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17.03.2011

Über das Prinzip Nachhaltigkeit als revolutionäre Herausforderung

Ein Gespräch mit dem Nachhaltigkeitsforscher Felix Ekardt

Prof. Ekardt, was genau besagt, was fordert das „Prinzip Nachhaltigkeit“?

 

Nachhaltigkeit wird ja heute von allen und jedem als Forderung vorgetragen. Wir kennen nachhaltigen Braunkohleabbau, nachhaltige Industrie, nachhaltige Kulturlandschaft. Alles scheint heute nachhaltig. Tatsächlich aber ist Nachhaltigkeit eine revolutionäre Herausforderung nach den Vorstellungen ihrer Vordenker und Popularisierer. Eine Forderung, die meint, wir sollten unseren raumzeitlichen Blickwinkel erweitern, von der reinen Fokussierung auf das Hier und Jetzt zu einer intergenerationellen und globalen Perspektive in Moral, Recht und Politik. Und revolutionär wäre das tatsächlich, insofern menschliches Denken und Handeln eben diese Perspektive genuin nicht einnimmt.

 

Wer ist in der Verantwortung, wenn es um Fragen einer nachhaltigen Entwicklung geht? Sind vor allem ordnungspolitische Maßnahmen gefordert? Welche Rolle spielt die viel zitierte Zivilgesellschaft?

 

Das erfordert eine differenzierte Antwort. Aber Nachhaltigkeit ist jedenfalls nichts, das dem Menschen genuin vertraut ist und nahe liegt. Unsere stammesgeschichtliche oder biologische Ausstattung fokussiert eher das Hier und Jetzt, Aspekte der Bequemlichkeit, dem Verharren beim Gewohnten, der Verdrängung neuer Herausforderungen, das Nichtwahrnehmen komplexer Kausalitäten, um die es natürlich geht, wenn ich den raumzeitlichen Blickwinkel erweitere. Insofern ist es überaus unwahrscheinlich, dass Nachhaltigkeit sich sozusagen von selbst verwirklicht, dass von heute auf morgen jeder von uns einen Lebensstil etabliert, der dauerhaft und global lebbar, also nachhaltig ist. Zumal es weitere Faktoren neben der biologischen Ausstattung gibt, die das unwahrscheinlich machen. Etwa das Kollektivgutproblem. Niemand kann sich sein Stück stabiles Klima allein sichern, das können nur alle gemeinsam; das macht freiwilliges Handeln unattraktiv. Es ist also tendenziell nötig, regulatorische Vorgaben zu haben, die – dafür ist die Politik da – von der öffentlichen Gewalt kommen müssen. Wobei es bei Nachhaltigkeit um globale Probleme geht, mit denen der herkömmliche Nationalstaat überfordert ist, so dass es transnationaler Regulierung bedarf.

 

 

 

"Alles scheint heute nachhaltig. Tatsächlich aber ist Nachhaltigkeit eine revolutionäre Herausforderung."

 

 

 

Kann es im Rahmen des Nachdenkens über Nachhaltigkeit nur um „pragmatische Lösungen“ gehen? Oder ist die ökologische Krise nicht vielmehr die Folge eines zunehmend nur „pragmatischen“ Umgangs mit der Natur?

 

