Die erweiterte Kunst: Kunst, Gesellschaft und Politik
Ein Gespräch mit dem Künstler Johannes Stüttgen
Herr Stüttgen, wie sehen Sie das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft, Kunst und Politik?
Ich finde, dass dieses Verhältnis einer Umstülpung bedarf. Im Moment spielt die Kunst in unserer Gesellschaft eine vergleichsweise marginale Rolle. Und wenn sie überhaupt irgendwo eine Rolle spielt, betrifft das in der Regel Bereiche wie die Werbung, das Design und alle diese Geschichten. Aber vor allem spielt die Kunst in unserer Gesellschaft die unangenehme Rolle, die Beuys als "Dekoration des Systems" bezeichnet hat. Mit Umstülpung meine ich, dass umgekehrt die Politik - und damit auch die Frage des Systems selber - zum Gegenstand der Kunst werden muss. Allerdings nicht in dem Sinne, dass die Kunst die Dinge darstellt oder kritisiert, sondern so, dass die Kunst sich versteht als einen Gestaltungsvorgang, der sich auf die Gesellschaft im Ganzen bezieht. Joseph Beuys nannte das die Soziale Plastik oder den Erweiterten Kunstbegriff.
Was genau meinen diese beiden Bezeichnungen: soziale Plastik und erweiterter Kunstbegriff?
Die Soziale Plastik ist, wenn man so will, sowohl Ergebnis wie auch Ziel des Erweiterten Kunstbegriffs; umgekehrt gleichzeitig auch dessen Ursprung. Denn im Grunde geht der Erweiterte Kunstbegriff aus der Sozialen Plastik hervor.
Erweitert meint dabei zunächst nichts anderes als den Umstand, dass die Kunst sich auf alle Arbeits- und Lebensbereiche des Menschen bezieht und sich aus ihrer einseitigen Beschreibung herauslöst, aus den uns bekannten Disziplinen nämlich wie Malerei, Plastik, Musik, Literatur usw. Der Kunstbegriff nimmt in seiner Erweiterung eine höhere Position ein. Damit sollen nicht etwa die alten Disziplinen abgeschafft werden, sondern vielmehr überhaupt alle anderen Arbeitsvorgänge auch unter die Idee der Kunst gestellt werden. Nämlich so, dass in Zukunft überhaupt nur die Arbeit menschenwürdig und interessant sein wird, die künstlerisch ist.
"Die Kunst spielt in unserer Gesellschaft die unangenehme Rolle, die Beuys als 'Dekoration des Systems' bezeichnet hat."
Könnte man sagen, dass der Erweiterte Kunstbegriff ganz allgemein kreative Prozesse meint, die sich in sozialer Interaktion ergeben?
Ja, so könnte man es sagen. Aber ich selbst finde auch den herkömmlichen Kunstbegriff nach wie vor sehr interessant, weil man an ihm einen höheren Freiheitsbegriff ablesen kann. Ebenso beim Begriff der Kreativität. Wenn man sich auf die Freiheit bezieht und sagt, dass menschliche Arbeit nur dann menschenwürdig ist, wenn sie frei und selbstbestimmt ist, so muss man hinzufügen, dass diese Freiheit nicht bloße Willkür, keine Beliebigkeit ist, nichts mit Freiräumen oder Freizeit zu tun hat, sondern sie ist ein Gesichtspunkt der höheren Form.
Was meinen Sie mit "Gesichtspunkt höherer Form"?
Die höhere Form ließe sich in ihren Grundzügen beschreiben: Sie ist eine Form der Freiheit. Und man fragt dann nach den Bedingungen dieser Form und wird feststellen, dass sie zum Beispiel die Bedingung der Befreiung des Schul- und Hochschulwesens aus der Abhängigkeit vom Staat ist. Das freie Schulwesen also wäre ein Stichwort. Das zweite Stichwort wird hier gleich mit genannt, denn der Staat wird nicht einfach abgeschafft, sondern er muss seine Pflicht erfüllen, sich aber aus den Dingen heraushalten, die ihn nichts angehen und von denen er auch keine Ahnung hat. Und seine Pflicht ist die Finanzierung, er muss sich die Geldfrage vornehmen.
