William Kamkwamba
Nur ein Windrad in Afrika
Wo Mangel herrscht, können kleine Taten viel bewegen, wie der Fall von William Kamkwamba belegt. Ein mit einfachsten Mitteln gebasteltes Windrad machte den Jungen aus Malawi binnen kurzer Zeit zum Medienstar – eine Entwicklung mit einem interessanten Schattenwurf.
Den Stein ins Rollen bringt ein Artikel in einer malawischen Tageszeitung. Im Ringen um eine markante Einleitung beklagt der Autor das Tempo „eines zurückgebliebenen Pygmäen“, mit dem die Regierung den Ausbau alternativer Stromquellen verfolge, um dann den Bogen zu einem bemerkenswerten Gegenbeispiel zu schlagen: Ein Schulabbrecher im armen, von Dürren heimgesuchten Westen des Landes hat aus Fahrradteilen und Schrott ein Windrad gebaut, mit dem er sich und sein Dorf mit Strom für Lampen, Haushaltsgeräte und Akkus versorgt. Strom, der sonst ebenso wenig zur Verfügung stünde wie fließendes Wasser.
Ein großartiger Fall von Eigeninitiative, findet nicht nur der Autor des Zeitungsartikels. Schon bald greifen Blogs und klassische Medien die Geschichte William Kamkwambas auf und berichten über den Jungen, der im Alter von 14 Jahren sein erstes Windrad gebaut hat. Nicht selten fällt bei aller Begeisterung die Tatsache unter den Tisch, dass der „Junge“ zu diesem Zeitpunkt, Ende 2006, fast schon volljährig ist. Ungeachtet dessen ist der Autodidakt bei Zeitungen und Fernsehsendern begehrt, wird als Gastredner zu einer renommierten Konferenz eingeladen und sogar zum Anlass für die Gründung einer neuen Entwicklungsinitiative genommen. Inzwischen gibt es die anrührende „afrikanische Heldengeschichte“ als Buch, ein abendfüllender Dokumentarfilm ist in Arbeit.
So weit eine Entwicklung, die vielleicht mehr schaden als nutzen könnte – hat man sie bei schnelllebigen Internetphänomenen und Castingshow-Gewinnern doch schon mehrfach verfolgen können. Der Verdacht drängt sich förmlich auf, dass die Begeisterung über William Kamkwamba von dessen neuen Freunden und Gönnern nicht allein aus humanitären Gründen nach Kräften geschürt wird. Nüchtern betrachtet, hat der „Junge“ doch nur ein krudes Windrad zusammengebastelt, und das auch eher aus Neugier.
Nimmt man diesen Blickwinkel ein, kann man jedoch leicht die Tatsache aus den Augen verlieren, dass weltweit schätzungsweise zwei Milliarden Menschen keinen elektrischen Strom haben. Internetphänomene sind ihnen ebenso unbekannt wie das Internet selbst, ganz im Gegensatz zu Hunger und Perspektivlosigkeit. Vor diesem Hintergrund ist William Kamkwambas Windrad tatsächlich ein großartiges Beispiel für die Schlagkraft, die eine Idee in Verbindung mit Eigeninitiative entfalten kann. Nicht von ungefähr wurden die Grameen Bank, die eben diese „Entwicklung von unten“ mit Mikrokrediten fördert, und ihr Gründer im Jahr 2006 mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt. Seine Entscheidung gab das Preiskomitee übrigens bekannt, einige Wochen bevor die malawische Zeitung über den Schulabbrecher berichtete.
Text: Carsten Meinke