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Honoré Victorin Daumier: Das Volk, der Souverän, Le Peuple Souverain, 27.05.1872; Standort: Bibliothèque Nationale de France, Cabinet des Estampes, Paris.
30.11.2010

Die "ungesellige Geselligkeit" des Menschen

Ein Gespräch mit dem Philosophen Otfried Höffe über Mensch und Gesellschaft

Prof. Höffe, warum braucht der Mensch Gesellschaft? Inwiefern ist der Mensch ein soziales Wesen?

 

Der Mensch kommt als hilfsbedürftiges Wesen auf die Welt und bleibt für lange Zeit gewissermaßen ein Nesthocker. Je entwickelter die Kultur ist, in der der Mensch lebt, desto länger dauert es, bis der Mensch sich selbstständig und selbstbewusst in der Welt bewegen kann. Der Mensch ist nämlich ein Lebewesen, das der Erziehung, Bildung und Ausbildung bedarf, die wiederum in entwickelteren Gesellschaften mehr Zeit benötigen. - Mögen auch die (Kantischen) Begriffe etwas abgenutzt klingen, der Mensch braucht Disziplinierung und Kultivierung, also die Entfaltung seiner Talente und Fähigkeiten, dabei soziale Anerkennung und schließlich eine Moralisierung. Nun ist die Anerkennung ein rares Gut, weshalb es – wie Hegel sagt – den „Kampf um Anerkennung“ gibt. Innerhalb dieses „Kampfes“ bildet sich der Mensch mit seinesgleichen, teilweise eben auch in Absetzung von seinesgleichen. Denn im Sozialen geht es nicht nur um eitel Liebe und Freundschaft, sondern es treten vielfältige Konflikte auf. Dafür braucht es einen regulativen Rahmen, der verhindert, dass die Konflikte ausufern und am Ende lediglich die Macht des Stärkeren den Sieg davon trägt. Die deshalb erforderliche Überwindung des bloß Privaten, der privaten Ansichten und Konfliktlösungen, nennen wir eine Rechtsordnung, ein Gemeinwesens oder einen Staat. In diesem Sinn ist der Mensch ein zoon politikon: ein zur polis, zur Selbstbestimmung in der polis begabtes, dieser Selbstbestimmung aber auch bedürftiges Wesen.

 

 

"Der Mensch braucht Disziplinierung und Kultivierung."

 

 

Was lehren uns die Erkenntnisse der historischen und philosophischen Anthropologie, wenn wir über Fragen des sozialen Wandels nachdenken? Sind wir als Menschen nicht geradezu konstitutionell zur Offenheit, zum Wandel bestimmt? Welche Rolle spielt hier die Kultur?

 

Ich unterscheide zwischen Offenheit und Wandel: Der Mensch ist außerordentlich weltoffen, außergewöhnlich form- und bildbar. Wenn man indessen einen Blick in in die historische Anthropologie wirft, so wird man feststellen, dass es Kulturen gibt, die über sehr lange Zeiträume sich kaum verändert haben. Der Übergang von der Weltoffenheit zum Wandel ist typisch für das Abendland; hier und in besonderer Weise in der Neuzeit herrschen ein Interesse und ein Wille zum Wandel vor. Große Autoren wie Francis Bacon tragen dazu bei, daß im 16. Jahrhundert der Wandel zum Prinzip erhoben wird.

 

Anhand welcher Kriterien entscheiden wir, welche Gesellschaft wir brauchen?

 

Ob wir tatsächlich Kriterien vor Augen haben oder Gesichtspunkte und Maßstäbe, nach denen sich eine Gesellschaft bewußt ausrichtet, dürfte zweifelhaft sein. Versteht man aber „Kriterien“ im weiteren Sinne so, dass man nicht bewusst gefällte Wahlakte meint, dann gehören zu den Kriterien sicherlich die Überlebensfähigkeit einer Gesellschaft, ferner dass wir in einer Gesellschaft angenehm und sicher, nicht zuletzt, dass wir gerecht leben wollen. Die Kriterien gehen also vom bloßen Überleben über Fragen der Sicherheit, auch des Komforts bis hin zu Fragen nach einem guten und gerechten Leben.