Zur Freiheit gehört die Ordnung. Die erste Ordnungsform, die notwendig sein wird unter dem höheren Gesichtspunkt der Freiheit, ist die Ordnung der Selbstverwaltung, die sich auf die "Basisunternehmen" wie Schulen und Hochschulen bezieht, in denen Kreativität herausgearbeitet und zur Entfaltung gebracht wird. Bezieht sich aber eben auch auf Wirtschaftsunternehmen, die in die Form der Selbstverwaltung kommen müssen. Das würde bedeuten, dass sie entprivatisiert werden müssen. Das mag merkwürdig klingen, weil wir uns in unserer Gesellschaftsordnung daran gewöhnt haben, Freiheit mit Privatheit zu assoziieren. Nein, weg von der Privatheit und hinein in die Selbstverwaltung. Das heißt aber zugleich, dass wir eine Finanzierungsform entwickeln müssen, die von der Gesellschaft im Ganzen getragen werden muss. Wir brauchen eine neue Rechtsform.
Ich stelle mir "Arbeitskollektive", Arbeitszusammenhänge, also Unternehmen vor, die ihre Arbeit selbstverantwortlich bestimmen, die Kriterien ihrer Arbeit herausarbeiten und die im Rahmen der Wirtschaft natürlich zugleich Bedarf decken müssen. Denn Wirtschaftsunternehmen, die auf keinen Bedarf stoßen, wären ja sinnlos. Da ist der Zusammenhang von Produktion und Konsum zu bedenken. So kommt man nach und nach in die einzelnen Ordnungsideen hinein.
Und das Ordnungsprinzip der Selbstverwaltung entspräche ihrer Auffassung nach auch dem, was der Erweiterte Kunstbegriff anstrebt?
Das Prinzip der Selbstverwaltung ergibt sich gewissermaßen aus dem Erweiterten Kunstbegriff von selbst, weil im Kunstbegriff die Selbstbestimmung liegt. Die Soziale Plastik hat ihrer Definition nach die Form der Selbstverwaltung. Die Soziale Plastik ist nicht eine Installation im sozialen Raum, womit sie ja noch einem Genre des traditionellen Kunstbegriffs angehörte. Sie bezieht sich vielmehr auf die gesamte Gesellschaft, auf dein gesamtes Erleben, deine Biografie, deine Arbeitsverhältnisse.
Und will ein Höchstmaß an Selbstbestimmtheit und Kreativität inaugurieren?
Genau. Aber nicht nur das. Der Erweiterte Kunstbegriff möchte auch die Prinzipien der Selbstbestimmung, der Freiheit und der Kreativität immer weiter herausarbeiten, immer weiter entwickeln. Er basiert nicht nur auf der Selbstbestimmung, sondern die Selbstbestimmung bleibt zugleich immer das neu zu bestimmende und zu erreichende Ziel. Die Soziale Plastik ist ein ganz lebendiges und dynamisches Wesen.
Ist die Kunst für Sie per definitionem politisch "engagiert"?
Wenn man die Kunst richtig betrachtet, ist sie in der Tat ihrer Definition nach engagiert. Aber anders als im Sinne von politischen Engagement im engeren Sinne. Man muss fragen, was Engagement sein soll. Engagement ist für mich Interesse, Einsatz, Begeisterung. Und ein künstlerischer Vorgang kommt ohne solches Engagement ja gar nicht zustande. Was immer künstlerisch entstehen soll, ist Engagement. Insofern können wir festhalten, dass nur Kunst Engagement ist, dass es im Grunde keine andere Form von Engagement gibt als Kunst.
