Grüner Islam?
Ein Gespräch mit der Journalistin und Umweltaktivistin Arwa Abuwara
Der Islam machte in den letzen Jahren durch eine Rückbesinnung auf seine umweltethischen Inhalte auf sich aufmerksam. Den Islam als grüne Religion zu bezeichnen, ist keineswegs absurd. Denn Grün war nicht nur die Lieblingsfarbe des Propheten Mohammed. Es ist auch die Farbe des Paradieses mit seinen blühenden Landschaften und immer währenden Oasen. Grün ist die Farbe der arabischen Liga. Auch haben viele islamische Staaten die Farbe Grün in ihrer Flagge. Grün symbolisiert die Einheit der arabischen Völker im Glauben und ist die Farbe aller Wüstenvölker.
Die junge britische Journalistin Arwa Aburawa, geboren 1986 in Manchester als Tochter palästinensischer Immigranten, bezeichnet sich als muslimische Umweltaktivistin. Beim Online-Magazin greenprophet, das konfessionsübergreifend zum Thema Umweltschutz im Nahen Osten berichtet, ist sie Redakteurin für das Thema Öko-Islam. Sie schreibt über umweltfreundliche Moscheen, über muslimische Bloggerinnen, über Gender und Klimawandel, kurz über alles, was mit der grünen Message des Islam in Verbindung steht und mit der Rolle, die muslimische Frauen weltweit dabei einnehmen.
Sie ist überzeugt davon, dass der Islam eine wertvolle ökologische Umweltethik enthält und interpretiert das ein oder andere koranische Gebot auf ihre eigene, „grüne“ Weise. Auf ihrer Webseite lädt sie zum Dialog ein. Wir haben das Gespräch mit ihr gesucht und ihr in einer Reihe von E-Mails Fragen gestellt.
Arwa Abuwara ist weder Theologin noch Islamwissenschaftlerin, sondern gläubige Muslima. Ihre Antworten mögen aus theologischer Perspektive nicht in jedem Fall hieb- und stichfest erscheinen. Dennoch dürften sie der Ansicht vieler junger Muslime ähneln, die ihr Umweltengagement auf der Grundlage ihrer religiösen Sozialisation zu begründen versuchen.
In Ihrer Selbstbeschreibung auf greenprophet.com erwähnen Sie Ihre indische „Auntie“, die ein Vorbild für Sie gewesen sei. Wie kam es dazu, dass Sie sich so leidenschaftlich in den Dienst des Umweltschutzes stellen?
Das war eigentlich ein recht langer, natürlicher Prozess. Da war zunächst meine Mutter, die aus einer Bauernfamilie kommt. Sie hat immer sehr darauf geachtet, dass wir nicht unnötig Müll produzieren oder Wasser und Strom verschwenden. Mein Vater auf der anderen Seite hat beduinische Vorfahren, die ja richtig mit und in der Natur leben, das hat wahrscheinlich auf mich abgefärbt. Als Kind habe ich mir immer vorgestellt, im Wald zu leben und mein Essen selbst anzubauen. Mit der Zeit wurde mein Interesse am Verhältnis Mensch-Natur konkreter. Seit ich 16 bin, ernähre ich mich vegetarisch. Später bin ich dann auf ein paar Öko-Aktivisten getroffen. Vertieft habe ich mein Wissen dann während meines Studiums der Politik und Geschichte. Was meine indische „Auntie“ betrifft: Sie ist eigentlich eine Art „Wahltante“, einfach eine langjährige Freundin der Familie. Sie ist wirklich beeindruckend. Umweltschutz ist das Normalste der Welt für sie. Um zu wissen, was richtig und falsch ist, braucht sie gar nicht so viel zu wissen. Ihre indischen Wurzeln lehren sie das einfache Leben und Gandhi ist ihre große Inspirationsquelle für die Wertschätzung aller Dinge und den Glauben daran, dass man mit einfachen Schritten Großes erreichen kann.
Recherchiert man zum Thema „Grüner Islam“, hat man den Eindruck, dass die Bewegung in ihrer heutigen Erscheinung in Großbritannien ihren Ursprung hat. Stimmt das?