 

 

"Der Übergang von der Weltoffenheit zum Wandel ist typisch für das Abendland."

 

 

Die Theorie der Institutionen spielt in der Sozialphilosophie eine wichtige Rolle. Arnold Gehlen etwa sah in ihnen geradezu das „Sozialzement“ der Gesellschaften. Wie würden Sie die Rolle der Institutionen bewerten? Und in welchem Verhältnis stehen sie zu sozialem Wandel, zu notwendigen Adaptations- und Anpassungsleistungen der modernen (pluralen) Gesellschaft?

 

Ich kann gerne unterstützen, dass die Institutionen eine bedeutende Rolle spielen. Allerdings stammen die Arbeiten Gehlens, die ich sehr schätze, aus den 40er und 50er Jahren des letzten Jahrhunderts und sind später in den Hintergrund gedrängt, auch desavouiert worden. Insofern ist es auch ein Anliegen meiner Sozialphilosophie gewesen, den Institutionen wieder zu ihrem Recht zu verhelfen. Institutionen jedenfalls sind eine Art Rahmen, ein – wie Gehlen sagte - „Außenhalt“, dessen der Mensch aufgrund seiner Offenheit und Gefährdetheit bedarf. Diese institutionellen Vorgaben indessen sind ihrerseits – und das darf man nicht vergessen – einem Wandel unterworfen. Sie brauchen nur auf die Familie, die Schule, die Hochschule, den Staat zu schauen. Gleichwohl ist aus der Perspektive der historischen Anthropologie wiederum zu konstatieren, dass der Wandel in manchen Gesellschaften weitaus geringer ist als es in unseren Gesellschaften der Fall ist. Und die Bundesrepublik Deutschland ist eine Gesellschaft, die sich – manch anders lautendem Gerede zum Trotz! - als sehr wandelbar und wandlungswillig erwiesen hat.

 

Also ist es für eine Gesellschaft hinsichtlich des Wandels wichtig, wie die Akzente gesetzt werden, wie Wandel bewertet wird? Gehlen etwa entwirft eine sehr rigide Institutionentheorie, deren Akzent eindeutig auf Konstanz und Statik liegt, nicht auf Dynamik und Wandel...

 

Nun, Gehlen hatte einen sehr weiten Begriff von Institutionen zugrunde gelegt, dem ich nicht folge. Ich denke, man muss hier klar unterscheiden. Die Philosophie hat seit der Antike den Begriff der Tugend, der guten Einstellung, aber daneben auch den neutralen Begriff der hexis, des Habitus, der Disposition, man kann auch sagen des Charakters gebildet. Der Begriff der hexis trifft einen Aspekt von Gehlens Auffassung der Institutionen recht gut: Wir entwickeln uns im Laufe des Lebens durch Einüben und Gewöhnen zu einer Persönlichkeit, die dann für andere eine gewisse Vorhersehbarkeit entfaltet. Das aber betrifft den Innenhalt, der vom Außenhalt zu unterscheiden ist. Gleichwohl wirken diese Elemente wechselseitig aufeinander ein. Sonst gäbe es eben die Institutionen der Ehe und Familie, der Kliniken, der Schulen usw. nicht. Und derartige Institutionen geben den Individuen einen bestimmten Rahmen, in dem sie sich entwickeln und gegen den sie auch opponieren können.

 

Im Rahmen der Demokratietheorie, der Frage nach sozialem Zusammenhalt und sozialem Wandel spielen Kommunikation, kommunikatives Handeln, Diskurs usf. eine entscheidende Rolle. Solches Aushandeln ist infinit, kommt konsensual nur vorübergehend an ein Ende. Ist die Demokratie demnach eine Staatsform des „institutionalisierten Wandels“?

