Die ökologische Krise der Gegenwart und die Philosophie
Ein Gespräch mit dem Philosophen Vittorio Hösle
Im Gespräch mit uns geht der Philosoph Vittorio Hösle den Ursachen der ökologischen Krise der Gegenwart, der Bedeutung von Kunst und Philosophie und den Handlungsmöglichkeiten der Politik nach.
Prof. Hösle, Sie fragen nach den geistesgeschichtlichen Ursachen der gegenwärtigen ökologischen Krise. Der amerikanische Historiker Lynn T. White sah sie in der jüdisch-christlichen Tradition und dem aus der Genesis abgeleiteten dominium terrae. Worin sehen Sie die Ursachen?
Lynn White hat natürlich recht, wenn er sagt, dass die jüdisch-christliche Tradition eine notwendige Bedingung für die Umweltkrise war. Im Rahmen der buddhistischen Weltanschauung hätte das Umweltproblem vermutlich nicht entstehen können. Aber das jüdisch-christliche Denken ist gewiss keine hinreichende Bedingung, weil ja nicht das frühe Christentum zur ökologischen Krise geführt hat. Es mussten also noch spezifisch neuzeitliche Rahmenbedingungen hinzutreten. Und diese Bedingungen haben im wesentlichen mit der Verwandlung der Natur in ein Netz von quantitativen Größen zu tun, die in funktioneller Abhängigkeit zueinander stehen. Dieses Weltbild entsteht nach einer Vorbereitung im 14. Jahrhundert erst im 17. Jahrhundert mit René Descartes. Dieses Weltbild ist auch verbunden mit der christlich-universalistisch begründeten Hoffnung, auf diese Weise einige der großen Probleme der Menschheit lösen zu können. Das neuzeitliche Programm ist keineswegs unsympathisch: man wollte etwa Krankheiten und Armut bekämpfen. Und die Erfolge auf diesem Weg sind ja in der Tat außerordentlich beeindruckend. Gleichzeitig gibt es von Anfang an unnatürliche, geradezu grausame Aspekte, die man sich vom Fortschritt der neuen Wissenschaften erhoffte: bei Francis Bacon etwa bessere Foltergeräte, um die zweckrationalen Ziele auch im Bereich der Beherrschung der Mitmenschen erreichen zu können.
"Ich denke, dass die Philosophie heute ebenso unersetzlich ist, wie sie es in der Antike war."
In geistesgeschichtlicher Perspektive stellt sich die ökologische Krise demnach als ein kulturelles Problem dar?
Ohne bestimmte Veränderungen in der Art und Weise, wie der Mensch die Welt kategorisiert und bewertet – und eben darin besteht ja das Wesen der Kultur – wäre es zu der Umweltkrise in planetarischem Umfang nicht gekommen. Natürlich haben auch frühe Kulturen vielfach Raubbau an der Natur begangen. Man darf das keineswegs idealisieren. Denken Sie an die Rodung der Wälder in Italien, um den römischen Schiffsbau zu ermöglichen. Oder Fälle von durch Überbevölkerung bedingte Katastrophen in primitiven Gesellschaften. Aber es handelte sich hier um lokale Krisen, bei denen die Natur unmittelbar zurückschlug. Die Möglichkeit, globale Katastrophen herbeizuführen, bestand damals nicht. Das setzt einen ganz anderen Grad von Technisierung voraus, als er in der Vormoderne möglich war.
Man hört häufig von einem „technologiedeterministischen Fehlschluss“ sprechen in diesem Zusammenhang. Sie würden das eher zurückweisen und der Technologie eine erhebliche Rolle zusprechen, wenn wir nach den Ursachen von kulturellen und sozialen Umwälzungen fragen?
