Standhaft nur in stetem Wandel?
Der Mensch und seine Gesellschaft
„Naturwissenschaftler wissen genau, wie zwei Atome in einem Molekül zusammengehalten werden. Was aber hält unsere Gesellschaft zusammen?“
(Elisabeth Noelle-Neumann)
Wirft man einen Blick in die Archive des Denkens, fällt auf, dass einerseits das gesamte abendländische Denken von der anthropologischen Gewissheit geprägt ist, dass der Mensch ein homo socialis oder – wie Aristoteles sagt - ein zoon politikon ist: „Der Mensch ist von Natur aus ein auf die Gesellschaft angewiesenes Lebewesen: er ist ein ‚zoon politikon’.“ Mit anderen Worten: Der Mensch ist (oder wird) Mensch und Individuum in vollem Umfang nur in Gesellschaft, in der Interaktion mit anderen. Wiederum Aristoteles: „Wer (...) nicht in Gemeinschaft leben kann, oder ihrer, weil er sich selber genug ist, gar nicht bedarf, ist kein Glied des Staates und demnach entweder ein Tier oder ein Gott. Darum haben denn alle Menschen von Natur in sich den Trieb zu dieser Gemeinschaft (...).“ Zugleich indessen ist „die Gesellschaft“ - nicht eine besondere Gesellschaft, diese oder jene soziale Gruppe, sondern das soziale Leben als solches - durch die Jahrhunderte Gegenstand der Klage, der Ablehnung, des heftigen Ressentiments: „Du fragst, was du nach meiner Meinung vor allem zu meiden habest: die große Masse.“ So der römische Philosoph Seneca. “Jede Gemeinschaft macht, irgendwie, irgendwo, irgendwann - 'gemein'.“ So Friedrich Nietzsche. “Wer sich respektiert, kann nur in den Zwischenräumen der Gesellschaft leben.“ So der Aphoristiker Nicolás Gómez Dávila. Die Reihe ließe sich nach Belieben fortsetzen.
William Hogarth: A Modern Midnight Conversation, c. 1765.
Dieses Ressentiment mag mit der elementaren anthropologischen Doppelung zu tun haben, die Immanuel Kant folgendermaßen zusammenfasste: „Der Mensch ist zugleich ein ichhaftes (personales) und ein gesellschaftliches (soziales) Wesen. Das menschliche Leben ist somit eine Auseinandersetzung des einen mit dem anderen.“ Der Mensch sei gekennzeichnet durch seine „ungesellige Geselligkeit“. In diesem Spannungsfeld des Lebens und Denkens taucht immer wieder ein Aspekt auf, der einigen Beobachtern besonders widerwärtig zu sein schien: die Assoziation von „Gesellschaft“ mit dumpfem Stillstand, mit Einengung und lähmender Begrenzung. „Nicht, was lebendig, kraftvoll sich verkündigt, / Ist das gefährlich Furchtbare. Das ganz / Gemeine ist's, das ewig Gestrige, / Was immer war und immer wiederkehrt, / Und morgen gilt, weil's heute hat gegolten!“, legte Friedrich Schiller Wallenstein in den Mund. Und Friedrich Nietzsche meinte: „Die Tendenz der Herde ist auf Stillstand und Erhaltung gerichtet, es ist nichts Schaffendes in ihr.“ Goethe ließ im zweiten Teil des „Faust“ interessanterweise eben den Kaiser deklarieren: „Die Menge schwankt / im ungewissen Geist, / Dann strömt sie nach, / wohin der Strom sie reißt.“ Ähnlich - wenn auch freilich aus anderer Perspektive - beurteilte es der Philosoph Ralph Waldo Emerson: „Die Gesellschaft ist eine Welle. Sie selbst bewegt sich vorwärts, nicht aber das Wasser, woraus sie besteht.“ Wie aber das? Wie wäre das möglich? Der „Strom“ selbst schafft Veränderungen, während die Menschen sich nur mittragen lassen? Kann sich dieser „Strom“, diese „Welle“ nicht aber nur aus den Menschen selbst und ihren Antrieben und Aktionen bilden?
Honoré Victorin Daumier: Wie man dem geistreichen Volk der Erde das Meer darstellt, 1856; Bildnachweis: Benno Fleischmann: Honoré Daumier. Gemälde, Graphik, Wien o. J., S. 174.