 

Kommunikation und kommunikatives Handeln halte ich für wichtige, aber nicht allein entscheidende Momente, sofern man sie im engen Sinne nimmt. Konflikt und Streit sind jedenfalls ebenfalls elementare Bestandteile der Demokratie, weshalb der Kantische Terminus der „ungeselligen Geselligkeit“ weit treffender ist. Der genannte Begriff des Aushandelns weist schon darauf hin, dass es eben nicht allein um kommunikatives Agieren geht, sondern auch um technisches, strategisches, pragmatisches usf. Sowohl der Prozess des Kommunikativen als auch des Konfliktuellen sind nie zu Ende, sind in der Tat infinit. Ob nun die Demokratie, die wir aus vielen guten Gründen für die richtige Staatsform halten, eine Staatsform des implementierten Wandels ist, darf man in Frage stellen. Es gibt Demokratien – denken Sie etwa an die Schweiz -, die sich als wandlungsresistent erweisen. Oder denken Sie an die USA: Die amerikanische Verfassung ist den Amerikanern heilig; die wenigen Elemente, die in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten dazugekommen sind, erweisen sich als viel stabiler und wandlungsresistenter als unser Grundgesetz, das immer wieder Veränderungen unterworfen wird. Die Demokratie ließe sich also besser als eine Staatsform der institutionalisierten Auseinandersetzung mit den jeweiligen Umfeldbedingungen beschreiben. Die Umfeldbedingungen beziehen sich dabei auf die Bürger und ihre unmittelbaren Interessen, Wünsche usf. ebenso wie auf die kulturelle Lage und die internationale Situation.

 

 

"Die Bundesrepublik Deutschland ist eine Gesellschaft, die sich als sehr wandelbar und wandlungswillig erwiesen hat."

 

 

Wenn ja, wie kann sie dieser „Bestimmung“ am ehesten gerecht werden? Wären plebiszitäre Elemente ein wirksames Instrument, um den Wandel effektiver zu „institutionalisieren“? Und wäre das wünschenswert?

 

Wir haben gesagt, dass die Demokratie offen für Wandel ist. Ob es tatsächlich zu Wandel kommt, ist eine andere Frage. Wenn man demokratische Grundprinzipien – auf der elementaren Ebene die Grund- und Menschenrechte, einschließlich Mitwirkungsrechte, und die Gewaltenteilung – in einer sich stark verändernden Welt bewahren möchte, muss man einige Veränderungen vornehmen. Man kann das Wandel nennen, aber auch Adaptation, kreatives Sichaneignen neuer Verhältnisse unter der Voraussetzung unwandelbarer Bedingungen von Grund- und Menschenrechten und Gewaltenteilung. Ich bin ein vehementer Vertreter der direkten Demokratie, wobei die direkte Demokratie nicht als Alternative zur repräsentativen zu verstehen ist. Es geht jedoch um die Frage, ob man die repräsentative Demokratie um plebiszitäre Elemente erweitern, bereichern, vertiefen kann. Und das halte ich unter anderem deshalb für nötig, weil unsere Rechts- und Staatsverhältnisse relativ groß sind, weil die Parteien eine Übermacht bekommen haben, weil die Politik zu einer Art autistischem Subsystem geworden ist, das sich zu wenig an die Bürger zurückbindet. Die Politik muss immer wieder daran erinnert werden, dass der Souverän nicht die gewählte Regierung ist, sondern der wahlberechtigte Bürger. Und der möchte eben nicht im Großen und Ganzen nur alle vier Jahre gefragt werden.

 

 

Honoré Victorin Daumier: Oh, welch ein Vergnügen, ein Wähler zu sein!, LE CHARIVARI, 5.05.1870; Standort: Bibliothèque Nationale de France, Cabinet des Estampes, Paris.