Die Technologie spielt gewiss eine wichtige Rolle. Aber nicht sie allein. Arnold Gehlen hat zu Recht das Wesen der Moderne in der Superstruktur gesehen, d.h. der Triade von Wissenschaft, Technik und Kapitalismus. Sie müssen also auch über den Kapitalismus nachdenken. Technische Entdeckungen hat es ja schon früher vielfach gegeben. Aber es fehlte jeder Wille, sie umfassend zu verwerten. Und eben der Verwertungswille der technischen Entdeckungen ist das Entscheidende. Ohne diesen prononcierten Verwertungswillen gäbe es die moderne industrielle Zivilisation nicht. Was Arnold Gehlen meines Erachtens unterschätzt hat ist, dass hinter all dem auch ein bestimmtes ethisches Ideal existiert, und zwar ein durchaus ehrenwertes, universalistisches Ideal. Man will im Prinzip allen Menschen bestimmte Segnungen zukommen lassen. Und dazu bedarf es eben einer planmäßigen Umgestaltung unserer Lebenswelt.
Aber dieses Ideal ist in Gefahr, in sein Gegenteil umzuschlagen?
Das kann sehr wohl passieren und ist ja teilweise bereits geschehen. Und wird im Fortgang des 21. Jahrhunderts noch wesentlich häufiger Naturkatastrophen zur Folge haben. Das wird exponentiell zunehmen.
"Der Politiker wird normalerweise gewählt, eben weil er in überdurchschnittlicher Weise durchschnittlich ist."
Lassen sich solche kulturell bedingten Probleme, die mit der Kategorisierung von Wirklichkeit, der Wahrnehmung von Wirklichkeit überhaupt zu tun haben, auf politischem Wege einer Lösung zuführen?
Das ist eine sehr interessante Frage. Man muss wohl sagen: Ja und Nein. Zunächst einmal nein, weil die Politiker selber ja von den Kategorien bedingt sind, mit denen sie aufgewachsen sind. Und sie sind auch nur deswegen gewählt worden, weil ihre kategoriale Erklärung der Wirklichkeit der der Mehrheit der Menschen entspricht. Die meisten Politiker sind wahrhaftig keine Intellektuellen und es wäre naiv zu erwarten, dass ein Politiker kategorial sehr viel weiter ist als der Durchschnittsmensch. Der Politiker wird normalerweise gewählt, eben weil er in überdurchschnittlicher Weise durchschnittlich ist. Er vertritt im wesentlichen das Wertsystem des Durchschnittsbürgers, aber er hat im Unterschied zum Durchschnittsbürger das notwendige Sitzfleisch, um von morgens bis abends Meetings durchsitzen zu können. Zwischendurch hält er Vorträge, die mit Gemeinplätzen gefüttert werden. So funktioniert ein Politiker. Politiker sind oft weder besonders subtile noch besonders nachdenkliche Menschen. Gewiss gibt es grandiose Ausnahmen. Aber diese Ausnahmen scheitern für gewöhnlich früher oder später. Zugleich meine ich allerdings, dass die Politik häufig hinter dem eigenen Rücken und ohne langfristige Planung Weichenstellungen bestimmt, die dann langfristig zu Kategorienverschiebungen führen können.
Fallen Ihnen Beispiele ein?
Etwa die Entstehung der Partei Die Grünen ist ein interessantes Beispiel. Hier hat ein neues Kategorien- und Wertsystem zu einer Veränderung politischer Sensibilitäten geführt. Und dabei spielte auch die Philosophie eine gewisse Rolle. Hans Jonas war wohl in gewisser Hinsicht einer der einflussreichsten Philosophen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er hat es geschafft, dass das Umweltproblem zumindest in Europa (interessanterweise in den USA nicht in gleichem Maße) zu einem zentralen Politikum geworden ist. Die Ursachen dafür sind überaus komplex. Die Sensibilisierung der Deutschen für die Umweltfrage ist meines Erachtens paradoxerweise auch eine Kompensation für die Verbrechen der Deutschen. Der Wunsch jedenfalls, in besonderer, hervorgehobener Weise etwas Gutes zu tun, hat kompensatorische Züge, scheint mir. Ich denke, dass das hintergründige Faktoren sind, die erklären, warum sich der Umweltgedanke in Deutschland mehr durchsetzen konnte als in anderen Ländern. Der Wille, moralisch zu sein, ist in Deutschland nach 1945 aus nahe liegenden Gründen ausgeprägter als in Frankreich.