Was Adorno meint, bezieht sich hingegen auf den traditionellen Kunstbegriff, der sich auf Literatur, Malerei usw. bezieht. Wir können nur sagen, dass in dem, was sich in diesen Disziplinen als Kunst abspielt, Gestaltungsprinzipien wirksam sind, die man im Sinne des Erweiterten Kunstbegriffs auf die anderen Formen der Arbeit übertragen kann. Insofern sind natürlich die traditionellen Künste die Ausgangsformen, aus denen die erweiterte Bestimmung der Kunst hervorgeht. Denn erweitern können wir ja nur, was bereits wirksam ist. Und wenn ich etwas Wirksames erweitern will, übernehme ich die Wirksamkeit der Prinzipien, aber erweitere sie auf alle Lebensbereiche. Und gerade das tut ja Adorno nicht. Für ihn ist ja das Verhältnis eine Antinomie: die Kunst auf der einen, die Gesellschaft auf der anderen Seite. Der Erweiterte Kunstbegriff aber sucht ja diese Antinomie zu überwinden. Aber nicht etwa auf Kosten der Kunst, im Gegenteil. Die Antinomie ist ja nur die erste Stufe eines Gegensatzes, den es überwinden gilt, weil nur die Kunst ein Gestaltungsprinzip für das gesellschaftliche Ganze darstellt. Weil alles, was nicht nach diesem Prinzip gestaltet wird, eigentlich menschenunwürdig ist.
"Die Soziale Plastik ist nicht eine Installation im sozialen Raum. Sie bezieht sich vielmehr auf die gesamte Gesellschaft, auf dein gesamtes Erleben, deine Biografie, deine Arbeitsverhältnisse."
Und ohne Engagement (aber hier eben nicht "politisches", sondern eher persönlich-existentielles) wäre dieses Gestaltungsprinzip tot und eigentlich undenkbar?
Absolut. Was wäre je entstanden, welches Gedicht wäre je ohne Engagement entstanden? Aber das meint eben etwas anderes als das Engagement, das Adorno im Blick hatte. Wissen Sie, mich persönlich interessiert ja so genannte politische Kunst überhaupt nicht. Politische Kunst ist ein Missverständnis, insofern man an Agitprop, Plakatkunst, Aktionen und Happenings denkt. Das wäre viel zu eng gedacht. Das wäre konventionell, bürgerlich.
Und setzte deshalb die Dichotomie von Kunst und Gesellschaft fort, die es zu überwinden gilt?
Ja, genau die müssen wir überwinden. Diese Erweiterung ist die nächste Evolutionsstufe, vor der wir stehen. Adorno hat diesen Schritt noch nicht getan, aber dadurch, dass er die zugrundeliegende Dichotomie sehr scharf formuliert hat, den Ausgangspunkt gekennzeichnet.
Man hört viel über zeitgenössische Kunst reden, die Feuilletons sind voll davon. Wie präsent aber ist Kunst heute tatsächlich im öffentlichen Bewusstsein? Prägt sie dieses Bewusstsein?
Mit Niklas Luhmann zu sprechen: Welche Rolle spielt das Teilsystem Kunst in der Gesellschaft? Nun, der zeitgenössische Kunstbetrieb mag schillernd sein, aber interessiert mich gar nicht so sehr, weil er für mich die Nachwehen der bekannten Kunst und Kunstformen ist. Die mögen noch so avantgardistisch sein. Ich erlebe in allen diesen Dingen fast nur noch Wiederholungen, lediglich repetitive Selbstdarstellung oft, die mich überhaupt nicht interessiert. Die Selbstdarstellung ist ein absolutes Missverständnis. Es geht nicht um Selbstdarstellung, sondern es geht darum, dass der Freiheitsimpuls des Menschen sich auf die Gestaltung des Ganzen bezieht.
Johannes Stüttgen und Joseph Beuys bei der Aktion Pangenese am 12.Dezember 1969 in der Kunstakademie Düsseldorf. - Johannes Stüttgen: Der Ganze Riemen. Joseph Beuys - der Auftritt als Lehrer an der Kunstakademie Düsseldorf 1966-72. Verlag der Buchhandlung Walter König, 2008.