Im Grunde weiß ich immer gar nicht recht, was mit dem Ausdruck „pragmatische Lösungen“ gemeint sei. Ich habe in den letzten knapp 15 Jahren versucht, eine komplexe Theorie der Nachhaltigkeit zu entwickeln. Und im umgangssprachlichen Sinne pragmatisch ist das mit Sicherheit nicht. Die Theorie setzt ein mit einer tief greifenden Analyse der Ursachen von Nicht-Nachhaltigkeit. Und wenn es im nächsten Schritt um die Frage danach geht, warum wir überhaupt nachhaltig sein sollten und warum wir überhaupt über Gerechtigkeit, also über die „richtige“ Gesellschaft hierzulande und weltweit, irgendetwas aussagen können, was die moralische oder rechtstheoretische Grundfrage schlechthin ist, so vertrete ich allerdings – anders als Hans Jonas – keinen metaphysischen Ansatz. Mir geht es eher um eine diskursethische Begründung von Nachhaltigkeitsprinzipien, die allerdings deutlich auf Distanz zur klassischen Diskursethik nach Jürgen Habermas und Karl-Otto Apel geht. Und all dies ist keine lediglich „pragmatische“ Frage. Ich halte die Frage, ob wir uns mehr um die Zukunft und um Menschen in anderen Ländern kümmern sollten, nicht für trivial. Wenn ich von Tatsachen rede, rede ich von Wahrheiten. Wenn ich davon spreche, wie eine Gesellschaft aussehen soll, so spreche ich von Gerechtigkeit. Und da taucht dann die Frage auf, ob ich objektiv etwas darüber aussagen kann, wie Gesellschaften aussehen sollen. Viele Skeptiker stellen die Möglichkeit solcher „objektiver“ Urteile schlechterdings in Abrede. Ich aber meine, dass man sich in unauflösbare Widersprüche verwickelt, sofern man diese Möglichkeit negiert. Denn auch die Behauptung der Unmöglichkeit gibt sich ja wiederum als objektives Urteil. Außerdem setzen wir die Möglichkeit von Objektivität Tag für Tag in unserem Sprechen logisch voraus. Ich habe also eine Diskursethik entwickelt, weil ich vom Diskutieren ausgehe in meinen Überlegungen, doch kommt diese Diskursethikern anders als bei den diskursethischen Klassikern zu konkreten inhaltlichen Aussagen. Muss ich zum Beispiel an die Zukunft denken? Und das geht in mehreren Schritten. Ich kann diskursiv begründen, warum auch die nicht Anwesenden, also die Menschen, die Teil der aktuellen Gesprächssituation sind, in ihrer Autonomie zu Achtende sind, die mir widersprechen können. Alle potentiellen Diskurspartner können das Autonomieprinzip für sich reklamieren. Daraus lässt sich wiederum ein allgemeines Freiheitsrecht, ein Recht auf die elementaren Freiheitsvoraussetzungen und ein gewaltenteilig-demokratisches Institutionenset national und transnational ableiten. Es ergibt sich ferner diskursethisch ein Set von Abwägungsregeln, die die dabei entstehenden – erheblichen – Spielräume gerechter Entscheidungen strukturieren und die zuständigen Institutionen angeben. Und das Besondere für die Nachhaltigkeit besteht hier darin, dass der potentielle Diskurspartner, der meinen Behauptungen widersprechen kann, mir raumzeitlich nicht zu begegnen braucht. Ich errichte also als sprechender Mensch unweigerlich eine Art Diskursuniversum, das die Nichtanwesenden mit umfasst. Zuletzt stellte sich die Frage nach den konkreten Steuerungselementen: Wie kann ich Nachhaltigkeit tatsächlich durchsetzen? Das wäre dann die praktische Frage.

 

Und diese praktische Frage ist Sache der Politik?

 

Ich vertraue nur nachrangig auf selbstregulative oder rein wettbewerbliche Lösungen, aber auch nicht primär auf ordnungsrechtliche Lösungen, also klassische Gebote und Verbote, da Umweltprobleme im Allgemeinen Mengenprobleme sind, mit denen das Ordnungsrecht nicht gut umgehen kann. Das Ordnungsrecht setzt bei einzelnen Tätigkeiten, Produkten oder Anlagen an. Wenn ich etwa Autos einen Grenzwert an CO2-Emission vorgebe, kann ich damit nicht verhindern, dass immer mehr Autos gebaut werden. Ich verhindere also nicht den Reboundeffekt. Und es geht um Verlagerungseffekte: Ich begrenze den Ressourcenverbrauch in einem Bereich, wobei sich der Verbrauch vielleicht lediglich in andere Bereiche verlagert. Wir wollen keine Bioenergiepflanzen aus dem Regenwald, weil dies den CO2-Vorteil von Bioenergie im Vergleich zu Öl ins Negative verkehrt, und die Hersteller sagen: Gut, dann bauen wir eben die Futtermittelpflanzen im Regenwald an, für die es bisher keine Vorgaben gibt. Damit wäre nichts gewonnen. Zuletzt habe ich im Ordnungsrecht oft große Vollzugsprobleme, weil ich eine Vielzahl von Handlungen überwachen müsste. Mengensteuerung kann entweder Abgabenlösungen (Umweltsteuern) oder Zertifikatmärkte heißen. Entscheidend ist bei beiden Lösungen, dass sie inhaltlich anspruchsvoll ausgestaltet sind. Ansonsten lösen diese Lösungen die Probleme erneut nicht. Der bisherige europäische Emissionszertifikathandel ist jedenfalls eine Pleite. Das liegt aber nicht am Lösungsansatz selbst, sondern daran, dass anspruchsvolle Ziele fehlen und dass vielfältige Ausnahmen den Vollzug erschweren.