Sie sprechen von Kompensation, was in gewisser Hinsicht zu meiner nächsten Frage und der Rolle der Philosophie überleitet. Der Philosoph Odo Marquard beschreibt die Geschichte der Philosophie als Geschichte des fortschreitenden Kompetenzverlusts: zunächst ein Kompetenzverlust an das Christentum, dann einer an die exakten Wissenschaften, schließlich einer an die Politik. Am Ende stehe eine sich selbst überlebt habende Philosophie als „Inkompetenzkompensationskompetenz“. Hat er recht?
Natürlich hat er nicht recht. Es mag für ihn zutreffen, dass er die eigene Tätigkeit so empfindet. Aber ich denke, dass die Philosophie heute ebenso unersetzlich ist, wie sie es in der Antike war. Auch sind Marquards Erklärungen nur teilweise korrekt. Das Christentum etwa hat ja nicht den Erklärungsanspruch der Philosophie abgelöst. Vielmehr hat eine philosophische Durchdringung des Christentums stattgefunden. Und nur dank dieser Durchdringung der religiösen Erfahrungen, die von Jesus von Nazareth ihren Ausgang nehmen, hat das Christentum eine Chance gehabt, zur beherrschenden Weltanschauung der Spätantike und des Mittelalters zu werden und das Abendland zu gestalten. Die Philosophie hat also sehr wohl das Christentum in entscheidender Weise transformiert. Ebenso ist die moderne Wissenschaft ohne die „Oxford Calculators“ des 14. Jahrhunderts, insbesondere aber ohne Francis Bacon und René Descartes gar nicht denkbar. Erst diese Denker haben so etwas wie die philosophische Legitimation der theoretischen Verfahrensweise der Wissenschaft wie auch ihrer praktischen Ziele geliefert. Und diese Ziele sind immer leitend gewesen. Und dass am Ende die Philosophie geradezu vor der Politik kapituliert habe, ist eine lächerliche Behauptung. Die Politik kann letzte Ziele nicht selbst bestimmen. Wir haben im Gegenteil immer wieder gesehen, dass durch philosophische Fragestellungen im kulturellen System Impulse gesetzt werden, auf die das Subsystem Politik reagieren muss.
"Die Politik kann letzte Ziele nicht selbst bestimmen."
Braucht es nur „pragmatische Lösungen“ für unsere Probleme? Oder können wir unsere Probleme nur lösen, indem wir mehr formulieren und praktizieren als so genannte „pragmatische Lösungen“? Brauchen wir neben den „kleinen Schritten“ die „großen Entwürfe“, „Utopien“?
Ich glaube in der Tat, dass wir darauf nicht verzichten können. Denn die kleinen Schritte brauchen ja eine Richtung, müssen irgendwohin gehen. Sie brauchen eine Richtung, um sich nicht zu verlaufen. Wenn wir keine Vorstellung davon haben, wie die Welt in 100 Jahren aussehen sollte, sind die kleinen Schritte und pragmatischen Lösungen vielleicht nicht nutzlos, aber stehen unter dem Generalvorbehalt der Orientierungs- und Ziellosigkeit. Wir brauchen daher sehr wohl den Generalentwurf einer gerechten Gesellschaft. Allein das kann legitimieren, dass wir bestimmte Investitionen in bestimmte Umwelttechnologien usw. vornehmen, was in der Tat dringend notwendig sind.
Sie konstatieren eine allgemeine „Sinnleere“ und fragen in ethischer Hin- und Absicht: „Wie kann das Vakuum, in dem die Menschheit derzeit lebt, gefüllt werden?“ Haben Sie eine Antwort?