Das weiß ich gar nicht so genau. Aber ich lebe nun einmal in Großbritannien und bin deshalb besonders aufmerksam, was hiesige Projekte angeht. Ich kenne hier sehr viele grüne Muslime und eine Vielzahl an Projekten wie zum Beispiel Eco-Mosque, Ifees und Radical Middle Way. Es gibt auch muslimische Bio-Landwirtschaftsorganisationen. Aber auch in den USA sind mir Initiativen bekannt, zum Beispiel DC Green Muslim und Muslim Green Team. Ausserdem wächst das Umweltbewusstsein in der islamischen Welt selbst zwar langsam, aber stetig. Ich habe den Eindruck, dass es auch viele Muslime gibt, die nach grünen Prinzipien leben, ohne sich dessen bewusst zu sein. Mir ist das in vielen muslimischen Blogs aufgefallen. Aber wenn es so sein sollte, dass Grossbritannien die Basis der muslimischen grünen Bewegung ist, dann mag das einfach daran liegen, dass es in Großbritannien eine große Vielfalt von Muslimen gibt. Zudem sehen sie sich hier eher in der Lage, ihre grünen Bedenken nach außen zu kommunizieren, so dass sie in der politischen Agenda zum Tragen kommen.
In einem Ihrer greenprophet-Artikel zum „Grünen Haddsch“ (also der Pilgerfahrt nach Mekka) habe ich gelesen: „Während der Westen seine Lobbyisten hatte, die umweltpolitische Reformen zum Eindämmen der CO2-Emission nach vorne brachten, haben muslimische Führer und Aktivisten sich in der Vergangenheit nicht an der Debatte beteiligt. Das ändert sich jetzt.“ Warum haben sich die Akteure der islamischen Welt der Debatte so lange verweigert?
Ich denke, dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Einer von ihnen dürfte ein Mangel an Verständnis dafür sein, was Klimawandel ist und welche Konsequenzen er hat. Andere Muslime waren sehr misstrauisch aufgrund der Tatsache, dass die Thematik recht aggressiv aus dem Westen gepusht wurde. In einigen Entwicklungsländern hatte man den Eindruck, es werde verlangt, den Lebensstandard, den man vielleicht gerade erst gewonnen hatte, wieder aufzugeben. Wenn es um den Fortschritt ging, wollte man einfach keine Kompromisse machen. Ich habe aber den Eindruck, dass da eine Veränderung stattgefunden hat, mehr und mehr Muslime wissen, worum es bei dem Problem des Klimawandels geht. Auch erkennen sie ihre eigenen Stärken auf diesem Gebiet, dass es da nämlich eine Verbindung zu ihrem Glauben gibt. Nicht zuletzt erkennen sie auch neue Möglichkeiten, ihren Lebensstandard sogar zu verbessern. Ihnen wird auch klar, dass sie selbst von einer erfolgreichen Klimaschutzpolitik profitieren würden, weil die arabischen Länder einer Erdregion angehören, die besonders deutlich unter einer Klimaerwärmung leiden würde. Der Wassermangel im Nahen Osten hat ein Übriges zur Verdeutlichung des sofortigen Handlungsbedarfs getan. Muslimische Aktivisten sind natürlich auch sehr vorsichtig bei ihrer Themenwahl. Was die Pilgerreisen betrifft, so sind sie ein so zentraler Bestandteil des Glaubens, dass Kompromisse kaum denkbar sind. Es gibt aber durchaus bereits Ansätze, wie beispielsweise der Haddsch grüner gestaltet werden kann. Außerdem ist man als gläubiger Muslim nur verpflichtet, einmal im Leben nach Mekka zu pilgern, man muss sich also nicht jedes Jahr dafür ins Flugzeug setzen. Es wird auch gesagt, dass ein Muslim nur zu drei Orten reisen soll: nach Mekka, Medina und Jerusalem. Wenn wir danach leben würden, würde insgesamt natürlich wesentlich weniger geflogen! Aber ich denke, es geht eher darum, dass wir zu einer realistischen, verantwortungsvollen Balance finden.
Laut Koran ist der Mensch „khalef al-Ard“ der Erde. Das wird vielfach mit steward, Verwalter und Bewahrer, aber auch mit successor oder Bezwinger übersetzt. Besteht hier nicht die Gefahr, den Menschen eine theologische Rechtfertigung für die Ausbeutung der Natur zu liefern?
Ja, natürlich. Es gibt viele Interpretationsmöglichkeiten der religiösen Schriften. Darin liegt ihre Stärke und zugleich ihre Schwäche. Das Koran macht da freilich keine Ausnahme. Jedoch steckt der Koran voller Bezugnahmen auf die Schönheit und Wichtigkeit der Natur als einer dem Menschen gleichrangigen Schöpfung. Muslime finden sich im Koran beständig daran erinnert, dass die Natur Gottes Werk ist, wie die Menschen es sind, und dass ein Leben in Balance und Harmonie zwischen beiden geboten ist. Im Koran wird allen Erscheinungen der Natur, der Dürre, den Wolken, den Bergen, Ameisen und dem Regen gleichermaßen die Kraft zugesprochen, Leben zu schaffen und zu erhalten. Viele Verse sind nach der Natur und nach Tieren benannt. Die Natur wird auch als „Zeichen“ Gottes und seiner Existenz gesehen, in diesem Sinne ist der Islam weniger anthropozentrisch als Judentum und Christentum. Das zentrale islamische Prinzip des Tauhīd, also der Einheit, bedeutet für mich auch, dass alles miteinander verbunden ist. Es sind Harmonie und gegenseitige Achtsamkeit, die dieses zentrale Prinzip der „Einheit“ impliziert. Außerdem gibt es das muslimische Sprichwort „In dieser Welt wird Dir kein Leid angetan, wenn Du niemandem Leid antust.“ Das lässt sich gut auf die Umwelt anwenden. Wir sollen uns um sie kümmern, dann wird sie sich um uns kümmern. Wir sind von einander abhängig, einer kann nicht ohne den anderen leben. Wir setzen also unsere Zukunft aufs Spiel, wenn wir die Natur ausbeuten.