Kann man demnach sagen, dass Ihres Erachtens erst der erweiterte Kunstbegriff einen wahrhaftigen, tatsächlichen Einfluss auf soziale Wirklichkeit hat?
Ich würde es so sehen. Wahrhaftig in dem Sinne, dass man feststellen muss, dass alles seine Zeit und seine Entwicklung hat. Und man muss den Punkt beschreiben, an dem wir uns heute menschheitsgeschichtlich, evolutionär mehrheitlich befinden. An diesem Punkt, an dem wir uns heute befinden, ist oder wird die Kunst erweitert. Wenn das nicht berücksichtigt wird, wird der Prozess unwahrhaftig. Die Erweiterung ist ja bereits im Gang. Man kann sie allerorten bereits erleben. Man muss das Ganze auch vom Unsichtbaren her erleben, erkennen, was in den Menschen sich bereits entwickelt, welche Ahnungen sich zeigen, welche Sehnsüchte sich offenbaren, wie die Menschen den Begriff Kunst empfinden, wie sie genau spüren und innerlich schon wissen, dass die Kunst, wie wir sie bisher kannten, an ein bestimmtes Ende gekommen ist. Nicht dass die Kunst nicht weitergeführt werden soll, aber in ihrer bisherigen Form lässt ihre Relevanz nach. Sie wird aber wieder neu entstehen, indem man wahrhaftig ist und sich fragt: Was ist jetzt an der Zeit? Wir haben es hier mit zwei Positionen des Zeitgeistes zu tun: die eine begründet sich aus der Vergangenheit und der Tradition, die andere aus der Zukunft. Und für mich ist die Soziale Plastik eine zukünftige Bestimmung des Menschen. Für diese zukünftige Bestimmung muss ich ein Wahrnehmungsorgan, eine innere Stimme entwickeln. Und diese Entwicklung ist bei vielen Menschen in vollem Gange, ohne dass es ihnen selbst vielleicht bewusst wäre. Deshalb müssen wir darüber sprechen, damit die Menschen etwas, sich wiedererkennen in etwas, das ihnen schon vertraut ist, das sie aber noch nicht auf einen Begriff gebracht haben. Man darf nicht immer nur auf die äußeren Zusammenhänge starren, die Ergebnis der Vergangenheit sind.
"Es geht nicht um Selbstdarstellung, sondern es geht darum, dass der Freiheitsimpuls des Menschen sich auf die Gestaltung des Ganzen bezieht."
Und die direkte Demokratie wäre für Sie eine angemessene Form, diese Vielzahl innerer Stimmen politisch wirksam werden zu lassen?
Ich sage sogar, dass es die einzige Möglichkeit ist. Direkte Demokratie muss in verschiedenen Weisen gedacht werden: Einmal als direkte Abstimmung, wobei ich meine Stimme eben nicht delegiere an Machtgruppierungen. Ich will die Parteien nicht abschaffen, aber ich werde sie nicht mehr wählen. Die Parteien können mich ja beraten, können ja zu Inspirationsorganen werden. Mal sehen, was dann noch von ihnen übrig bleibt. Zum anderen bezieht sich die direkte Demokratie darauf, dass du in dir selber die Demokratie begründen musst. Die alte Form der Demokratie ist in Wirklichkeit keine Demokratie mehr, sie ist eine Parteiendiktatur, was immer mehr Menschen auch wissen. Die wachsende Zahl der Nichtwähler zeigt das. Wenn wir Demokratie wollen, müssen wir sie direkt, in uns als Selbstbestimmung begründen. Keine Delegation. Sondern zunächst die Frage: Wohin will ich überhaupt? Und dann muss alles immer wieder demokratisch ausgehandelt werden. Kommunikation, geistige Bewegung, Kampf der Ideen müssen vor jedem Entscheidungsvorgang stattfinden. Erst einstimmen, dann abstimmen.
