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Seit 2007 das neue Ergänzungswarnsymbol der ionisierenden Strahlung durch die Internationale Atomernergie-Organisation (IAEA). © Diese Datei ist gemeinfrei.
23.11.2010

Zeichenlehre der Gefahr

Atommüll und die Zukunft des Wissens

Angenommen, unsere Politiker finden einen geeigneten Ort für ein Endlager und die komplette Menschheit weiß bescheid. Irgendwann ist das Endlager voll. Tür zu, Schloss davor, Warnschilder. 200 Jahre später interessiert sich kaum jemand für die Energieprobleme des 21. Jahrhunderts. 6000 Jahre vergehen. Inzwischen? Kriege? Naturkatastrophen? Eine neue Weltordnung? Im Jahre 8423 machen Jugendliche die tolle Entdeckung. Ein Grab?

Die schwere Tür lässt auf besonderen Schutz schließen – so wie die Labyrinthe in den Pyramiden. Was da wohl drin ist? Oder anders: Wie erginge es uns heute, hätten die Etrusker uns ein solches Erbe hinterlassen und hätten wir es aus Unwissenheit vor hundert Jahren geöffnet?“

So beschreibt eine Bloggerin das Problem, mit dem es auch die Atomsemiotik zu tun hat: Wie warnen wir die nachkommenden Generationen vor unseren kontaminierten Hinterlassenschaften? Wie kennzeichnen wir Gefahren, wenn wir weder den Empfänger des Gefahrenhinweises kennen noch wissen, welche Sprache er spricht, ob er unsere Sprache und Piktogramme verstehen kann?

Ursprünglich stellten sich amerikanische Wissenschaftler diese Frage angesichts des in Yucca Mountain (Nevada) geplanten Endlagers. Es mag nachgerade als Ironie erscheinen, dass es das Wüsten-Endlager, das den Ausgangspunkt einer eigenen semiotischen Wissenschaft darstellt, gar nicht geben wird: Präsident Obama ließ das Projekt 2009 aufgrund schwer wiegender Sicherheitsbedenken einstellen. Auch ergibt sich demnach das aus der Diskussion bekannte Bild: Wir diskutieren Maßnahmen und Verhaltensregeln für Einrichtungen, die wir bis heute nicht finden konnten, weil alle bisherigen Versuche, geeignete Endlagerungsstätten auszumachen, weltweit gescheitert sind. Gleichwohl stellt die Atomsemiotik überaus berechtigte Fragen. Und fügt dem durch die Endlagerung radioaktiven Mülls aufgeworfenen beträchtlichen Problemen ein weiteres hinzu: Wie lässt sich Gefahrenwissen über Jahrtausende effektiv verwalten? Denn Geschichte heißt Wandel: Gesellschaften verändern sich substantiell, Staaten gehen unter, manche Sprachen verschwinden, neue entstehen, „altes Wissen“ wird unverständlich, weil die „Träger des Wissen“, die Dokumente nicht mehr gelesen werden können. Nach Expertenmeinung müsste der Atommüll mindestens über einen Zeitraum von einer Million Jahre sicher – und also von den Menschen abgeschirmt – verwahrt werden können. Die auf überlieferte Quellen gestützte Geschichte der Menschheit hingegen reicht gerade einmal 5000 Jahre zurück. Und wer von uns ist imstande, die in dieser Zeitspanne entstandene Dokumente zu lesen – wer beherrscht die Keilschrift, die Hieroglyphen, ja selbst Altgriechisch?

Die semiotischen Ansätze haben teilweise geradezu abenteuerliche, wo nicht grotesk anmutende Züge: Von einer „Atompriesterschaft“ ist die Rede, einem „Kardinalskollegium“ der Atomexperten, das – in Analogie zur katholischen Kirche – die Gefahrenbotschaften verwaltet, in neue Sprachstufen überführt, tradierbare Mythen und Rituale rund um die radioaktive Gefahr schafft. Also eine neue soziale „Kaste“, die wir dem Atommüll verdanken? Oder Satelliten, die über Jahrtausende die Gefahreninformationen zur Erde senden? Werden diese Botschaften aber in der Zukunft noch verstanden? Wir können ja schon heute nichts mehr anfangen etwa mit unseren floppy-disk-Informationen aus den 1970er Jahren, weil uns die Geräte fehlen, mit denen wir sie lesen könnten. Oder „Informationspflanzen“, die in der Nähe von Endlagern gepflanzt werden sollen? Eine biologische Kodierung der menschlichen DNA als „mathematische Codierung auf lebendem Trägermaterial“? Oder die Züchtung von „Strahlenkatzen“ als lebendem Warnzeichen? Am wenigsten irrwitzig wirkt da der Vorschlag, Warntafeln in allen Weltsprachen aufzustellen in der Nähe von Endlagern. Die Warnungen müssten dann nach und nach mit aktuellen Übersetzungen ausgestattet werden, die sich konzentrisch um die „alten Sprachen“ anordnen, damit der Bezug zu vorhergehenden Sprachstufen gewahrt bliebe.

Die Lösungsansätze der Atomsemiotik zeigen vor allem eines: Wie schwierig die behandelten Probleme zu lösen sind, die sich der Homo atomicus geschaffen hat und nach wie vor Tag für Tag weiter schafft. Und zu allem Überfluss geht sie von Voraussetzungen aus, denen bisher ein reales Substrat fehlt: Dass sich hoch radioaktives Material überhaupt auf Dauer sicher verwahren lässt und es dafür geeignete Orte gibt. Die Atomkraft fordert kurzfristig ein bisher „unbekanntes Maß an Zukunftsplanung“, stellt der Berliner Semiotik-Professor Roland Posner fest. Ob sie einem solchen Maß indessen überhaupt gerecht werden kann, bleibt bis auf weiteres ungewiss...

Text: GAB

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