Honoré Victorin Daumier: Oh, welch ein Vergnügen, ein Wähler zu sein!, LE CHARIVARI, 5.05.1870; Standort: Bibliothèque Nationale de France, Cabinet des Estampes, Paris.

 

 

Ist die Demokratie zukunftsfähig?“ fragen Sie in einem Ihrer Bücher. Das ließe sich auch als Beitrag zum Posthistoire-Diskurs lesen: Wir sind also nicht am „Ende der Geschichte“ angelangt? Unter welchen Voraussetzungen wäre die Demokratie Ihres Erachtens „zukunftsfähig“?

 

Jene Post-Komposita, die Postmetaphysik, Posthistoire usw., halte ich für Augenblicksbeschreibungen, über die wir ständig hinausgehen. Solange die Menschen weiterleben, Sorgen haben, die sie individuell und existentiell tief treffen, kann man nicht von einem Ende der Geschichte sprechen. Nun zu den Voraussetzungen, unter denen Demokratie zukunftsfähig ist: Zunächst ist festzuhalten, dass es zur Demokratie keine ernsthafte Alternative gibt. Dass die Menschen, sofern sie eine Herrschaft und Regierung brauchen, über sich selber herrschen und damit für sich selber und ihre Zukunft verantwortlich sind, dass sie Antworten auf Herausforderungen finden, die sie vor sich selber verantworten müssen, dazu lässt sich, wenn wir ehrlich sind, keine Alternative denken. Die Zukunftsfähigkeit der Demokratie bezeichnet aber zunächst einen Rahmen, der sich, sofern die Demokratie deliberativ und partizipativ ist, in verschiedenartiger Gestalt ausformulieren lässt. Deliberativ meint, dass diskutiert und debattiert wird, sowohl im Vorfeld parlamentarischer Debatten als auch die Debatten kommentierend und bewertend. Ein schlechtes Beispiel wäre hier die Debatte um den Vertrag von Lissabon, die mit dem 60. Jahrestag des Kriegsendes zusammenfiel. Damals hatte sich selbst die ernsthafte Presse mehr Mühe damit gemacht, medial wirkungsvolle Kriegsveteranen abzubilden als über den Lissabon-Vertrag angemessen zu diskutieren. In Berlin wurde das Ganze dann lediglich durchgewinkt - einerseits weil die Parlamentarier selbst die Details wohl kaum kannten und beurteilen konnten, andererseits weil sie die Sorge hatten, die Deutschen könnten weniger "europafreundlich" sein, als sie hofften. Das war, ich muss es so hart sagen, ein Schimpf und eine Schande für alle Beteiligten, für die Politik und die Medien, dass sie sich auf einen so wichtigen Diskurs nicht ernsthaft und ergebnissoffen eingelassen haben. Die Politik müsste an derart entscheidenden Stellen und nicht immer nur im Allgemeinen und Ungefähren deliberativ sein. Dann müssten die Bürger nämlich nicht erst durch provokante Bücher auf Probleme aufmerksam gemacht werden, die man schon seit 20 oder 30 Jahren hätte zur Kenntnis nehmen können und müssen. Natürlich brauchen wir etwa eine Diskussion über unsere Zuwanderer, über ihre Rechte und Pflichten. Man möchte doch beinahe darüber lachen, dass gestritten wird, ob die Zuwanderer die Grundordnung unseres Rechts und unserer Staatlichkeit anerkennen müssen. Die mehr oder weniger versandenden Dauerdebatten kennen wir ja zur Genüge. Die Partizipation wäre der zweite Aspekt und fordert, dass plebiszitäre Elemente eine größere Rolle spielen.

 

 

"Die Politik muss immer wieder daran erinnert werden, dass der Souverän nicht die gewählte Regierung ist, sondern der wahlberechtigte Bürger."

 


Würden Sie sagen, dass in unseren Gegenwartsgesellschaften die Deliberation allzu oft im Ungefähren bleibt?