Johannes Stüttgen: Ohne Titel, 1989. - Die 6 Abbildungen zeigen Joseph Beuys bei der Installation der Arbeit "Fettecke" im Raum 3 der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf am 28.4.1982.
Und die angemessene Form der Abstimmung wäre das Plebiszit?
Ich will nicht unbedingt die Parlamente abschaffen. Vieles wäre dann gar nicht mehr praktikabel. Wenn wir allerdings ein Parlament haben, soll es auch im Sinne der Legislative tätig sein. Aber diese Vorgang muss ergänzt und kontrolliert werden durch die Elemente der direkten Demokratie. Nicht alles muss plebiszitär entschieden werden, aber die Möglichkeit muss generell bestehen. Das Parlament soll uns Arbeit abnehmen, aber nicht die direkte Demokratie ersetzen und abschaffen. Wenn das Parlament im Sinne der gesellschaftlichen Mehrheit agiert, ist ja alles in Ordnung. wenn es das aber nicht tut, muss durch direkte Demokratie eine unmittelbare und wirksame Gestaltungsmöglichkeit der Menschen da sein. Nicht lediglich ein Vetorecht, sondern die Möglichkeit, Dinge zu initiieren. Deshalb sprechen wir von der dreistufigen Volksabstimmung: Initiative, Volksbegehren, Volksentscheid. Die Form haben wir also bereits. Wenn die Menschen direkt Dinge verhandeln und über sie abstimmen sollen, verändert sich auch die Gesprächsform grundlegend. Es geht dann nicht mehr darum, ob die CDU der SPD vorzuziehen sei, sondern unmittelbar um die sozialen Fragen. Diskussionen über Parteien werden dann mehr und mehr, was sie ohnedies bereits sind: überflüssig. Das Parteienwesen hat ausgedient. Es ist unkünstlerisch. Es gehört dem 19. Jahrhundert an, als Reaktion auf Bismarck und Wilhelm II. und so weiter.
Das Problem ist also nicht parteipolitischer, sondern systemischer Art?
Ich gehe sogar so weit und sage, dass System ist als System zu überwinden. Wir brauchen keine Systeme mehr, sondern Lebewesen. Wir brauchen lebendige Vorgänge.
"Wenn wir Demokratie wollen, müssen wir sie direkt, in uns als Selbstbestimmung begründen."
Die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und politisch-sozialem System spielt demnach für Sie in gewisser Hinsicht keine Rolle?
Diese scheinbare Antinomie interessiert mich, insofern ich sie in einer höheren Form überwinden will. Und Überwindung ist kein Kompromiss. Der Kompromiss ist immer unkünstlerisch. Und welche Probleme heute die Künstler im besonderen haben, interessiert mich nicht. Mich interessiert aber sehr wohl, welche Probleme die Menschen haben, an ihren Arbeitsplätzen. Die Einkommensfrage beschäftigt mich, die Existenzangst der Menschen, die durch Strukturen im Arbeitsrecht erpresst werden. Und die Probleme des Künstlers? Nun, die soll er mal selbst lösen! Dafür ist er ja da. Die Frage, die mich hier viel mehr interessiert: Gibt es überhaupt noch etwas zu malen, wenn es so weiter geht wie bisher? Wollen wir malen, wenn die ganze Erde den Bach runtergeht?
In einem Interview mit dem Spiegel konstatierte Beuys 1972: „Wer richtig und behutsam vorgeht, findet einen Bereich, in dem er, obschon er sich dauernd abhängig fühlt, doch frei ist und seine Abhängigkeit, unter der er leidet, beseitigt und einen neuen Schritt tut.“ Wie ginge man heute richtig und behutsam vor? Wo können wir heute Freiheit finden?