 

 

 

"Das Besondere für die Nachhaltigkeit besteht darin, dass der potentielle Diskurspartner, der meinen Behauptungen widersprechen kann, mir raumzeitlich nicht zu begegnen braucht."

 

 

 

Und nun die Zivilgesellschaft: Sind wir Verschwender? Wie können wir die Verschwendung in den Griff bekommen? Und welche Rolle spielt hier der Begriff Suffizienz?

 

Der Suffizienzgedanke ist nicht sehr populär. Ich merke das immer bei meinen Vorträgen. Was meint Suffizienz? Man kann wahrscheinlich sagen, dass die zentralen Nachhaltigkeitsprobleme unserer Zeit der Klimawandel und das Ausgehen bestimmter Ressourcen, das zum Teil mit dem Klimawandel zusammenhängt, sind. Nun könnte man schlussfolgern, dass das Problem anzugehen sei allein durch erneuerbare Energien und mehr Effizienz. Das aber hebt den Reboundeffekt und die Verlagerungseffekte nicht oder nur teilweise auf. Daher meine ich, dass es auch Suffizienz (man könnte auch Verzicht oder Genügsamkeit sagen) braucht. Das ließe sich durch anspruchsvolle Abgabe- und Zertifikatmodelle erreichen. Wenn man davon ausgeht, dass die globalen Treibhausgasemissionen um 80% zu reduzieren wären bis 2050, dann verhindert dieses anspruchsvolle Ziel, dass wir zwar immer effizientere, aber auch immer mehr Autos bauen. Ich halte also Suffizienz für unausweichlich. Genau dies erreicht ein strenger Emissionshandel. Die Alternative wäre, dass wir uns auf erneuerbare Ressourcen und Effizienz beschränken und uns darauf verlassen, dass es in einer physikalisch endlichen Welt ewiges Wachstum geben kann. Diese Alternative halte ich für kontraintuitiv und für einen Ansatz, der dem Klimawandel wohl nicht gerecht wird. Angesichts der gegebenen anthropologischen Analyse, dass wir eher im Hier und Jetzt verweilen, dass wir bequem sind, verdrängen, auf komplexe Probleme nicht gut reagieren, ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass die Menschen freiwillig drastische Wenden vollziehen werden. Was eher wahrscheinlich ist, ist dass man in einzelnen Bereichen der Lebensstil „eingrünt“, gleichwohl aber der Wohlstand weiter wächst. Man kauft biologisch angebauten Kaffee, fliegt aber weiter nach Thailand in den Urlaub. Man kauft ein Auto mit Hybridantrieb, dafür aber ein größeres. Man kauft Bioprodukte, mag aber im Winter nicht auf Erdbeeren verzichten.

 

Braucht effektiver Umwelt- und Ressourcenschutz, brauchen Nachhaltigkeitskonzepte eine „ästhetische und moralische Anerkennung der Natur“, wie der Philosoph Martin Seel formuliert?

 

Ich meine wie gesagt ausdrücklich, dass zur Nachhaltigkeitstheorie zwingend eine moralische Grundlage gehört. Ansonsten wäre die Grundfrage nicht zu beantworten, warum es Gesellschaften interessieren sollte, was in Zukunft in anderen Teilen der Erde sein wird. Das wirft aber weitere Fragen auf. Wenn ich ein Recht der heute und in Zukunft lebenden Menschen auf ihre Freiheit begründe, wenn auch in Abwägung mit den Freiheiten und elementaren Freiheitsvoraussetzungen anderer, wenn ich ferner eine Verpflichtung der öffentlichen Gewalt begründe, möglichst auch weiter freiheitsförderliche Bedingungen bereit zu stellen, wenn ich all das in einer Abwägungslehre zum Ausgleich zu bringen versuche, dann ist Natur unter allen möglichen Gesichtspunkten ein erhaltungswürdiges Gut. Sie ist elementare Freiheitsvoraussetzung, insofern wir essen, trinken, atmen, ein halbwegs stabiles Klima vorfinden usw. müssen. Und eine freiheitsförderliche Bedingung ist sicher auch der ästhetische Naturgenuss. Was ich für zweifelhaft halte, sind so etwas wie Eigenrechte von Natur und Tieren. Und zwar weil ich glaube, dass ein Eigenrechtsprinzip nicht ohne dogmatische Setzungen oder Sein-Sollen-Fehlschlüsse begründbar ist. Auch praktisch wäre ein solcher Eigenrechtsschutz kaum handhabbar. Zudem würde er psychologisch der Durchsetzung der Nachhaltigkeit schaden. Solche Ideen bestärken im Zweifel eher die, die meinen, der Umwelt- und Klimaschutz sei etwas für esoterische Vorreiter, wovon man als „normaler Mensch“ besser Abstand halte.

