Religion und Umweltethik
Das Allgemeine und das Konkrete - Über buddhistische, hinduistische und daoistische Umweltbewegungen
„Ein Hecht, vom heiligen Anton
bekehrt, beschloss, samt Frau und Sohn,
am vegetarischen Gedanken
moralisch sich emporzuranken.“
Nicht verwunderlich, dass die Verdauung einer zum Vegetarismus bekehrten Raubfischfamilie verrückt spielen muss, gnadenlos den heimatlichen Teich verseucht und so den gesamten Fischbestand ausrottet. Der heilige Antonius aber, frühchristlicher Vegetarier und überhaupt Asket, ist vom Sinneswandel des Hechts so sehr ergriffen, dass es ihm ein dreimaliges „Heilig!“ wert ist - so nachzulesen in Christian Morgensterns Gedicht „Der Hecht“, aus dem die Selbstironie des Vegetariers Morgenstern spricht.
Christian Morgenstern, interessiert am Buddhismus und Anhänger Rudolf Steiners, legt seine Nonsensknarre an und zielt treffsicher auf ein christliches Selbstverständnis , das in moralischer Überlegenheit wurzelt.
Ob der historische Buddha Siddhartha Gautama, Begründer des Buddhismus, Vegetarier war, ist in den verschiedenen Traditionen der Buddhistischen Lehre unterschiedlich überliefert. Für viele Buddhisten weltweit zieht allerdings das Gebot des Mitgefühls den Vegetarismus als Konsequenz nach sich, ohne dass es als Dogma daraus hervorgeht, an dem man sich moralisch „emporranken“ kann. Der Zen-Buddhist Bodhin Kjolhede Sensei vermeidet alles Dogmatische, indem er schlicht feststellt: „Ich bin kein Vegetarier, ich esse einfach seit 25 Jahren kein Fleisch“.
Wie die deutsche Buddhismusforscherin Sabine Wienand 2004 in ihren umfangreichen Studien zu Ansätzen einer Ökologischen Ethik im modernen Buddhismus herausarbeitete, kann es in einer Religion mit einer Vielzahl von Richtungen und Ausprägungen eine einheitliche Umweltethik nicht geben. Neben der langen, ungebrochenen Tradition der verschiedenen buddhistischen Strömungen im Osten existiert eine Vielzahl von modernen Ausprägungen im Westen.
Gewiss jedenfalls ist, dass die Umweltzerstörung in buddhistischen Ländern im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung stark zugenommen hat. Zu denken wäre etwa an die Zerstörung der Urwälder.
So vielfältig der Buddhismus weltweit in Erscheinung tritt, so allgemein ein Vorurteil, dem er sich ausgesetzt sieht: Buddhisten seien grundsätzlich nur um die eigene spirituelle Vervollkommnung bemüht, da sie ja die allgemeine Vergänglichkeit zum Ausgangspunkt ihrer Lebens machten.
Eine andere Wirklichkeit zeigt das Engagement verschiedener Gruppen und Institutionen sowohl asiatischer als auch westlicher Buddhisten, die sich seit 1989 im INEB, dem Internationalen Netzwerk Engagierter Buddhisten, vernetzt haben. Ihre Herangehensweise ist tief in der Lehre Buddhas verankert. Ein Hauptmerkmal dieses spezifisch buddhistischen Engagements ist die Einsicht in die Wirklichkeit durch Meditation. Insofern ist es beispielsweise nicht von Bedeutung, ob der historische Buddha um 400 v. Chr. den Vegetarismus predigte oder nicht. Jeder Buddhist kann und soll in der Meditation zu einem wirklichen Mitgefühl für das Leid aller Lebewesen finden.
Die Meditation steht im ganzheitlichen Weltbild des Buddhismus nicht außerhalb des patticca- samuppada, dem wechselseitig bedingten Entstehen aller Wesen, Dinge und Erscheinungen. Anders ausgedrückt: Meditation wirkt. Ajahn Buddhadasa Bhikkhu, einer der einflussreichsten buddhistischen Theravada-Mönche des 20. Jahrhunderts, ging so weit zu sagen, dass „nur der wirkliche Buddhist die Natur auf der tiefgründigsten Ebene schützen kann, nämlich auf der mentalen Ebene. Ist die geistige Natur geschützt, so kann die äußere physische Natur sich selbst schützen.“ Die Selbstlosigkeit, zu der der Mensch durch Meditation gelangen könne, überwinde die Selbstsucht und den Egoismus und damit die Voraussetzungen für eine schädliche Einflussnahme auf die Natur. Der Schutz der physischen Natur allein greife zu kurz. Diese Weltsicht mag für westlich geprägte Menschen befremdlich anmuten. Allerdings ist die ökologische Ethik allgemein eine sehr junge Disziplin, die sich mit dem Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt befasst. Buddhisten haben aber ein ganzheitliches Weltbild, der Mensch ist Teil des Biosystems Erde und nicht ihr Verwalter. Was mitnichten heisst, dass es keine tatkräftigen Projekte engagierter Buddhisten gebe, im Gegenteil.