Da gibt es vielfältige Formen. Zum Beispiel indem wir das tun, was wir beide gerade tun: wir reden miteinander. Wir reden ja nach Möglichkeit nicht als Systemabhängige miteinander, sondern wir versuchen, als freie Menschen miteinander zu reden. Und wenn einer von uns etwas äußert, bei dem der andere den Eindruck hat, es sei systemabhängig, kann der andere eingreifen. Es entsteht also eine frei Figur. Das wäre eine erste Möglichkeit, an die Sache heranzugehen. Warum soll ein solches Gespräch nicht an den Arbeitsplätzen möglich sein. Wahrscheinlich braucht es in den Unternehmen der Zukunft geradezu Abteilungen für das freie Gespräch, die soziale Plastik, die dem freien Nachdenken über die Zukunft des Unternehmens und der Gesellschaft Raum gibt. Das sind reale, nahe liegende Möglichkeiten. Man kann raus gehen, auf die Straße und mit Menschen sprechen. Jeder weiß an dem Platz, an dem er steht, doch im Grunde recht genau, was er tun kann. Aber er muss den Mut dazu haben. Wenn man sich immer duckt, nie über den eigenen Schatten springt, ist es nicht verwunderlich, wenn man keine Möglichkeiten mehr sieht.
"Gibt es überhaupt noch etwas zu malen, wenn es so weiter geht wie bisher?"
Das erste wäre demnach der Dialog.
Ja, aber dabei darf es natürlich nicht bleiben. Es muss auch entschieden werden. Wenn wir nur reden und andere anderswo entscheiden lassen, dürfen wir uns nicht wundern, dass unser Reden irrelevant wird. Das Reden darf kein Selbstläufer sein. Das Freiheitsprinzip des Miteinandersprechens muss in die Schulen, die Hochschulen, die Institutionen hinein getragen werden. Bis dort hin nämlich, wo die Entscheidungen getroffen werden. Die Kunst neigt ja dazu, sich einen Freiraum zu verschaffen. Und genau dieser Begriff von Freiraum oder Freizeit ist ja das genau Gegenteil von Freiheit. Das sind Wohlfahrtsphänomene oder Privilege, die sich im übrigen viele gar nicht leisten können. Das führt das oft zu Selbstdarstellung, die mich überhaupt nicht interessiert.
Der Sozialpsychologe Harald Welzer hat kürzlich in einem Gespräch mit uns geäußert: „Was wir im Moment haben ist eine unendlich passive, geradezu apathische Zivilgesellschaft, die sich dann aber darin gefällt, Politikerbashing zu machen. Sie können das auf allen politischen Handlungsfeldern sehen.“ Würden Sie dieser Einschätzung zustimmen?
Ich würde es anders ausdrücken. Aber ja, Apathie herrscht so ziemlich überall. Und man muss fragen, wie das zustande kommt. Apathie ist eine krankhafte Form von Demotivation, die ihre Ursache in einer inneren Lähmung hat. Woher kommt diese Lähmung, die Ohnmacht und Not? Und die Politiker: Ich werde deshalb keinen Politiker wählen, weil er mit meiner Stimme überfordert ist. Daraus entwickle ich sogar Mitleid. Ich sehe die Politiker und sehe Menschen, die überfordert sind und die ich nicht weiter damit strapazieren will, meine Stimme vertreten zu sollen. Ich kann mich dann immer noch darüber wundern, dass es Menschen gibt, die zu so etwas bereit sind, was ich einerseits kaum nachvollziehen kann, was mir andererseits verdächtig ist. Tatsache aber ist, dass wenn ich sie wähle, ich Teil der Misere und für sie mitverantwortlich bin. Und eben das lehne ich ab. Das wäre eine Delegierung von Verantwortung, die ich ablehne. Und weil das so ist, kann ich eben nicht daheim im Sessel sitzen und über die Politiker lästern. Also diese billige Nummer der Zuschauerdemokratie, die ich mitverursache, indem ich meine Stimme delegiere, will ich nicht. Ich drehe die Sache lieber um, indem ich sage, die Politiker sind mit meiner Stimme auf jeden Fall überfordert, weshalb ich sie nicht an sie abgegeben kann und darf.