 

 

 

"Angesichts der gegebenen anthropologischen Analyse, dass wir eher im Hier und Jetzt verweilen, dass wir bequem sind, verdrängen, auf komplexe Probleme nicht gut reagieren, ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass die Menschen freiwillig drastische Wenden vollziehen werden."

 

 

 

Könnte man insofern sagen, dass Nachhaltigkeit Ihrem Verständnis nach ein Mediator ist, der die extremen Positionen von „Ökonomismus“ und „Öko-Diktatur“ vermeidet und so verschiedene Aspekte zu integrieren vermag? Auf mich wirkt es so, als wollten Sie einerseits die Notwendigkeit zu einem auch instrumentellen Umgang mit der Natur anerkennen, ohne andererseits auf eine Kritik dieser instrumentellen Vernunft zu verzichten.

 

Zunächst einmal kommt tatsächlich Natur bei mir instrumentell vor. Aber es wird die Hybris aufgegeben, dass man eine liberale Demokratie ohne die physischen Freiheitsvoraussetzungen haben kann. Insofern ist meine Betrachtungsweise kritisch gegenüber dem instrumentellen Umgang mit der Natur. Was die gewissermaßen habermasianische Kritik der instrumentellen Vernunft angeht, so wäre das für mich noch eine andere Ebene, insofern als meine Diskurstheorie natürlich eine Theorie der normativen Vernunft ist, also die Abwägungs- und Gerechtigkeitsprinzipien aus der Annahme folgen, dass normative Fragen vernünftig entscheidbar sind. Da setzt allerdings auch eine Konzeption instrumenteller Vernunft voraus, also eine Konzeption davon, mit welchen Steuerungselementen es zur realen Durchsetzung des Gerechten und Abgewogenen kommen kann. Jedenfalls gehöre ich nicht zu denen, die Ansätze oder Maßnahmen fordern, bei den man aus guten Gründen davon ausgehen kann, dass nur ganz wenige „Esoteriker“ sie umsetzen werden. Das ist nämlich das allgemeine Problem ökozentrischer Ansätze. Insofern ist meine Intention eine „moderate“. Angesichts der gegenwärtigen Lebenspraxis ist sie allerdings eine sehr kritische.

 

 

 

"Unternehmen ändern sich nur, wenn die Nachfrage besteht. Zugleich ändert sich Kaufverhalten aber nur, wenn die Unternehmen es wollen, also etwas anbieten, das interessant ist."

 

 

 

Fordert Nachhaltigkeit zwangsläufig einen Wachstumsverzicht? Oder muss man hier differenzieren? Gibt es „green growth“?

 

Zwei Dinge muss man konzedieren: 1. Es gibt drastische Armut in weiten Teilen der Welt. Es ist essentiell, darauf zu reagieren. 2. Die massive Verteuerung fossiler Brennstoffe begünstigt erst einmal neue Technologien und einen Wachstumsschub. Wenn ich aber so ansetze, wie es dargelegt habe, wenn ich also globale Mengensteuerung betreibe mit fossilen Brennstoffen respektive Treibhausgasen, dann setzt das dem Wachstum global in gewisser Hinsicht Grenzen und wird mittelfristig zu Wachstumsstopp und im Okzident konkret sogar zu Schrumpfungsprozessen führen, trotz aller möglicher Innovationen wie etwa Solarenergie. Ich kann aber eben durch Verteilungsmaßnahmen zwischen Norden und Süden eine Situation schaffen, in der die, die bisher fast nichts zum Klimawandel beigetragen haben, noch eine Weile wachsen dürfen. Und auch wir dürften noch eine Weile weiter grün wachsen. Aber auf lange Sicht zwingen die klima- und ressourcenpolitischen Notwendigkeiten und zwingt das Faktum der physischen Endlichkeit der Welt zu der Einsicht, dass es unbegrenztes Wachstum nicht gibt. Das spricht natürlich nicht gegen den Ausbau und das fortgesetzte Wachstum von rein ideellen Kompetenzen. Der Witz ist allerdings, dass es wenig im Leben gibt, das rein ideell ist und keine irgendwie doch materielle Basis hat. Und auch ideelles Wachstum stößt an Grenzen, weil beispielsweise Zeit nicht unendlich vorhanden ist. Vorübergehend kann es durch die Erweiterung der erneuerbaren Energien „green growth“ geben. Aber das Eingrünen des Wachstums kann nicht endloses, unbegrenztes Wachstum ermöglichen. Und vergessen wir nicht, das Wachstum als solches keineswegs eine Glücksgarantie ist. Dafür gibt es keine empirischen Belege. Wir bewegen uns zunehmend im Hamsterrad, sind permanent angespannt, aber werden dadurch keineswegs glücklicher...