Die Philosophie kann natürlich versuchen, eine Weltanschauung zu skizzieren, die davon ausgeht, dass Werte nicht einfach subjektive oder kulturelle Erfindungen sind, sondern das Wesen der Wirklichkeit. Ich halte den moralischen Realismus, der alle Weltreligionen beflügelt hat, auch heute noch für eine völlig plausible, wenn auch nicht einfach zu artikulierende, zu vermittelnde philosophische Vision. Offenkundig ist allerdings, dass die meisten Menschen für derartige Überlegungen weder die Geduld noch die notwendige Subtilität aufzubringen vermögen. Eine wichtige Aufgabe der Kunst war es immer, die Menschen darauf hinzuweisen, dass die sinnliche erfahrbare Wirklichkeit auf Übersinnliches hinweist. Und ich halte es für eine großes Problem unserer Zeit, dass wir weder große Philosophen noch viele große Künstler haben. Die Fähigkeit großer Kunst indessen, neue Werte zu vermitteln, ist außerordentlich. Wenn wir fragen, ob die Politik die Kultur bestimmen kann oder nur auf kulturelle Reize reagiert, so möchte ich Ihnen zwei Beispiele geben: Es hat einige sehr große Herrscher gegeben, die bestimmte Künstler stark gefördert haben, weil sie zu Recht gespürt haben, dass sie derart eine Sensibilisierung für bestimmte moralische Fragestellungen erreichen konnten. Denken Sie an Augustus, der einerseits die Ara Pacis als Bildkunstwerk hervorbringt, das ein bestimmtes Wertesystem im Übergang zum Prinzipat vermitteln soll, und der andererseits große Künstler wie Vergil um sich versammelt, dessen Werk eine durchaus komplexe Reaktion, nicht lediglich eine imperialistische Verherrlichung von Roms Sendung darstellt. Immer wieder kann die Kunst unser Wertsystem verändern. Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass einer der Gründe, warum es in England gelang in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die schrecklichen Auswüchse des Manchester-Kapitalismus zu bändigen und einen anständigen Kapitalismus hervorzubringen, das große Werk Charles Dickens' war. Dickens hat wie kaum ein anderer die Menschen für die soziale Frage sensibilisiert und verdeutlicht, dass eine Gesellschaft, in der bestimmte Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten vorkommen, sich schwerlich christlich nennen darf. Insofern sollten wir uns wünschen, dass wir einen Dickens für das Zeitalter der ökologischen Krise bekommen.
Sie glauben also an die soziale Gestaltungskraft der Kunst?
Ich glaube, wie gesagt, nicht, dass wir in einer Glanzzeit der Kunst leben, mitnichten. Aber wenn ich die Geschichte der abendländischen Kunst betrachte, so habe ich keinen Zweifel, dass die Kunst zur Humanisierung einen enormen Beitrag geleistet hat.
"Die Fähigkeit großer Kunst, neue Werte zu vermitteln, ist außerordentlich."
„Werte sind etwas, was an sich existiert. Werte sind etwas, das, wenn Sie so wollen, in einem göttlichen Geist vorgeprägt ist und an dem wir uns zu orientieren haben. Und Werte sind nicht das, was wir selbst nach Belieben schaffen und machen.“ Wie meinen Sie das? Werte sind also nicht einfachhin soziokulturelle, zeit- und ortsabhängige Variablen? Gibt es normative Kriterien jenseits der Gesellschaft?
Das Wort Wert ist ambivalent. Es meint nämlich zwei ganz verschiedene Dinge. Wenn etwa Max Weber eine Wertsoziologie entwirft, meint er natürlich die Vorstellungen, die Kollektiva bei ihren Handlungen leiten, wenn er von Werten spricht. Ich hätte kein Problem, von den Werten der Gestapo zu sprechen. Natürlich hatte die Gestapo bestimmte Werte, die Elimination von Staatsfeinden zum Beispiel, Rassenreinheit usw. Das waren die Vorstellungen, die sie bei ihren durchaus effizienten Handlungen, bei der Durchsetzung der genannten Ziele angeleitet haben.
Dieser soziologische Wertbegriff ist demnach in moralischer Hinsicht neutral?