 

Ich habe das in einem Buch als Alternative zwischen Drängen und Verdrängen bezeichnet. Der Politik und unseren Medien ist es zum Beispiel gelungen, unsere Staatsverschuldung zu verdrängen; man hat die Folgen einer gut vorhersehbaren veränderten Demographie verdrängt; man hätte über die Gründe für den ausbleibenden Nachwuchs nachdenken können und müssen.

 

Und Verdrängung hat überaus negative Folgen...

 

Die Verdrängungen holen uns natürlich ein. Etwa wenn die Staatsverschuldung so hoch ist, dass wir kaum noch Investitionen leisten können. Wir sind es aber unseren Kindern und Kindeskindern schuldig, sie mit angemessenen materiellen, institutionellen und kulturellen Infrastrukturleistungen auszustatten.

 

Und das Plebiszit wäre die richtige Weise, die Politik zum Ablassen von der Verdrängung zu drängen? Oder braucht es die katastrophischen Krisen, um Verdrängung überwinden zu können?

 

Das Plebiszit ist ein wichtiges Element. Man darf es aber auch nicht überschätzen. Grundlegend fehlt es in unserer Gesellschaft und der politischen Klasse an Courage. Es fehlt am Mut, der Bevölkerung klar zu sagen, was auf sie zukommt. Und es fehlt an der Fähigkeit, ernsthaft strategisch, d.h. an die Zukunft zu denken. Stattdessen orientiert sich die Politik taktisch an Wahlumfragen, an irgendwelchen Zustimmungsskalen und am nächsten anzustrebenden Wahlsieg. Die Politik ist mehr und mehr ein autistisches, autoreferntielles System geworden, das sich nicht allzu sehr darum kümmert, was die Bürger denken - es sei denn, es wird ihnen „um die Ohren geschlagen“. Wichtiger ist den politisch Verantwortlichen in aller Regel die Zustimmung ihrer Parteitage oder entscheidenden Parteigruppierung. Das muss aufhören. Parlamentarier sind Vertreter des Volkes, nicht einer Partei und ihrer Klientel. Gleichwohl muss man auch sagen, dass das Gros der lokalen Demokratiebewegungen Protestbewegungen sind, die zwar ein wichtiges Element der funktionierenden Demokratie bleiben. Aber sie entwickeln sich selten zu einer konstruktiven Kraft. Die Politik braucht aber nicht nur Protest, sondern auch konstruktive Mitwirkung.

 

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Bernd Pohlenz: Souverän und Politik, 1999, 21 x 29,7 cm, Aquarell, Airbrush und schwarze Tusche auf Karton; Standort: Berlin, Privatbesitz; Copyright: Bernd Pohlenz.
www.toonpool.com

 

Was bedeutet Subsidiarität? Inwiefern halten Sie das Subsidiaritätsprinzip für ein Ordnungsmuster, das insbesondere den modernen Gesellschaften angemessen ist?

 

Das lateinische subsidium hat ursprünglich eine militärische Bedeutung: Wenn die vorderen Reihen nicht mehr reichen, werden auch die hinteren herangezogen. Für uns heute ist an diesem Prinzip relevant, dass zunächst die Individuen oder Kleingruppen selbständig, selbstbewusst und eigenverantwortlich handeln. Nur dort, wo sie es aus eigener Kraft nicht mehr schaffen, verdienen sie Hilfe von übergeordneten Instanzen. Und das halte ich für ein ausgezeichnetes Ordnungsmuster für eine Gesellschaft, die den Anspruch hat, nah am Individuum, am Bürger zu sein und die Prinzipien von Selbstbestimmung und Eigenverantwortung hochzuhalten.

 

Was folgt daraus für den Bereich des Politischen?