Die Beschäftigung mit dem Thema Umweltschutz in den einzelnen Glaubensgemeinschaften ist nicht ausgelöst worden durch im Glauben verankerte ethische Aspekte, sondern durch den verheerenden Zustand unserer Lebensräume und den sich dadurch aufdrängenden Handlungsbedarf. In manchen Aussagen seitens des „Grünen Islam“ scheint mitzuschwingen: „Es ist okay, grün zu handeln, weil es nicht im Konflikt mit dem Koran steht.“ Ist das so?
Sicher, es waren nicht die Weltreligionen, die die heutige Umweltbewegung auf den Weg gebracht haben. Auch die Gläubigen waren mit dem modernen Leben beschäftigt und haben den Kontakt zu ihren Wurzeln verloren, zum einfachen Leben, das sie ihre Propheten gelehrt haben. Der Islam und die Sunnah sind Lehren der Nachhaltigkeit, aber das wird eben nicht mehr kommuniziert. Wir haben vergessen, wie man ein einfaches Leben führt. Das muss wiedererworben werden durch eine grüne Agenda. Es gibt auch einen Vers im Koran, der mir oft in den Sinn kommt, der davon spricht, wie die Menschen das Land ruinieren werden bis ihnen ihre Fehler bewusst gemacht werden. Ich habe das Gefühl, dass es heute der Klimawandel ist, der uns unsere Fehler aufzeigt. Wir sind vom rechten Weg abgekommen und jetzt ist es Zeit, dass wir unsere grünen Wurzeln wiederentdecken, die uns abhanden gekommen sind. Wenn Du die Botschaft heraushörst, es sei okay, grün zu handeln, weil es ja irgendwie auch im Koran stehe: Ja, das sehe ich so. Aber das zeigt für mich nur, wie verschüttet diese grüne Botschaft des Koran ist. Es ist so, dass die gegenwärtige Umweltbewegung im Westen ihren Anfang hatte, dort herrscht die größte Unterstützung und dort sitzen die meisten Akteure. Aber damit die islamische Welt und die islamische Gemeinschaft aktiv werden kann, muss sie sich das Thema zu eigen machen können und aus ihren Wurzeln heraus eine Ethik entwickeln. Auf diesem Gebiet hat der muslimische Glaube wirklich so viel zu bieten. Für mich ist das keine bloße Konstruktion, sondern eine authentische Grundlage. Immerhin vereint der Islam ein Fünftel der Weltbevölkerung. Ich bin nicht der Ansicht mancher Umweltaktivisten, dass der Islam seine grüne Agenda neuerdings künstlich geschaffen hat. Sie wird nur gerade erst wiederentdeckt.
Welches religiös motivierte Umweltprojekt finden Sie besonders inspirierend?
Ich finde die Eco-Mosque-Initiative ganz toll. Moscheen sind einfach auch Ausbildungsstätten für viele Muslime. Wenn man dort mit gutem Beispiel vorangeht, nehmen die Leute das für sich an und integrieren es in ihren Alttag zu Hause, auf Arbeit und in den Schulen. Diese Initiative zeigt auch, wie wichtig umweltbewusstes Leben im Islam ist, denn Moscheen sind Gotteshäuser und das gibt dem Thema Umweltschutz eine religiöse Tragweite. Die erste Moschee, die der Prophet gebaut hat, hatte eine offene Struktur und war gemacht aus Palmen und Lehm. Das Verhältnis zwischen den menschlichen Bedürfnissen und dem, was die Erde zu geben hat, war noch in Balance. Das soll auch bei den Öko-Moscheen betont werden. Es gibt bereits mehrere von ihnen in Großbritannien. Eine, die aber demoliert wurde, gab es auch in der Wüste Negev in Israel. Sie war mit der Hilfe der Organisation BUSTAN auf den Weg gebracht worden.
Links:
http://arwafreelance.wordpress.com/
Interview: Maria Kamutzki