So ist es. Und die Soziologie braucht auch einen so gefassten, moralisch neutralen Wertbegriff. Auch die Ökonomie. Die Werttheorie war eben die Frage, was eine Sache wert ist. Und der Wert bestimmt sich, wie wir aus der ökonomischen Theorie wissen, etwa anhand der Nachfrage. Wenn es eine Nachfrage nach Pornographie gibt, steigt der Preis pornographischer Artikel. Das ist ein wertfreier Wertbegriff, der lediglich die faktischen Werthaltungen von Menschen beschreibt. Aber als moralischer Mensch, der auch ethischen Untersuchungen nachgeht, stelle ich mir natürlich die Frage, ob alle Werte, die ja vielfach unter einander inkompatibel sind, gleich gut und gleich wertvoll sind. Die Antwort ist uns allen klar: Natürlich nicht. Einige Werte sind wertvoller als andere. Und wenn ich wertvoller sage, so kann ich mich selbstverständlich nicht darauf berufen, dass sie besonders verbreitet sind. Es geht nicht darum, dass ich die verschiedenen historisch tradierten Werte daran messe, was sich de facto durchsetzt. Es hängt bekanntlich von vielen Zufällen ab, welche Werte sich durchsetzen, ob scheussliche oder nicht. Hätte Hitler die Atombombe bereits 1943 gehabt, wäre die Weltgeschichte wahrhaftig anders verlaufen. Daraus folgte aber eben mitnichten, dass die Werte des Nationalsozialismus die moralisch richtigen waren. Und ich sehe gar keine andere Möglichkeit, die Werte der Kulturen kritisch zu hinterfragen, ohne auf so etwas zurückzugehen wie einen „Werteplatonismus“. Also ohne die Überzeugung, dass es an sich seiende, ursprüngliche Werte gibt, denen sich die empirisch realisierten Werte in den verschiedenen menschlichen Kulturen in einem langen historischen Prozess annähern.
Für Sie sind diese Werte also keine „Glaubenssache“, die man annehmen oder zurückweisen kann, sondern Entitäten, für die es empirische Hinweise gibt?
Nun, empirisch ist nicht der richtige Ausdruck. Ich glaube nicht, dass man die Grundprinzipien der praktischen Vernunft auf Empirie gründen kann. Genau das eben geht nicht. Auf Empirie kann man die Soziologie oder die Ökonomie gründen. Ich glaube vielmehr, dass es eine apriorische praktische Vernunft gibt, die der letzte Geltungsgrund unserer Überzeugung von der Objektivität der Werte ist.
Wo wir bei den Werten sind: Hans Jonas suchte der Natur eine intrinsische Werthaftigkeit beizulegen. Können Sie dieser viel gescholtenen Betrachtungsweise folgen?
Ich denke sehr wohl, dass es sehr wichtig ist, die intrinsische Werthaftigkeit der Natur wieder empfinden zu lernen, will man das Umweltproblem umfassend lösen. Wenn Menschen nur aus Respekt vor kommenden Generationen von Umweltzerstörungen Abstand nehmen, geschähe das gewissermaßen moralisch viel gehemmter, als wenn sie unmittelbar die Verstümmelung der Natur als etwas Ungehöriges, Unanständiges begreifen, als etwas, das sich nicht gehört, weil dadurch Werte zerstört werden, die die Evolution in einer ungeheuer langen und komplexen Arbeit aufgebaut hat. Die Zerstörung einer Art, die in einzelnen Fällen unvermeidlich sein mag, ist in hohem Maße rechtfertigungsbedürftig. Und das nicht nur um der kommenden Generationen willen, weil also Spätere einen Nutzen von dieser Art haben mögen, sondern ganz unabhängig von dem möglichen Nutzen für kommende Generationen ist es traurig, wenn die Biodiversität verlorengeht, weil die Biodiversität eben schon in und durch sich selbst eine Wertfülle organischer Möglichkeiten darstellt, die etwa eine Autobahn, der diese Fülle mitunter weichen soll, nicht in gleichem Maße hat. Es mag sein, dass man in Einzelfällen von diesem Prinzip abweichen muss, aber es muss dem jedenfalls ein komplexer Abwägungsprozess vorausgehen. Ceteris paribus gehe ich davon aus, dass die Arten erhalten bleiben sollen.