 

Daraus folgt, dass man möglichst viele Prozesse nach unten anbindet und in unteren, basisnahen Rängen entscheiden lässt. Die Kommunen sollen über ihre Angelegenheiten entscheiden, nicht lediglich von oben Aufgaben diktiert bekommen, für die ihnen am Ende die Finanzmittel fehlen. Wo es möglich ist, sollen die Länder, nicht der Bund, soll der Bund, nicht Brüssel entscheiden. Einige Dinge können wir freilich nur international entscheiden: Kriegsgefahr, organisierte Kriminalität, viele Notwendigkeiten des Klimaschutzes usw. Wir brauchen also beides: die Rückbindung nach unten und eine globale Rechtsordnung.

 

 

"Die Politik braucht nicht nur Protest, sondern auch konstruktive Mitwirkung."

 


Sie sprechen vom „Nutzen des Nutzlosen“ und meinen damit die Philosophie „im Zeitalter der Globalisierung“. Inwiefern ist die Philosophie „nutzlos“? Inwiefern „nutzt das Nutzlose“? Oder anders: Welche Rolle kann, welche Rolle sollte die Philosophie im gesellschaftlichen Kontext der Gegenwart spielen?

 

Die Philosophie hat traditionell ein großes Selbstbewusstsein und braucht sich angesichts ihrer zweieinhalbtausendjährigen Geschichte dessen auch nicht zu schämen. Einen Nutzen des Nutzlosen hat freilich nicht nur die Philosophie, sondern haben auch die Kunst, die Musik, die reine Wissenschaft, die Astrophysik, die Altphilologien usw. Das Ganze "nutzt", weil der Mensch als Mensch eben nicht nur überleben und komfortabel leben soll, sondern, wenn er wirklich human sein will, auch Dingen nachgehen muss, die ihren Zweck in sich selber haben. Was nun die Philosophie im engeren Sinne betrifft: Seit Aristoteles unterscheiden wir zwischen theoretischer Philosophie (einer Philosophie qua theoria, qua Wissen, Einsicht und Forschung um ihrer selbst willen) und praktischer Philosophie, die sich mit Fragen der Ethik, der Politik, der Gesellschaft und Wirtschaft beschäftigt und im Dienst der Menschen steht, sofern sie zeigen soll, was ein moralisches, gerechtes, gutes Leben usw. ist. In praktischer Hinsicht also ist die Philosophie von jeher alles andere als "nutzlos". Zum Nutzen der Philosophie gehört zudem, dass in ihr Tradition erinnert und dadurch Bescheidenheit eingeübt wird. Oft werden ja Einsichten als "neu" proklamiert, die die Philosophie seit Jahrhunderten kennt; manchmal erweist sich das angeblich "Neue" bei genauerer Kenntnis der Philosophiegeschichte. als durchaus alt. "Nutzlos" sind alle diese Dinge lediglich im ökonomischen, nicht aber im menschlichen Sinne. Sowohl beim einzelnen als auch bei der Gesellschaft erweist sich die bloße BWL-Mentalität als pure Torheit.

 

Quid pro quo heißt ein berühmter Rechts- und Wirtschaftsgrundsatz: „dieses für das“. Das bezeichnet ein bestimmtes Verhältnis von Nehmen und Geben, das Kooperation unter egoistischen Individuen ermöglichen soll. Kommt es hier zu einem Missverhältnis, spricht die Psychologie von Narzissmus, die Biologie von Parasitismus. Ist unsere gegenwärtige Gesellschafts- und Wirtschaftsform zunehmend „parasitär“? Was müsste sich ändern?

