Kein Geld spielt keine Rolle
Do it yourself?
Internetuser tun es, kreative Selbständige kommen nicht drum herum, Baumärkte schreiben es sich auf die Fahnen: Selbermachen. Gerade in Zeiten, in denen zu viel Krise und zu wenig Ruhe ist, gilt es die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Von »Do it yourself« ist die Rede, sogar von einer »Revolution des Selbermachens«, so die Autoren Holm Friebe und Thomas Ramge in ihrem Buch »Marke Eigenbau«. Baumärkte wie Hagebaumarkt oder Hornbach werben ohnehin seit geraumer Zeit mit Slogans wie »Mach es zu deinem Projekt« oder »Mach dein Ding« und kommunizieren, dass es im Grunde jeder auch in Zeiten der Krise schaffen kann, dazu braucht es nur ein wenig Disziplin und genügend Werkzeug.
Do it yourself: Vom Baumarkt zur subversiven Strategie bis hin zu flexibilisierten Märkten
Do it yourself (DIY), in den 1970er Jahren aus dem Begriffsrepertoire des Heimwerkermarktes der 1950er Jahre entlehnt und als subversive Strategie der Linken gefeiert, erfährt einen Wandel. »Mach es selbst« wurde Ende der 1970er Jahren im linken Spektrum auf die Agenda gesetzt, um Autonomie und Selbstbestimmung fern des Diktats von verfestigten Alltags- und Lohn-Arbeitsstrukturen zu gewährleisten. Do it yourself war als Devise in der Punk-/Hardcore-Szene allgegenwärtig und stand für eine Kultur des Amateurs. Im Laufe der Jahre sickerte DIY als Begriff jedoch immer mehr ein in den Diskurs um neue, kreative Selbständigkeit und ist heute auch Ausdruck gestiegener Qualifikationsanforderungen. Do it yourself steht für individuelle Profilbildung in Zeiten beruflicher Unsicherheit und für die Option, fern der Festanstellung für sich und seine Fähigkeiten zu werben.
Krisenfeste Kreative
Ist das ein Fortschritt? Man könnte diese Geschichte so beginnen: Kreative Selbermacher verwirklichen sich in ihrer Arbeit, sie kreieren teils neue Tätigkeitsfelder, erweisen sich als besonders krisenfest und sorgen für positive Arbeitsmarktzahlen. Sie betreiben mit Liebe und Mühe kleine Boutiquen oder Labels, erbringen Dienstleistungen jeder Art. Nicht der Kommerz, sondern Selbstverwirklichung und Liebe zum Detail sind maßgeblich für den künstlerischen Schaffensprozess. Kundenorientierung scheint zudem garantiert. Die Rede ist von Prosuming, dem Teilhaben des Kunden am Produktionsprozess durch eine Nähe zum Produzenten und dem Produkt. Wie der amerikanische Zukunftsforscher Alvin Toffler in seinem Werk »Die dritte Welle« bereits 1980 voraussagte, verwischt heute die Grenze zwischen Produktion und Konsum. Toffler sprach von Wertschöpfungskreisläufen, durch die der Konsument nicht nur Geld, sondern auch Ideen, Markt- und Designinformationen beisteuert. Kurzum: Kreative Selbermacher trotzen verfestigten Alltags- und Lohnarbeitsstrukturen, »revolutionieren« den Arbeitsmarkt und machen aus enthemmten Schnäppchenjägern kaufbewusste Konsumenten.