"Ich glaube nicht, dass man die Grundprinzipien der praktischen Vernunft auf Empirie gründen kann."
Es braucht also mehr als ein bloßes zweckrationales Unterlassen, nämlich eine Art „ökologische Naturästhetik“, eine neue Wahrnehmungslehre der Natur, ein verändertes mentales Verhältnis zur Natur, wie der Philosoph Gernot Böhme sagt?
Unzweifelhaft ist es von enormer Wichtigkeit, eine Fähigkeit für die Wahrnehmung der Schönheit der Natur zu haben. Ich denke, dass ohne diese ästhetische Fähigkeit das Motivationsproblem letztlich nicht zu lösen sein wird. Diese Fähigkeit wird aber wohl nicht nur durch Ästhetik geschult, sondern auch durch eine bestimmte Naturmetaphysik. Die religiöse Deutung der Natur als Schöpfung, als Manifestation und künstlerischer Ausdruck eines absoluten Geistes eine sehr gute Grundlage ist für einen respektvollen Umgang mit der Natur. Die Schöpfungstheologien mögen bisweilen naiv formulieren, aber der Gedanke, der sich darin ausdrückt, ist ein überaus subtiler Gedanke, nämlich der, dass die Natur nicht einfachhin „geistfeindlich“ ist, sondern dass in der Natur selbst der göttliche Geist eine erste Ausdrucksform findet.
Was können wir vom griechischen Begriff pleonexia lernen, wenn wir über unsere gegenwärtige Verschwendungsökonomie nachdenken?
Pleonexie ist ja in der Antike der Wunsch, mehr zu haben. Und der Wunsch, mehr und mehr zu haben, ist in der antiken Ethik ein Charakteristikum des vulgären Menschen, nicht des Aristokraten. Und unzweifelhaft ist ein wertvoller Mensch der, der sagen kann: Genug ist genug! Jetzt reicht es! Fürst Kraft ist im gleichnamigen Gedicht von Gottfried Benn ruft: „Genug ist nicht genug!“, womit er sich gewissermaßen als Vertreter der Pleonexie zeigt.
"Die Schöpfungstheologien mögen bisweilen naiv formulieren, aber der Gedanke, der sich darin ausdrückt, ist ein überaus subtiler Gedanke."
Wo sehen Sie die Grenzen der viel (und teilweise wohl zu Recht) gerühmten „Selbstregulation des Marktes“?
Unzweifelhaft ist es eine der großen Entdeckungen des 18. Jahrhunderts, dass es so etwas wie selbstregulierende Kräfte des Marktes gibt. Das ist eine Vorstellung, die es in der Antike noch nicht gab. In letzter Zeit hat mich eine sehr interessante Fragestellung beschäftigt: Dass nämlich der ökonomische Diskurs viel später entsteht als der moderne physikalische. Adam Smith lebt und schreibt fast 100 Jahre nach Isaac Newton. Dabei setzt aber Newtons „Principia Mathematica“ eine viel komplexere Mathematik, nämlich die Infinitesimalrechnung, voraus als Adam Smiths Überlegungen. Gleichwohl wird die moderne Ökonomie etwa 100 Jahre später begründet als die moderne Physik. Der Grund ist ganz einfach. Es ist nahe liegend anzunehmen, dass die Natur nach bestimmten allgemeinen Gesetzen verläuft, die nicht bewusst befolgt werden, die wir aber als sie treibend erkennen können, während es im Fall der Ökonomie eben nicht nahe liegt anzunehmen, dass menschliches Verhalten einer Logik gehorcht, die über die Intentionen der Akteure hinausgeht. Das ist das eigentlich Verblüffende. Und diese Entdeckung ist neu. Natürlich haben die Menschen schon vorher gewusst, dass es unbeabsichtigte Konsequenzen menschlicher Handlungen gibt. König Ödipus will nicht seinen Vater töten, als er