 

Sofern unsere Gesellschaft auf Kosten unserer Kinder und Kindeskinder lebt, sichtbar etwa in der Überbevölkerung, dem wachsenden Pro-Kopf-Verbrauch an Wohnraum, Trinkwasser, Umweltressourcen usw., lebt unserer Gesellschaft in der Tat parasitär. Andererseits sollte man nicht vergessen, dass es zugleich eine Gesellschaft ist, in der Musik und Theater, Literatur und Kunst, Medizin und Technik, Natur- und Geisteswissenschaften aufblühen dürfen und dadurch eine - im weiten Sinne -  „kulturelle“ Infrastruktur entstanden ist, von der unsere Nachkommen profitieren. Insofern ist es wahrscheinlich nicht leicht zu bilanzieren. Jedenfalls müsste sich die verbreitete BWL-Mentalität ändern, die nur Rotstift und Kürzungen kennt und diesen Rotstift am liebsten im Bereich der Kultur (jetzt im engeren Verständnis) ansetzt. Dass die Kultur im Ausland der beste Botschafter ist, den man sich vorstellen kann, zudem ein vergleichsweise überaus preiswerter, wird dabei vollends ausgeblendet. Musik etwa: sie überschreitet alle Grenzen und ermöglicht Wandel über sprachliche, kulturelle und sonstige Konflikte hinweg. In den Außenministerien aber scheint man das nicht zu verstehen. Jeder Euro, den wir in Kultur investieren, bringt ein Hundert- und Tausendfaches an Mehrwert.

 

 

"Die bloße BWL-Mentalität ist pure Torheit."

 

 

Verdrängt der Homo oeconomicus den Homo communis?“ - lautet der Titel eines Buches. Besteht hier ein Gegensatz? Und besteht ein Verdrängungsverhältnis?

 

Rein begrifflich – und der Begriff ist hier eine Fiktion – steht Homo oeconomicus im Gegensatz zum Homo communis. Wenn man indessen der (in den Wirtschaftswissenschaften verbreiteten) Meinung ist, dass der Markt die beste Institution ist, um die Menschen zusammenzubringen, so beginnt sich dieser Gegensatz schon aufzulösen. Allerdings bleibt der Begriff Homo oeconimicus eine reine Fiktion, weil Menschen eben nicht rein egoistische Individuen sind. Und die Sozialwissenschaften sagen uns, dass gerade in Gesellschaften mit einem hohen Grad von Individualisierung, in der namentlich in der Mittelschicht die Individualität besonders ausgeprägt ist, dass gerade in diesen Gesellschaften sich ein hohes Maß an kommunitären Fähigkeiten und Hilfsbereitschaft entwickelt. Das Zusammenspiel von hochgradiger Individualisierung und bürgerschaftlichem Engagement ist gleichlicherweise für einen Gutteil unserer modernen Gesellschaft charakteristisch. Insofern sind Homo communis und Homo oeconomicus begriffliche Hilfsmittel, um die extremen Ausprägungen oder Pole unserer Wirklichkeit zu bezeichnen. Eine vernünftige Sozialtheorie sieht aber beide Begriffe zusammen. Zu Recht haben die großen Philosophen von Platon, Aristoteles über Kant und Hegel haben von vorneherein die Extrembegriffe vermieden. Kant spricht wie gesagt von “ungeselliger Geselligkeit”, Hegel vom “Kampf um Anerkennung”, womit sie zwischen Kommunikation und Konflikt vermitteln. Diese Vermittlung ermöglicht eine beachtliche kulturelle und humane Entwicklung.

 

 

 

 

Otfried Höffe ist Professor für Philosophie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Er ist einer der bekanntesten deutschen Sozialphilosophen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der philosophischen Ethik, der politischen und Rechtsphilosophie. Otfried Höffe ist Verfasser zahlreicher Bücher: Politische Gerechtigkeit. Grundlegung einer kritischen Philosophie von Recht und Staat, Frankfurt (Suhrkamp)1994; Moral als Preis der Moderne. Ein Versuch über Wissenschaft, Technik und Umwelt, Frankfurt (Suhrkamp) 1995; Demokratie im Zeitalter der Globalisierung, München (Beck) 2001; Ist die Demokratie zukunftsfähig? Über moderne Politik, München (Beck) 2009.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Interview: GAB

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