Prekarisierung auf hohem Niveau
Man könnte diese Geschichte aber auch anders erzählen: Die Wiederbelebung des Mottos Do it yourself und die Ermunterung zum Selbermachen stehen für die Verinnerlichung ökonomischer Imperative im Spannungsfeld von wirtschaftlichen Zwängen einerseits und kultureller Selbstentfaltung andererseits. Die Etablierungsversuche von kreativen Selbermachern folgen einem »klassenmilieuspezifischen Gespür« auf dem freien Markt, so bringt es Alexandra Manske auf den Punkt, Soziologin und Dozentin an der HU-Berlin. »Ungewissheitszonen« wird ausgewichen und sie werden in »ständisch geprägte Rückzugsräume« verwandelt, auch um Arbeitslosigkeit zu vermeiden. In der Regel wird beim Jahreseinkommen in der Kreativwirtschaft eine umsatzsteuerpflichtige Grenze von 17500 Euro nicht überschritten. Das Durchschnittseinkommen von Künstler- und Kulturberuflern liegt zudem meist weit unter dem, was andere Erwerbstätige mit vergleichbarem Bildungsniveau erzielen. Wohlgemerkt: Die kreativen Selbermacher sind meist Einfallsreiche mit Hochschulabschluss. Das Erwerbsfeld der Kreativen ist darum alles andere als offen. So genannte Bildungsferne haben so gut wie keinen Zugang zu einem kreativen Arbeitsmarkt. Manske spricht zu Recht von einer »Prekarisierung auf hohem Niveau«.
Das Selbermachen: Wandel in der Arbeitswelt?
Das Selbermachen erlebt seit den letzten zwei Jahrzehnten, vor allem aber in den letzten Jahren eine Renaissance. Als Tätigkeitsfeld zwar nirgends genau definiert und wissenschaftlich kaum untersucht, bildet es heute eine Schnittmenge aus künstlerischen Tätigkeiten und dem Handarbeitssegment. Seit Jahren wird die Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland als boomende Branche diskutiert. Die Zahl der Erwerbstätigen in der Kultur- und Kreativwirtschaft erreichte bereits im Jahr 2007 ein Volumen von 970000 Personen (Selbständige und abhängig Beschäftigte). Mittlerweile sind es über eine Millionen (Forschungsbericht Nr. 589 des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie). Die Wiederbelebung der Handarbeit führte in den USA mittlerweile sogar so weit, dass die Business Week im Jahre 2008 einen Trend des »craft craze«, eine regelrechte Handarbeitsbesessenheit, beschrieb und deren ökonomische Relevanz diskutierte.
Die Renaissance des Selbermachens und die Ökonomisierung des Begriffs DIY verweisen auf einen grundlegenden Wandel in der Arbeitswelt, nämlich auf die Zunahme von Selbstentfaltung und -verwirklichung im Arbeitsleben. Zugleich stehen sie für die Abkehr von repetitiver, monotoner Arbeit, aber auch für den Verlust von beruflicher Sicherheit durch projektbasierte Tätigkeiten und das Voranschreiten von Solo-Selbständigkeit und Selbständigkeit mit geringer Kapitalausstattung. Zugenommen hat die Selbstständigkeit europaweit in den Bereichen Gesundheit, Bildung, sonstigen persönlichen und unternehmensorientierten Diensten und auch im Bereich der Kultur. Gerade in der Kreativwirtschaft ist der Anteil von Solo-Selbständigen heute überproportional hoch.
Der Aufschrei ist ein Kulturgut
Zweifelsohne bildet das Selbermachen heute einen lukrativen Markt. Wobei beim Selbermachen nicht alles perfekt sein muss, perfekt sitzen soll. Vielfach wird gerade eine laienhafte Attitüde zur ökonomischen Verwertungsformel. Das hat ganze Debatten durcheinandergebracht. Seit die Randale dem Diktat medialer Verwertbarkeit unterliegt, ist der Aufschrei ein Kulturgut. Verwunderlich ist es so kaum, dass die Autoren Holm Friebe und Thomas Ramge den »Aufstand der Massen« und eine »Revolution des Selbermachens« herbeisehnen, damit lässt sich immerhin auch der Ertrag steigern. Was bei Friebe/Ramge auf über 270 Seiten als Autonomiegewinn und als Zeichen eines Aufbegehrens gegen globalisierte Gleichmacherei in Zeiten des materiellen Überflusses beschrieben wird, ist zugleich lediglich eine Reaktion auf die Notwendigkeit, es bei all dem Gerede um die Krise und das Ende der Arbeit eben selber zu schaffen.