auf dem Weg nach Delphi im Handgemenge einen Mann tötet. Aber er tut es eben dennoch. Doch die Entdeckung des 18. Jahrhunderts besteht darin, dass aus diesem Gewebe unbeabsichtigter Konsequenzen unseres Handelns ein eigenes soziales System entsteht, das einer eigenen Logik unterliegt. Diese Entdeckung hat natürlich die ethischen Fragen schwieriger gemacht, als sie es vorher waren. Man konnte nunmehr sagen: Wir akzeptieren das Laissez-faire des ökonomischen Egoismus, insofern die unbeabsichtigten Konsequenzen dieses an sich moralisch wenig attraktiven Impulses darin bestehen, dass eine größere Zahl von Menschen aus der Armut befreit wird. Das ist im wesentlichen das Argument von Bernard de Mandeville in seiner berühmten „Bienenfabel“, indem er sagte, dass eigentlich das „Laster“, eben der Egoismus, die Quelle auch des Gemeinwohls sei. Natürlich ist das nur dann der Fall, wenn die Rahmenbedingungen richtig gesetzt sind. Daher dürfen eben die Rahmenbedingungen nicht den Regeln des Marktes unterworfen sein. Wenn der Markt nämlich einmal auf den Geschmack kommt, überhaupt alles dem Kriterium des rationalen Eigennutzes zu unterwerfen, so liegt nichts näher, als dass man versucht, auf die „feine“ Weise, nämlich durch Lobbyisten, oder auf unverhohlene Weise, nämlich durch Bestechungen, die Rahmenbedingungen derart zu ändern, dass man selbst bestimmte Vorteile hat. Dadurch wird aber der Markt selbst untergraben, denn der Markt funktioniert nur, wenn es einen Hüter des Marktes gibt, der selbst nicht nach der Marktlogik funktioniert. Der Richter, der einem das Produkt der eigenen Arbeit zuspricht, zerstörte den Markt, wäre er käuflich, weil niemand, der ökonomisch schwächer ist, ein Motiv hätte, sich auf einen Arbeitsvertrag einzulassen, wenn er wüsste, dass er durch einen korrupten Richter der Früchte seiner Arbeit beraubt werde kann.
Und die Rahmengestaltung ist der ordnungspolitische Auftrag einer unbestechlichen Politik?
In der Tat. Und man kann seine Zweifel haben, ob dieser unbestechliche Richter überhaupt noch existiert im heutigen politischen System. Gleichzeitig bin ich der Meinung, dass es naiv ist zu meinen, das Problem lasse sich durch eine bloße Vermehrung der staatlichen Eingriffe in das Wirtschaftsleben lösen. In diesem Punkt glaube ich dann doch mehr an den Markt als die meisten Deutschen. Schauen Sie sich die Bankenkrise an: Die auf geradezu skandalöse Weise durch Fehlverhalten aufgefallenen Banken waren vielfach Landesbanken, sozusagen Ministerpräsidenteninstitute.
Und daraus folgt Ihres Erachtens was?
Daraus folgt, dass wir streng unterscheiden müssen zwischen der Pflicht des Staates, Rahmenbedingungen zu setzen, und seinem konkreten Eingreifen in das Marktgeschehen. Ich denke, dass es besser ist, wenn der Staat wenig in das Marktgeschehen eingreift. Wenn er nämlich eingreift, ist er immer häufiger nicht zur Sache gehörenden Einflüsterungen und außersachlichen Erwägungen zugänglich. Denn er hat ja selber bestimmte wirtschaftliche Interessen. Die Ordnungspolitik ist desto objektiver, je weniger der Staat konkrete wirtschaftliche Aufgaben wahrnimmt. Ich war daher für die meisten Privatisierungen der letzten Jahrzehnte, wobei festzustellen ist, dass dabei viele Fehler gemacht worden sind.