In einer Folge von Gesprächen mit namhaften Wissenschaftlern, Künstlern und Publizisten wollen wir in den nächsten Wochen der Frage nachgehen, was einerseits Gesellschaften zusammenhält, soziale Kohäsion ermöglicht und auch notwendig macht, andererseits Gesellschaften in Richtung Wandel „öffnet“, soziale Formationen „aufbricht“, soziale Koordinaten verschiebt, so dass Gesellschaften auf Veränderungen reagieren, neue Anforderungen aufnehmen, „Altlasten“ loswerden, sich abzeichnende Probleme bewältigen, drohende Katastrophen abwenden können. Dabei werden grundlegende Fragen zu stellen sein: Warum brauchen wir überhaupt Gesellschaft? Was schafft sozialen Zusammenhalt? Was überhaupt meint der Ausdruck „sozialer Wandel“? Wer genau wandelt sich da? Und wie? Was sagt die Anthropologie, was lehrt uns die Natur des Menschen über Konstanz und Wandel? Was veranlasst uns, Teil einer, dieser oder einer anderen Gruppe zu sein und zu bleiben? Entwickeln soziale Formationen eine Eigendynamik, die dazu führt, dass das aus Individuen sich Zusammensetzende, das von Menschen Geschaffene mehr und mehr ohne den individuellen Beitrag der Menschen auskommt? Lässt sich diese Eigendynamik aber losgelöst betrachten von den einzelnen Akteuren? Denn richtig ist ja auch: „Wer bildet denn die Neuigkeitsträger (...) als die Gesellschaft?“ (Goethe)
"In der heutigen Soziologie wird sozialer Wandel (...) als Veränderung in der Struktur eines sozialen Systems definiert. Sozialer Wandel ist auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen zu beobachten, auf der Makroebene der Sozialstruktur und Kultur, auf der Mesoebene der Institutionen, korporativen Akteure und Gemeinschaften, auf der Mikroebene der Personen und ihrer Lebensläufe.“ (Ansgar Weymann) Wir sehen: Das Phänomen bezieht sich auf die Gesellschaft im Ganzen, nicht auf einzelne Teilsysteme, die zwar jedes für sich unter dem Gesichtspunkt des Wandels in den Blick genommen werden können, aber für sich allein, gleichsam isoliert keine befriedigende Antwort auf die Frage nach den vielgestaltigen Bereichen, Komponenten, Aspekten, Prozessen und Akteuren des sozialen Wandels liefern können. Es ist eine Vielzahl von Ebenen, eine Vielzahl von Facetten und Blickrichtungen, die zu berücksichtigen sind, wenn man einem so vielgestaltigen Phänomen sich zu nähern versucht. Deshalb soll die Gesellschaft, soll das weite Feld, das sich mit der Frage nach sozialer Kohäsion und sozialem Wandel auftut, aus verschiedenen Perspektiven gesichtet und erkundet werden: Philosophische, soziologische, politologische, künstlerische Aspekte sollen neben kulturtheoretischen, ökologischen und psychologischen zu Wort kommen. Dabei wird uns eine Vielzahl von Begriffen begegnen und vielleicht in neuem oder klarerem Licht erscheinen, die uns nahezu täglich begegnen, die wir unzählige Male gehört und gelesen haben, die wir aber vielleicht nicht immer sogleich in ihrem Zusammenhang zu sehen vermochten: Sozialstruktur, soziale Ungleichheit, soziale Evolution, Kultur, Fortschritt, Modernisierung, Revolution, Rationalisierung, Individualisierung, Globalisierung, Differenzierung...
In den nächsten zwei Monaten wollen wir jede Woche eine Stimme aus dem vielstimmigen Chor derer, die heute über Gesellschaft und sozialen Wandel nachdenken, zu Wort kommen und aus ihrer spezifischen Blickrichtung uns Anhaltspunkte, Elemente und Theorien des Wandels vorstellen und vertiefen lassen. Im Idealfall wird sich so allmählich ein Mosaik zusammensetzen, das den Zusammenhang, aber auch die Besonderheit, Nähe und Distanz der verschiedenen Betrachtungs- und Herangehensweisen, das Zusammenhängende sowohl wie das Disparate aufzeigt. „Die Enge des Bewusstseins ist eine soziale Forderung“, lautet ein Aphorismus Franz Kafkas. Inwiefern das zutreffend ist oder sein könnte und inwiefern das keineswegs so sein muss, inwiefern also Sozialität die bewusstseinsmäßige „Enge“, den Widerstand gegen Neuerungen und Veränderungen, den sie in gewisser Hinsicht postuliert, zugleich auflöst, zugleich unmöglich macht und in Richtung Wandel „öffnet“, diesem Zusammenhang wollen wir hier mit unseren Gesprächspartnern nachgehen.
Den Auftakt zu unser Serie macht der Philosoph Otfried Höffe, der in Tübingen lehrt und einer der angesehensten praktischen und Sozialphilosophen der Gegenwart ist. Mit ihm gehen wir unter anderem der Frage nach den grundlegenden anthropologischen und sozialphilosophischen Voraussetzungen menschlicher Sozialität nach. In den nächsten Wochen werden ihm der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme, der Politologe Claus Leggewie, der Philosoph Vittorio Hösle, der Politiker Wolfgang Thierse und andere folgen.
Literatur:
Weymann, Ansgar (1998): Sozialer Wandel. Theorien zur Dynamik der modernen Gesellschaft. Weinheim/München: Juventa.
Text: GAB