Neue Netzwerkkultur und vertrauensbasierte Projekte versus neue Anforderungen für die Subjekte
Sicher, eine neue Netzwerkkultur macht heute weltweite, vertrauensbasierte und teamfähige Projekte möglich, die auf mehr Selbstverwirklichung zielen. Gerade der Zugewinn an scheinbarer Autonomie und Selbstbestimmung für die Subjekte führt aber auch dazu, die Vorstellungen von Selbstverwirklichung des Angestellten mit den Zielen der Abteilung und des Abteilungsleiters zur Deckung zu bringen. Zudem werden, auf Seite der Konsumierenden, Kunden im Zuge des Selbermachens immer mehr auch zu »unbezahlten Mitarbeitern«, indem Unternehmen Aufgaben auf ihre Kunden durch Selbstbedienungsangebote übertragen. Dadurch werden auch Löhne gedrückt, Mitarbeiter entlassen.
Der Gesellschaft geht nicht die Arbeit aus, sondern die angemessene Bezahlung. Do it yourself heißt heute auch: Wir nennen es Arbeit. Wo sich eine ganze Generation mit Praktika durchschlägt und sich als unermüdliche Einsatzreserve fern der Festanstellung zwischen Überzeugungstat und Selbstausbeutung profiliert, wird kreative Selbstvermarktung immer mehr auch zur letzten Konsequenz. Und wo keine Arbeit ist, macht man welche. Beispielhaft dafür stehen die Diskurse um Sascha Lobos und Holm Friebes gleichnamiges Buch »Wir nennen es Arbeit«, in dem kreatives Treiben einer Digitalen Bohème euphorisch als Arbeit beschrieben wird, selbst wenn sie schlecht oder gar nicht entlohnt wird.
Chancen als Lösungswege: Ein Fortschritt?
Zwischen Selbstliebe und Selbstausbeutung steht die Renaissance des Begriffs DIY im Rahmen des „social commerce“ auch für die Hoffnung, eine schlanke und geschmeidige Variante des Konsums sei im heraufdämmernden Zeitalter des Verzichts möglich. Insgesamt werden im Gestrüpp um Wahlmöglichkeiten Chancen als Lösungswege deklariert. Das mag man beklatschen und es einfach mal selber probieren. Ein bisschen Selbsthilfe hat noch nie geschadet. Führte die Individualisierung jedoch einst zur Chancenmehrung, werden heute die Voraussetzungen und Bedingungen dafür – Chancen und Risiken – individualisiert. Ein Fortschritt?
Literatur:
Betzelt, Sigrid / Gottschall, Karin (2005): Flexible Bindungen - prekäre Balancen. Ein neues Erwerbsmuster bei hochqualifizierten Alleindienstleistern, In: Kronauer, Martin/Linne, Gudrun (Hg.): Flexicurity. Die Suche nach Sicherheit in der Flexibilität, 275-294 Berlin, edition sigma.
Betzelt, Sigrid (2006): Flexible Wissensarbeit: AlleindienstleisterInnen zwischen Privileg und Prekarität. ZeS-Arbeitspapier 3-2006, Zentrum für Sozialpolitik, Universität Bremen.
Friebe, Holm / Ramge, Thomas (2008): Marke Eigenbau. Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion, Campus.
Haak, Carroll (2005): Künstler zwischen selbständiger und abhängiger Erwerbsarbeit. Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung: Discussion Paper SP I 2005-107.
Toffler, Alvin (1980): Die dritte Welle: Die Zukunftschance, München 1980.
Voß, G. Günter / Rieder, Kerstin (2002, 2. Auflg.): Der arbeitende Kunde. Wie Konsumenten zu unbezahlten Mitarbeitern werden. Frankfurt a.M., New York: Campus.
Voß, G. Günter / Weiss, Cornelia (2005): Subjektivierung von Arbeit - Subjektivierung von Arbeitskraft, in I. Kurz-Scherf/ L. Corell/ S. Janczyk (Hrsg.): In Arbeit: Zukunft (S. 139-155), Westfälisches Dampfboot.
Voß, G. Günter (2006): Günter Voß im Interview mit der Berliner Zeitung vom 29.05.2006.
Text: Jens Thomas