„Denn so effizient der Markt auch ist als Allokationsinstrument, der Markt führt immer nur dazu, dass die Bedürfnisse derjenigen mit Zahlungskraft befriedigt werden können. Kommende Generationen haben aber nun einmal keine Zahlungskraft.“ Was folgt daraus in ethischer Perspektive?
In ethischer Perspektive folgt daraus, dass Umweltsteuern vollkommen gerechtfertigt sind. Umweltsteuern antizipieren gewissermaßen die Nachfrage nachkommender Generationen. Wären nämlich die späteren Generationen bereits da, so ginge die Nachfrage nach knappen Gütern nach oben und letztere würden sich damit verteuern. Und genau das ist die einzige Möglichkeit, Menschen dazu zu bringen, achtsam mit endlichen Ressourcen umzugehen.
"Die Ordnungspolitik ist desto objektiver, je weniger der Staat konkrete wirtschaftliche Aufgaben wahrnimmt."
Umweltsteuern wären demnach sozusagen der in die Gegenwart geholte Repräsentant zukünftiger Generationen?
Genau. Meine metaphysische Rechtfertigung der Umweltsteuern besteht eben darin, dass sie gerechtfertigt sind als Antizipation der Nachfrage kommender Generationen. Das große Problem ist aber, dass kommende Generationen ja nicht nur keine Kaufkraft haben, sondern auch kein Stimmrecht. Und eben deshalb werden sie nicht nur im Subsystem der Wirtschaft, sondern auch im Subsystem der Politik in der Regel sträflich vernachlässigt.
“Die Politik holt sich heute nicht die Ziele bei der Kultur, sondern bringt sie mit und teilt sie aus“, meinte Robert Musil. Wie sehen Sie das Verhältnis heute?
Ich würde es ähnlich beurteilen. Ich glaube tatsächlich, dass die meisten Politiker intellektuell nicht in der Lage sind, sich wirklich mit großen Zielen auseinanderzusetzen. Sie sind Getriebene. Für aufwendige Lektüre haben sie gar keine Zeit, weil sie von Termin zu Termin hetzen. Und das von frühester Jugend an in den Jugendorganisationen der Parteien. Sie entwickeln dabei einen Instinkt, wie man innerparteilichen Gegnern ein Bein stellen, die eigene Karriere voranbringen kann usw. Darin sind sie vielfach unübertrefflich gut. Aber die Fähigkeit, sich von Werten inspirieren zu lassen und sie weiterzuentwickeln, ist wenig ausgeprägt in der politischen Klasse. Insofern ist die heutige Politikerklasse keine, die zu allzu großen Hoffnungen Anlass gibt. Wenn ich an Staatsmänner vom Kaliber Helmut Schmidts oder Theo Waigels denke und mit denen das heutige Personal vergleiche, wenn ich sehe, wie man Horst Köhler weggemobbt hat, bin ich nicht allzu optimistisch.
Dr. Vittorio G. Hösle ist Paul Kimball Professor of Arts and Letters an der University of Norte Dame und zugleich Professor für Philosophie und Politikwissenschaft. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der systematischen Philosophie (Metaphysik, Ethik, Ästhetik, politische Theorie) und der Philosophiegeschichte der Antike und der Moderne. Prof. Hösle ist Verfasser zahlreicher Bücher, die sich mit philosophiehistorischen Zusammenhängen, mit Fragen der praktischen Philosophie und den Ursachen der ökologischen Krise auseinanderzusetzen:
Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie (München: Beck, 1990), Philosophie der ökologischen Krise (München: Beck, 1991), Praktische Philosophie in der modernen Welt (München: Beck, 1992), Moral und Politik - Grundlagen einer Politischen Ethik für das 21. Jahrhundert (München: Beck, 1997), Philosophie und Öffentlichkeit (Würzburg: Königshausen & Neumann, 2003), Der philosophische Dialog (München: Beck, 2006).
Interview: GAB