Sind Sie zuversichtlich, dass der „Omnibus für Demokratie“, den Sie mitbegründet haben, fährt und ans Ziel bringt?
Der Omnibus wird uns natürlich nicht ans Ziel bringen. Wir müssen umgekehrt uns selbst, wir müssen den Omnibus ans Ziel bringen. Ob wir das tun werden, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich das tun werde. Und zwar solange, bis er am Ziel ist. Und ich möchte jeden einladen, dabei mitzuarbeiten. Omnibus bedeutet ja für alle, mit allen. Ob wir ans Ziel kommen werden, keine Ahnung. Ich kann nur meinen Teil dazu beitragen. Ich bin weder Optimist noch Pessimist. Ich bin einfach ein leidenschaftlicher Mensch. Ich bin deswegen ein leidenschaftlicher Mensch, weil ich nur unter der Bedingung der Leidenschaft - also der Motivation - überhaupt arbeiten kann. Ich bin nicht apathisch, nicht gelähmt. Eben weil ich weiß, dass man sich jeden Tag aufs Neue aus der Apathie befreien, sich selbst wachrütteln muss. Bei diesem Wachrütteln können die Menschen einander aber helfen. Wir brauchen eine Medizin gegen das Krankheitsbild Apathie.
Und was wäre in akuten Phasen der Apathie das richtige Gegenmittel?
Vor eben dieser Frage steht heute fast jeder Lehrer, jede Mutter. Es gibt darauf keine allgemeine Antwort. Ich kann nur sagen, dass unser System im Ganzen diese Apathie erzeugt. In den Schulen, den Hochschulen usw. ist die Apathie gewissermaßen das Lernziel. In diesen Einrichtungen wird ja die Kreativität der Menschen erst einmal ausgeschaltet. Als aller erstes in der schule wird ja eigentlich die Energiekrise erzeugt. Die Kinder kommen begeistert und erwartungsvoll in die Schulen und kriegen dann systematisch einen aufs Dach. Und was übrig bleibt, ist am Ende Apathie. Also: Die Krankheit muss behandelt werden am Gesamtorganismus. Ich kann den Einzelfall nicht behandeln, ohne das Ganze im Auge zu behalten.
Ihr Lehrer Joseph Beuys spielt eine sehr wichtige Rolle in Ihrem Leben. Was hat Sie so sehr beeindruckt an Beuys?
Ich war an der Kunstakademie in Düsseldorf angenommen worden. Und nach kurzer Zeit ziemlich ernüchtert von dem Ganzen. Es hat mich sogar angekotzt. Bis ich auf Beuys getroffen bin. Das war meine Rettung. Mein stärkster Eindruck war wohl die plötzliche Gewissheit, dass Beuys mein Lehrer ist. Er hatte sozusagen die Feuerprobe bestanden. Bei der ersten Begegnung mit Beuys, bei der ich ihn in einem großen Ringgespräch erlebte, hatte ich den überwältigenden Eindruck: „Mein Gott, das ist ja ein Mensch!“ Mir ist zum ersten Mal so emphatisch der Begriff Mensch aufgegangen. Ich wusste, dass er ein wirklicher Mensch ist. Aber ich wusste nicht, warum. Und das wollte ich unbedingt klären. Ich habe einfach gespürt, dass er der einzige Lehrer ist, der für mich zuständig ist. Ich habe gemerkt, dass er etwas weiß, was auch ich selber wusste. Aber er wusste noch mehr. Und ich wusste, dass es mein Schicksal sein wird, Beuys zu ergründen. Auf diesen Menschen kannst du dich nicht halb einlassen, war mir klar. Entweder oder.
"Wir brauchen eine Medizin gegen das Krankheitsbild Apathie."
Haben Sie das für sich klären können? Warum war Beuys für Sie in dieser außerordentlichen Weise Mensch?