In buddhistisch geprägten Regionen genießen Mönche ein hohes Ansehen. Seit Jahrzehnten nutzen viele dieser Mönche ihre Vorbildfunktion, um den Umweltschutz als Teil der religiösen Kultur in die Alltagspraxis der Einheimischen zu integrieren und erreichen so, was Umweltschützern, Anwälten und Politikern oft in jahrzehntelanger Arbeit nicht gelingt.
In Thailand beispielsweise gibt es ca. 300000 buddhistische Mönche. 30000 (oder 10%) von ihnen leben im Wald. Aus dieser Gruppe begannen einige in den 1980er Jahren, sich als Öko-Mönche (phra nak anuraksa thammachat) zu bezeichnen. Sie nutzen ihre Autorität, um sich gegen die drastische Rodung der Wälder und den Umweltschutz im Allgemeinen einzusetzen - was besonders eben auch bedeutet, sich einflussreiche und skrupellose Feinde bei denen zu machen, die von der Ausbeutung der Umweltressourcen profitieren: internationale Konzerne, eigene Regierungen und das Militär. Aber auch bei vielen buddhistischen Traditionalisten sind diese Umweltaktivisten in Mönchsgewand verpönt, weil sich Mönche ihrer Meinung nach nicht in politische Angelegenheiten einzumischen haben.
Eine der einfallsreichen und hocheffektiven Erfindungen der engagierten Mönche ist die so genannte Ordination von Bäumen, erstmals durchgeführt Anfang der 90er Jahre unter der Leitung von Phrakhru Manas Natheepitak, dem Abt des Klosters Bodharma im Norden Thailands. Die Mönche legen um besonders prächtige Exemplare der wegen ihres Holzes sehr begehrten einheimischen Teakbäume ein safrangelbes Mönchsgewand, dabei sprechen sie einen buddhistischen Segen. Die Bäume werden „ordiniert“, das heisst: sie werden selbst Teil der Mönchsgemeinschaft. Keiner wagt es, einen solchen ordinierten Baum zu fällen und derart den Zorn Buddhas auf sich zu ziehen. Zusätzlich stärken Zeremonien dieser Art das Bewusstsein für die Umweltprobleme in Thailand.
Die Mönche riskieren bei ihren Aktionen nicht selten Verhaftungen wegen angeblicher Gesetzesverletzungen und sogar den Tod, wie im Fall des im Juni 2005 ermordeten Phra Supoj Suvacano. Auch er hatte sich mit seinem Orden vom Mettadhamma Forest Sanctuary Dhamma Center in der Chiang Mai Provinz im Norden Thailands für den Erhalt von Bäumen eingesetzt. Die thailändische Mafia wurde mit dem brutalen Mord an dem Mönch in Verbindung gebracht.
Im Daoismus ist der Mensch ein Teil der Natur wie jeder andere, ihm kommt keine Sonderrolle zu, aber er ist demnach auch nicht Träger einer besonderen Verantwortung. Auch die daoistische Lehre ist eine ganzheitliche Lehre. Jedes Ding übt eine Wirkung auf das gesamte Universum aus. Ein Eingriff in die Natur seitens des Menschen wäre eine Auflehnung gegen die natürliche Ordnung. Allerdings ist es der natürlichen Ordnung, lapidar gesagt, egal, ob der Mensch sich gegen sie auflehnt. Sie ist keine Gottheit, in deren Missgunst man fallen könnte. Der Mensch schadet sich höchstens selbst, wenn er sich durch Bändigung der Natur gegen den harmonischen Fluss des Seins stemmt und so die eigene Entfremdung riskiert.
Obwohl der Daoismus in Reinform in China kaum mehr eine Rolle spielt, hat er die heutige chinesische Kultur neben dem Konfuzianismus und der ganz alten Volksreligion stark geprägt. Die chinesische Regierung hat die Notwendigkeit einer drastischen Verringerung der Umweltverschmutzung und des Erhalts der einheimischen Flora und Fauna längst erkannt und zeigt in dieser Hinsicht gewissermaßen Pragmatismus. Ökologisch sinnvolle technische Lösungen aus Deutschland für die rasant aus dem Boden wachsenden Städte zu übernehmen, ist ebenso Teil dieser pragmatischen Herangehensweise, wie der Rückgriff auf die Hilfe daoistischer Mönche, wenn es darum geht, Einfluss auf jene Vertreter der traditionellen chinesischen Medizin zu nehmen, deren Rezepte Körperteile extrem bedrohter Tierarten verlangen und so den illegalen Handel mit diesen Tieren unterstützen: getrocknete Seepferdchen, Penisse von Tigern, Bärengalle, Hörner von Nashörnern, die allesamt gegen Migräne, Impotenz und viele andere Leiden vhelfene sollen nach traditionellem Verständnis.
