erde reflektierten. Es gab überhaupt kein Eigentum. Man lebte gemäß dem Motto Jean-Jacques Rousseaus „Die Erde gehört keinem und ihre Früchte allen“. Das war eine Gemeinsamkeit, die wir den Primitiven zugestanden, aber nie nötig fanden, selbst zu übernehmen. Und wie sich nun zeigt, sind alle Kulturräume, von denen wir gesprochen haben, längst im Griff der westlichen Selbstausdehnung. Indien ist so weit abhängig inzwischen von der US-Wirtschaft, dass die Praktiken dort in eigentlich nichts mehr sich von dem unterscheiden, was wir im Westen auch tun. China ist heute im Grunde ein Staatskapitalismus geworden. Aus alle dem kann ich kaum die Hoffnung ziehen, es gebe von dort her noch Impulse, die uns verwandeln und erneuern könnten. Die Selbstdurchsetzung des Westens gegen den Rest der Welt ist in vollem Gange. Und durch nichts zu irritieren. Abgesehen vielleicht von den Katastrophen, die man sich selber damit schafft.

 

Und gegen diese Entwicklungen ist kein Kraut gewachsen?

 

Noch einmal: Wem 50 Millionen verhungernde Menschen jährlich kein Grund sind, darüber nachzudenken, ob etwas falsch läuft, durch was soll der gehindert werden? Wem die Abholzung der tropischen Regenwälder in größtem Stil nicht empörend vorkommt, was soll den noch berühren, zum Innehalten bewegen? Wem die Qual der Tiere, die er in der Massentierhaltung, in den Schlachtindustrien anrichtet, wem die Umweltschäden durch Giftstoffe aller Art nicht zur Nachdenklichkeit bringt, sondern im Gegenteil Genpatente anmeldet für Hybridformen bei Tieren und Pflanzen und dabei hofft, über Jahrhunderte Geschäfte machen zu können, der zeigt, dass das einzige, was für uns noch maßgebend ist, der Geldgewinn zu sein scheint. Das ist der einzige Gott, an den wir wirklich glauben und dem wir Hekatomben von Opfern unbedenklich darbringen.

Das Wichtigste, das Arthur Schopenhauer im Abendland formuliert hat um 1850, war, dass die Grundlage der Moral im Mitleid liegen sollte. Die Identität mit allem, was an Qual und an Schmerz an unserer Seite sich befindet, ist durch Abschalten aller Rückkoppelungen, auch im Gefühlsbereich, heute kaum noch praktizierbar. Wir sehen ja kaum noch, was wir anrichten. Da sind so viele mediale Zwischenschritte, die als Sichtblenden wirken, dass wir im Grunde wie Autofahrer über die Autobahn rasen, mitten in den Nebel hinein. Dass genau das ein Bild ist für unser Gesamtverhalten, wird nicht begriffen.

 

Dürfen wir Sie dennoch bitten, uns einen Rat zu geben? Was kann jeder vielleicht dennoch sofort tun, um etwas besser zu machen? Kann man etwas tun?

 

Gewiss kann man. Man darf nicht erst dann richtig zu leben anfangen, wenn die Welt in Ordnung ist. Es kann nur umgekehrt sein. Jeder verfügt über Einsicht in das, was für ihn als Person, als Individuum verbindlich ist in der Welt, in der er lebt. Und das zu tun, das zu sagen, ist das absolut Notwendige. Wer sich erst von den sozialen Institutionen erlauben lässt, was er tun muss oder soll, wer andere zum Maßstab für sich macht, indem die ihm erklären sollen, wer er als Person zu sein habe, lebt falsch herum. Für mich ist sehr verbindlich das Beispiel Jesu im Neuen Testament. Es ist möglich innerhalb von ein, zwei Jahren öffentlichen Wirkens in furchtbarer Weise gescheitert zu sein in den Augen der Öffentlichkeit. Tatsächlich aber hat man in den Augen Gottes alles richtig gemacht. Und dieses Grundmodell des Neuen Testaments zeigt, dass es falsch wäre, in irgendeiner Weise auf erfolg zu spekulieren und mit der Frage herumzulaufen, wie lässt das, was ich denke oder tue, sich vervielfältigen. Sogleich beginnt nämlich die Verfremdung, man schließt Kompromisse, man wiegelt ab, man bringt sich selber aus der Spur. Aber sich durchzuhalten mit dem, was verbindlich ist vor Gott, in dem Vertrauen, dass dann schon das Rechte passieren wird, ist die Formel nach der man, glaube ich, wirklich leben kann. Dann ist alles politische Engagement nötig. Aber eben deshalb, weil man sich nicht politisch abhängig macht vom Erfolg. Täte man das, gelangte man niemals zu irgendeiner Wahrheit und Klarheit. Oder wir handeln so, wie die Partei der Grünen es gezeigt hat: Kaum dass man an der Macht ist, bewegt man sich, indem man den eigenen Hals verdreht wie ein Korkenzieher auf der Suche nach dem Wein der Macht, an dem man sich berauschen möchte.

Erst dieser Tage habe ich wieder gelesen in dem wunderbaren Buch „Dr. Schiwago“ von Boris Pasternak. Und der Roman endet so: „Die Rätsel der Welt haben wir nicht zu lösen vermocht; die menschliche Geschichte haben wir nicht zu ändern vermocht; aber das Geheimnis der Liebe und der Schönheit haben wir zu begreifen versucht und in gewissem Sinne zu Leben verstanden.“ Das in etwa sagt Lara am Ende an der Bahre von Schiwago. Vielleicht ist es das.

Sich selber durchhalten – das ist der eigentliche religiöse Auftrag. Und das tröstet mich sehr. Im Unterschied zur Politik steht die Religion nicht vor der Aufgabe, wie man Erfolg hat, sondern wie man wahrhaftig wird. Und diese Frage muss jeder in den paar schattenverdämmerten Jahrzehnten seiner irdischen Existenz zu beantworten suchen. Das ist es, wofür wir wirklich da sind.

Text: GAB; Interview: Mathias Gößling, GAB

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