Ich hatte mit Beuys eine Art Christus-Erlebnis. Natürlich nicht so, dass ich sage, Beuys war Christus. Aber ich sage, dass ich an ihm erfahren habe, was die Bestimmung des Menschen ist. Das war ein Geschenk, das ich mit großer Liebe und Dankbarkeit angenommen habe. Und mit allen Konsequenzen, die damit verbunden waren. Auch mit der Konsequenz, dass man sich daraus wieder befreien muss, sich von einer solchen Jahrhundertfigur wieder lösen muss. Dass man die eigene Existenz nicht verliert, nicht untergeht. Das Geschenk war für mich zugleich eine Verpflichtung. Die Verpflichtung nämlich, das Empfangene an andere weiterzugeben, das eigene Glück mit anderen zu teilen. Und eigentlich spricht man hier schon wieder über Aspekte der Kreativität. Lehrer und Schüler, Freiheit, Empfängnis und Produktion usw. - die Kreativität braucht immer beide Aspekte. Beim Denken muss man tätig sein, aber zugleich die Begriffe empfangen. Und diese Zusammenhänge müssen wir uns in Zukunft immer mehr bewusst machen. Die unbewusste Form, die wir hinter uns haben, ist dabei, abzusterben. Sie muss erneuert werden durch eine Bewusstseinsform.
Joseph Beuys (links) und Johannes Stüttgen
Wir müssen uns neuen Formen öffnen?
Wir müssen lernen, zuzuhören. Aber wir müssen noch mehr lernen. Ich muss den Willen haben zu hören, was der andere mir sagen will. Also nicht nur hören, was er sagt, sondern auch, was er sagen will. Ich muss ein Organ entwickeln für die innere Stimme des anderen. Eine Art liebender Dialog. Lieben in dem Sinne, dass ich ein Wahrnehmungsorgan für etwas im Gegenüber entwickle, was ihm selbst vielleicht noch gar nicht bewusst ist. Ich muss dem anderen also viel tiefer zuhören, als ich es konventionell tue. Und das erst ist überhaupt Liebe. Was die alten formen und Institutionen betrifft: Ich habe den Eindruck, dass sie mehr und mehr absterben. Ich sehe sehr viel Brüchigkeit, Doppelmoral, Unstimmigkeiten. In der Politik, in den Kirchen usw. Es fehlt mehr und mehr an Glaubwürdigkeit. Wir brauchen neue, glaubwürdige Formen. Zur Zeit spüren wir eine Art Vakuum, das gefüllt, mit Substanz ausgefüllt werden will. Und diese Substanz kann nur durch Inkarnation erzeugt werden, indem ich also nicht im Reden bleibe, sondern mich in den Stoff, die wahrhaftigen Begegnungen, die Aktionen hineinbegebe und daraus den neuen Stoff bilde. Und da sind wir dann wieder bei meinem Verständnis von dem angelangt, was Kunst ist oder sein soll.
Johannes Stüttgen ist Künstler und Autor. Er begann mit einem Studium der Theologie bei Joseph Ratzinger in Münster, um sich schließlich der Kunst zuzuwenden. Er studierte 1966 bis 1971 bei Joseph Beuys an der Düsseldorfer Kunstakademie, der ihn 1971 zum Meisterschüler ernannte. 1967 war Stüttgen an der Gründung der Deutschen Studentenpartei beteiligt. Im Jahr 1971 gründete er zusammen mit Joseph Beuys die „Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“. Seit 1987 organisiert Stüttgen als Gesellschafter den „Omnibus für direkte Demokratie in Deutschland“. Von 1992 bis 1993 war er als Gastprofessor an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg tätig. Stüttgen lebt als freier Künstler in Düsseldorf und ist Mitinitiator der Volksinitiative Schule in Freiheit.
Links:
http://www.schule-in-freiheit.de/
http://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_für_direkte_Demokratie_durch_Volksabstimmung
Interview: GAB