Die traditionelle chinesische Medizin wurzelt tief in der buddhistischen und daoistischen Tradition Chinas. Nun fördert die Alliance of Religion and Conservation (ARC) mit Unterstützung der Regierung Programme, bei denen Daoisten mit Schulen für traditionelle chinesische Medizin zusammenarbeiten, um nach und nach die bedrohten Arten aus den medizinischen Verschreibungen herauszulösen. Die spezifisch daoistische Argumentation besagt hier, dass diese Praktiken nicht nur schlecht für die Umwelt sind, sondern auch für die Seele. Denn ein Verhalten, das die Natur in ein Ungleichgewicht bringt (wie etwa das Ausrotten bedrohter Arten), könne nicht gut für den Menschen sein. Das, hoffen die Initiatoren, könnte eines Tages die veränderte (und doch durch und durch daoistische) Sicht der Mediziner auf ihre uralte Praxis sein.
Die ökologische Umweltethik ist eine vergleichsweise junge wissenschaftliche Disziplin. Auch mag der eine oder andere Versuch großer Organisation wie der ARC, Umweltethik religiös zu begründen, konstruiert wirken. Im indischen Bundesstaat Rajasthan jedoch haben bereits vor beinahe 300 Jahren gut 350 gläubige Frauen und Männer der Bishnoi Gemeinschaft für „ein paar“ Bäume ihr Leben nicht nur riskiert, sondern tatsächlich gelassen. Die Bishnoi sind eine im 15. Jahrhundert durch Guru Jambheshwar aus dem Hinduismus hervorgegangene Gemeinschaft, die hauptsächlich im indischen Bundesstaat Rajasthan lebt. Sie verehren Vishnu (Bishnu) als höchstes Allwesen, so wie es auch die Anhänger des Vishnuismus tun, einer der drei grossen Hauptströmungen des Hinduismus. Ihren ersten Guru Jambheshwar kann man ohne Zweifel als einen der frühesten Umweltaktivisten der Menschheit bezeichnen. In 29 Geboten regelte er das Zusammenleben der Gemeinschaft. Dazu gehören das Gebot des Vegetarismus, ein Jagdverbot im Allgemeinen sowie das Verbot, grüne Bäume zu fällen, unterstützt von vielen ganz praktischen Anleitungen zu einer nachhaltigen Lebensführung unter den widrigen Bedingungen der Wüste Thar. Was wie das Prestigeprojekt einer Umweltschutzorganisation im Jahr 2010 anmutet, ist bei den Bishnoi seit 500 Jahren Lebenspraxis: Man verwendet Dung statt Brennholz, versteht sich in der Wasseraufbereitung, auf das ökologische Bauen, lebt gänzlich ohne Müllaufkommen und vieles mehr. Solches Verhalten ist nach Guru Jambheshwar im Mitgefühl für alle Lebewesen begründet, nach dem zu streben, religiöses Gebot sei. Mit diesen Geboten leben die Bishnoi bis heute in der Wüste Thar Rajasthans, wo sich in der Nähe ihrer Dörfer eine erstaunlich vielfältige Flora und Fauna bilden konnte, die man inmitten einer Wüste so nicht vermuten würde.
Im Jahre 1730 wollte König Maharaja Abhay Singh von Jodhpur einen neuen Palast bauen lassen. Zum Brennen von Kalk für den Bau benötigte er Brennholz - in seinem Königreich mitten in der Wüste eine Mangelware. Also entsendete seine Truppen, um in der Gegend des Bishnoi Dorfes Khejarli nach Khejri-Bäumen suchen zu lassen. Die Soldaten waren überwältigt, wie viele von diesen immergrünen, dornigen Bäumen sie vorfanden. Amrita Devi, eine Bishnoi, bemerkte die Truppen gemeinsam mit ihren drei Töchtern Asu, Ratni und Bhagu als erste. Sie versuchte, die Soldaten vom Fällen der Bäume abzuhalten. Diese waren bereit, ihrer Bitte nachzukommen, wenn sie für den Verzicht mit Geldzahlungen entschädigt würden. Amrita Devi fühlte sich in ihrem religiösen Selbstverständnis beleidigt und beharrte darauf, dass der Schutz von Bäumen auch ein Menschenleben wert sei. Sie bot sich an und wurde von den Soldaten enthauptet. Amrita Devis Töchter mussten alles mit ansehen und folgten dem Vorbild ihrer Mutter. Auch sie ließen sich zum Schutz der Bäume enthaupten. Die Nachricht vom Tode Amrita Devis und ihrer Töchter verbreitete sich wie ein Lauffeuer, während die Truppen das Roden des Waldes fortsetzten. Die ca. 80 Bishnoi Dörfer in der Umgebung entschieden gemeinsam, dass sich für jeden Baum, der gefällt werden sollte, ein oder eine Bishnoi freiwillig opfern sollte. Zuerst meldeten sich die alten Dorfbewohner und opferten sich, in dem sie den Baum, der gefällt werden sollte, umarmten. Die Äxte der Soldaten machten nicht halt. Erst als 363 Bishnois freiwillig der Rodung zum Opfer gefallen waren, verweigerten die Truppen ihrem Führer den Gehorsam und zogen ab.
Die Bishnoi, eine hinduistische Sekte, sind gewissermaßen die ersten (und radikalen) Tree Hugger der Geschichte. Für viele Umweltaktivisten ist Amrita Devi bis heute eine Heldin.
Text: Maria Kamutzki