 

Entscheidend für Nachhaltigkeitskonzepte ist also eine globale Betrachtungsweise?

 

Einmal das. Und zum anderen, dass Nachhaltigkeit real werden muss. Und wenn meine Aussagen zur Anthropologie richtig sind, so wird das nur mit klaren, allgemein verbindlichen Spielregeln gehen. Und eine solche Spielregel wäre die Mengenbegrenzung bei fossilen Brennstoffen respektive Treibhausgasen. Diese Begrenzung würde bei den Menschen über den Faktor Preis ankommen und einen persönlichen Lebensstilwandel hervorrufen. Das heißt allerdings nicht, dass ich das persönliche Umdenken in irgendeiner Weise geringschätze. Denn eine Nachhaltigkeitspolitik kann ja nur in Gang kommen, wenn sie gefordert wird, wenn sie nicht abgewählt wird, wenn das gesellschaftliche Klima sie begünstigt, wenn Menschen vormachen, dass es möglich ist, anders zu leben. Insofern bin ein großer Fan persönlicher Nachhaltigkeitsinitiativen. Was das Verhältnis des Persönlichen und des Politischen angeht: Es gibt hier eine Art doppelten Teufelskreis. Einerseits gibt es die Wechselwirkung von Politik und Wähler. Insofern sind Politik und persönlicher Lebensstil zwingend aneinander gekoppelt. Andererseits gibt es die Produktion. Ich kann natürlich schon als LOHAS („Lifestyle of Health and Sustainability“) über meine Kaufentscheidungen Druck ausüben auf Unternehmen. Anders gesagt: Unternehmen ändern sich nur, wenn die Nachfrage besteht. Zugleich ändert sich Kaufverhalten aber nur, wenn die Unternehmen es wollen, also etwas anbieten, das interessant ist. Das Problem ist, dass Unternehmen sich immer am Markt behaupten und mehr verkaufen wollen. Auch wenn es Bioprodukte oder Solarautos sind, werden Unternehmen versuchen, mehr abzusetzen. Deshalb werden Konsumenten und Unternehmen allein das Problem nicht in den Griff bekommen. Hier sind wir wieder bei der Notwendigkeit der politischen Regulierung. Bei der nachhaltigkeitspolitischen Frage nach absolut sinkenden Mengen beim Ressourceneinsatz und bei den Treibhausgasen endet die Fähigkeit zur Selbstregulation des Marktes.

 

 

 

 

 

Felix Ekardt ist seit 2002 Gastdozent für Philosophie an der Universität Leipzig, von 2003 bis 2008 war er Juniorprofessor für Öffentliches Recht mit dem Schwerpunkt deutsches, europäisches und internationales Umweltrecht an der Universität Bremen. Seit Anfang 2009 ist er Professor an der Universität Rostock. Ekardt ist politikberatend im Klimaschutz auf EU-, Bundes- und Landesebene für Ministerien und Parlamentsfraktionen tätig, auch über verschiedene Sachverständigenkommissionen. Ekardt war einer von fünf „Nachwuchswissenschaftlern des Jahres” des Deutschen Hochschulverbandes und der ZEIT 2007 und ist einer der profiliertesten deutschen Forscher in der Nachhahhaltigkeitsforschung.

Literatur (Auswahl):

Felix Ekardt: Theorie der Nachhaltigkeit - Rechtliche, ethische und politische Zugänge am Beispiel von Klimawandel, Ressourcenknappheit und Welthandel. Nomos Verlag 2011.

Felix Ekardt: Das Prinzip Nachhaltigkeit - Generationengerechtigkeit und globale Gerechtigkeit. Beck 2010.

Felix Ekardt: Wird die Demokratie ungerecht? Politik in Zeiten der Globalisierung. Beck 2007.

 

Interview: GAB

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